Armer Teufel

Was immer er angestellt haben mag, der Satan, der gerade vom Erzengel Michael anscheinend recht demütigend besiegt wurde, kann einem fast Leid tun. Nun ja, den Höllensturz, der ihm jetzt bevorsteht (Offenbarung 12,7-9), hätte er vermeiden können, hätte er sich nicht zum ultimativen Kämpfer für das Böse stilisiert. Aber trotzdem…

Die Besiegung des Teufels durch den Erzengel Michael ist ein beliebtes und sehr häufig vorkommendes Motiv in der christlichen Kunst. Aber so putzig und einfühlsam dargestellt wie hier auf der Fassade dieses großen vierstöckigen Miets- und Wohnhaus in der Kotevní 1277/2, Ecke Strakonická sieht man dabei den Teufel selten. Jammervoll schaut er drein, als ihm der Fuß siegesgewiss in den Nacken gesetzt wird. Und seine Kopfbedeckung erinnert fast schon an eine Narrenkappe. Der Anspruch, der eigentliche Weltenherrscher und Gottesrivale zu sein, ist wohl gerade offenbar endgültig lächerlich gemacht worden.

Hingegen sieht der gute Erzengel Michael extrem ernst und pflichtbewusst aus. Er hat ja auch als einer derjenigen Cherubim, die Adam und Eva „mit dem flammenden, blitzenden Schwert“ (1. Mose 3.24) aus dem Paradies vertrieben, schon eine gewisse abgeklärte Routine mit dem Bestrafen von Bösewichtern und Bösewichtinnen. Und ihm geht es ja um Gerechtigkeit und nicht um den Spaß am Strafen. Wer der Künstler ist, der die überlebensgroße Statuengruppe in Stuck gestaltet hat, ließ sich leider nicht herausfinden. Das ist schade, denn sowohl Statuen, als auch die restliche Fassadengestaltung des Hauses sind recht ungewöhnlich und prachtvoll ausgestaltet.

Es handelt sich um ein Haus im frühen Jugendstil mit leicht historistischen Anleihen. Es dürfte wahrscheinlich ganz zu Anfang des 20. Jahrhundert, irgendwann zwischen 1900 und 1905 erbaut worden sein, als sich der Stadtteil Smíchov (Prag 5), in dem es sich befindet, zu einem aufstrebenden Industrieviertel entwickelte. Es befindet sich in der direkten Umgebung der 1869 gegründeten Brauerei Staropramen, die heute die größte Brauerei Prags ist. Die Fassade bietet des Hauses in der Kotevní bietet neben der besonders auffälligen Statue des Erzengels/Satans viel optische Abwechslung in Form von Erkern und Ecktürmen, aber auch skulpturale Elemente, bei denen der Jugendstil deutlicher wahrnehmbar ist.

Die mit floralem Ornament ergänzte Maskarone im Bild oberhalb links sei als Beispiel gezeigt. Aber auch die Ornamentik des Haupteingangs (Bild rechts) kann sich in dieser Hinsicht sehen lassen.

Wie gesagt: Schade, dass ich nicht herausfinden konnte, wer das Haus erbaut und gestaltet hat. Aber immerhin tröstet, dass die Schönheit des Gebäudes durch den Erzengel vor dem Bösen geschützt ist, und dass der Satan – so mitleidig er auch ausschauen mag – nun in die Hölle gestoßen wird, wo ihm, wenn man dem großen Dichter John Milton (Paradise Lost, I. 59–64) glauben darf, Schlimmeres als die Finsternis dräut, nämlich „no light, but rather darkness visible. Serv’d only to discover sights of woe.“ (DD)

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