Ausnahmsweise restituiert

Er sitzt nicht hoch zu Roße, wie man es von weltberühmten Statue auf dem Wenzelsplatz kennt. Aber ansonsten hat die Statue des Heiligen Wenzel (Svatý Václav), die man hier bewundern kann, alles, was die christliche Ikonographie von Wenzel so verlangt: Den Herzogshut, das Banner mit dem Wenzelsadler und sein Schild, der ebenfalls mit dem Adler geschmückt ist.

Zu sehen ist der Heilige außen an der dem Platz zugewandten Ecke der Neuen Probstei (Nové proboštství) im vierten Hof der Prager Burg, dem náměstí U svatého Jiří, Haus Nr. 34/4 (Platz des Heiligen Georgs). Sie liegt somit in etwa zwischen der alten romanischen Basilika des Heiligen Georgs (Bazilika sv. Jiří) mit dem dazugehörenden Kloster der Benediktinerinnen (wir berichteten hier) und dem großen Veitsdom (Katedrála sv. Víta ) . An dieser Stelle befand sich nicht immer dieses Gebäude und auch nicht der Sitz der Probstei. Der war vorher nämlich im dritten Hof zu finden, wo man das Gebäude der Alten Probstei noch sehen kann, das diese Funktion von 1486 bis 1880 ausfüllte. Es handelt sich um ein barockisiertes gotisches Haus direkt beim Veitsdom.

An der Stelle, wo man heute die Neue Probstei findet, befanden sich lange Zeit zwei Renaissancehäuser. In einem davon residierte ab 1652 der für den Schutz des Königs verantwortliche Burghauptmann (Hejtman Pražského hradu); zu diesem Zeitpunkt ein gewisser Rudolf Tycho Tengnagl z Kampu, ein Nachfahre des berühmten dänischen Astronomen Tycho Brahe, der am Hofe in Prag wirkte. Bis zum Tod des letzten Burghauptmanns, František Václav Markvart z Hrádku, im Jahre 1743 behielt das Haus die Funktion bei, dann wurde das Amt des Burghauptmanns abgeschafft Anscheinend braucht der König nicht mehr so viel Schutz. In dem anderen Haus residierte übrigens die Äbtissin des Klosters des Heiligen Georgs.

 

Beide Gebäude wurde im Zuge der Restaurierung und Fertigstellung des seit dem Mittelalter unvollendeten Veitsdoms in den Jahren 1877 bis 1888 abgerissen und durch ein einziges neues Gebäude ersetzt, die Neue Probstei samt in Stein gemeißelten Wappen (Bild links). Die Pläne entwarf der Architekt Josef Mocker (über den wir schon u.a. hierhier hierhier und hier berichtet haben), der zwischen 1873 und seinem Tode 1899 der Dombaumeister und obendrein ein Spezialist für neogotische Architektur war. Dieser Stil passte natürlich in das architektonische Umfeld. Mit der (neo-) gotischen Fassade und den beiden Giebelrisaliten harmoniert er jedenfalls mit der Architektur des Veitsdoms, den Mocker gerade überarbeitete.

Der erste Domprobst, der hier von der Alten Probstei her einzog, war der als Mäzen bekannte Adolf Würfel, der die Bauarbeiten organisatorisch intensiv begleitet hatte. Über das Gebäude konnte er sich gewiss nicht beschweren, bot es nicht nur genügend Raum, sondern war auch noch mit einer schönen eigenen Hauskapelle ausgestattet. Von dem vor Blicken der Burgbesucher geschützten Innenhof konnte er einen herrlichen Ausblick über den Hirschgraben (Jelení příkop) und den Königlichen Garten genießen. Und dann ist da noch die schöne neogotische Statue des Heiligen Wenzel, die wir bereits erwähnten. Sie ist das Werk Bildhauers Ludvík Šimek (erwähnten wir u.a. bereits hier und hier). Der war geradezu routiniert in Sachen Wenzel, denn für ihn war es nicht die einzige Darstellung des Heiligen aus seiner Hand, stammt von ihm doch nicht nur die Wenzelsstatue auf der Karlsbrücke, sondern auch das hübsche Majolika-Relief des Heiligen über dem Portal der Kirches des Heiligen Wenzel (Kostel sv. Václava) in Smíchov (siehe auch hier).

Das gute Leben der Domprobste hier endete nach 1948 als die Kommunisten die Macht ergriffen. Die enteigneten das Gebäude nebst vielem anderen Kirchenbesitz umgehend. In den Jahrzehnten des Regimes wurde das Gebäude stark vernachlässigt und verfiel immer mehr. Die Situation änderte sich auch nicht auf einen Schlag als der Kommunismus durch die Samtene Revolution 1989 beendet. Offenbar nahm auch der neue demokratische Staat eine (in Tschechien populäre) anti-klerikale Haltung ein. Man dachte wohl auch, dass die Burg als Ganzes mit allen ihren Teilen ein staatlich-öffentliches Gut sein müsse, das etwa Besuchern große Rechte einräumt. Erst 2015 wurden Staat und Kirche irgendwie handelseinig. Viele der „Schmuckstücke“, wie etwa der Veitsdom, blieben in Staatshand. Die Kirche bekam zwei Gebäude ausnahmsweise restituiert: Die Georgsbasilika und die Neue Probstei. Sie verpflichtete sich darüber hinaus, die arg ramponierten Gebäude innerhalb von fünf Jahren zu restaurieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – was sie übrigens schaffte.

Ob der Deal fair gegenüber der Kirche war, sei dahingestellt. Was das Gebäude der Neuen Probstei, so kann man seit Ende 2023 durch den Eingang den Innenhof mit Blick auf Hirschgraben und Königlichen Garten betreten. In näherer Zukunft soll auch innen die Kapelle geöffnet werden. Der westliche Flügel der Probstei war in einem so deplorablen Zustand, dass er abgerissen und im Hof direkt neben der Kapelle durch ein modernes, sehr funktionalistisches Gebäude ersetzt wurde (Bild rechts). Über Geschmack kann man streiten (ich finde es gar nicht so hässlich), aber von außen sieht man nichts, also auch nicht was das Ensemble mit Veitdom und Georgsbasilika optisch beeinträchtigen könnte. Auch vom Königsgraben ist es kaum wahrzunehmen. Also insgesamt eine sehr geschickt gemachte Lösung. In dem neuen Anbau befindet sich das neu eröffnete Café einer amerikanischen Restaurantkette. Das ist OK, aber man hätte auch mit etwas Originellerem kommen können. (DD)

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