Ausstellung: Wie der Adel aus Böhmen und Mähren nach 1945 Brücken baute

Am Montagabend lud der Adalbert Stifter Verein zur Vernissage der Ausstellung „Kulturelle Brücken in Europa. Adel aus Böhmen und Mähren nach 1945“ ein. Bis November kann man diese nun im Prager Neustädter Rathaus (Novoměstská radnice) besuchen.

Einem vergangenen Gespräch lauschen, Biografien über Engagement studieren und dem Adel aus Böhmen und Mähren einmal Auge in Auge auf lebensgroßen Fotografien gegenüberstehen – am 18. September öffnete die Ausstellung über das Engagement von acht ausgewählten Personen des vertriebenen oder geflohenen Adels aus Böhmen und Mähren nach 1945 ihre Türen. Bevor sie ins Neustädter Rathaus in Prag kam, wurde die Ausstellung des Adalbert Stifter Vereins schon in München, Düsseldorf und Aussig präsentiert. Sie entstand in Kooperation mit dem Institut für totalitäre Regime (Ústav pro studium totalitních režimů) und der Organisation Post Bellum.

Johannes Lobkowicz erzählte von seinem Bezug zu einer Heimat, in der er nicht geboren werden konnte. Sein Vater floh 1948 zu Fuß über die Grenze im Böhmerwald nach Regensburg. Foto: Jasmin Apel

Eröffnet wurde der Abend mit einer Ansprache der Kuratorin Dr. Zuzana Jürgens. Ursprünglicher Anlass der Ausstellung sei der 100. Geburtstag von Johanna von Herzogenberg gewesen, erzählt Jürgens. Die 1946 nach Bayern Vertriebene wurde 1952 die erste Geschäftsführerin des Adalbert Stifter Vereins. Jürgens will außerdem auf etwas aufmerksam machen, wovon man einfach zu wenig wisse: „Man interessiert sich in Tschechien sehr viel für die Schicksale der Adelsmitglieder, die in Böhmen und Mähren geblieben sind. Darüber gibt es Bücher, da gibt es Interviews, das ist relativ gut erforscht. Auch gut erforscht sind die Schicksale bis zum Kriegsende 1945, aber diejenigen, die das Land verlassen haben, sind eben aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.“ Eine weitere Motivation sei gewesen, zu zeigen, welche Bedeutung die Zweisprachigkeit der vorgestellten Persönlichkeiten hat. So habe man einen besseren Zugang zueinander, erklärte die Kuratorin.

Auch Relikte der Zeit sind zu sehen – wie der Schlüssel zu einem Schloss, das einer Adelsfamilie enteignet wurde. Foto: Jasmin Apel

Das Engagement des Adels trug zur politischen Wende 1989 bei

Die in der Ausstellung gewürdigten Personen unterstützten die Heimatverbliebenen vom Ausland aus. Sie hielten ihre Beziehungen über den Eisernen Vorhang hinweg aufrecht und setzten sich für den Erhalt des gemeinsamen deutsch-tschechischen kulturellen Erbes ein, zum Beispiel durch Vermittlung von Literatur, erklärte die Kuratorin. „Oder Daisy Waldstein-Wartenberg von Wien aus, die über den Malteser-Orden Menschen mit Medikamenten versorgt hat.“ Jürgens betont: „Ich glaube, es geht einfach darum, dass sie diese Kontakte aufrechterhalten haben, dass sie das Land nicht vergessen und nicht abgeschrieben, sondern auch die Aufmerksamkeit darauf im Ausland immer wieder geweckt haben.“

Im Anschluss an die politische Wende sind einige Familien wieder nach Tschechien zurückgekehrt. Bis heute seien viele an ihren Heimatorten aktiv, so Jürgens. Wie zum Beispiel Pater Angelus Waldstein aus Hirschberg (Doksy). Sein Besitz war ihm nicht restituiert worden, aber er stehe im Austausch mit den Verwaltern des Schlosses. „Der freute sich sehr darüber, dass das Čtyřlístek-Museum, das ist ein Comic-Museum für Kinder, genau in den Zimmern des Schlosses untergebracht ist, in denen sie als Kinder ihre Zimmer hatten.“

Die Kuratorin Dr. Zuzana Jürgens fasziniert das Engagement der ausgestellten Persönlichkeiten. Sie hatten alles verloren, aber anstatt verbittert zu sein, haben sie anderen geholfen: „Das ist für mich etwas, das aktuell ist, wovon man sich viel nehmen und schauen kann, dass auch das möglich ist.“ Foto: Jasmin Apel

Den Abschluss der Ausstellung bildet der halbstündige Film „Adel im Exil“ von Jan Blažek. Dieser zeigt den böhmischen Adel nach 1918 in filmischen Interviews mit den Zeitzeugen als eine Art persönliche Kurzgeschichte. Der Besuch der Ausstellung im Neustädter Rathaus ist bis zum 19. November 2023 möglich. Der Eintritt ist kostenlos. Alle gezeigten Texte sind auf Tschechisch und Deutsch angegeben.

Zu der Ausstellung ist in diesem Jahr auch ein Begleitband erschienen. In Tschechien kann das Buch in allen Buchhandlungen, bei Kosmas sowie beim Verlag Argo bestellt werden (498 Kč), in Deutschland auf der Seite des Adalber Stifter Vereins (20 Euro).

Die Ausstellung wird gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Claudia Roth, den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und das Bayerische Ministerium für Familie, Arbeit und Soziales.

Mehr über die Ausstellung auf der Website des Neustädter Rathauses: http://www.nrpraha.cz/program/1278/kulturni-mosty-v-evrope-ceska-a-moravska-slechta-po-roce-1945/

Article by Jasmin Apel

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