Avantgardistisches Studentenheim

Ein Studentenwohnheim in Avantgardearchitektur, das ist etwas besonderes. Als es gebaut wurde, wollte der junge tschechoslowakische Staat seine Modernität und seine Bildungsbeflissenheit zur Schau stellen. Es handelt sich hier um das Kolej Švehlova (Švehla Kolleg) in der Slavíkova 1499/22, Ecke Křížkovského, im Stadtteil Žižkov.

In den Jahren 1923 bis 1925 wurde das riesige vierstöckige Gebäude nach den Plänen des bekannten Architekten Jan Chládek als Studentenheim für die Prager Karlsuniversität (über sie berichteten wir hier) erbaut. Es handelt sich stilistisch um ein typisches Beispiel für eine tschechische Sonderform des Kubismus, nämlich den sogenannten Rondokubismus (Beispiele präsentierten wir bereits u.a. hierhier und hier). War der auf rein abstrakte geometrische, oft kristallische Formen reduzierte Kubismus, der in Prag vor dem Ersten Weltkrieg modern war, noch ein Gegenpunkt zu Historismus und Traditionalismus, versuchte der Rondokubismus, die abstrakten Grundformen wieder auf traditionelle oder klassische Stilarten anspielen zu lassen.

Das sieht man unter anderem schön auf dem großen Bild oben, wo man auf den ersten Blick meinen könnte, große dorische Säulen würden die abgeflachte Ecke des Gebäudes säumen, während es sich in Wirklichkeit um eine neue Kombination von Scheiben und Zylindern handelt. Dafür sieht man im Dachbereich (Bild rechts), wie sich moderne Formgebung austobt. Das war damals architektonisch dernier cri!

Aber nicht nur in Sachen Avantgardestil wollte man signalisieren, wie wichtig einem die künftigen Bildungseliten waren, sondern auch in der Ausstattung. Es war voll elektrifiziert, es gab etliche großzügig angelegte Wasch- und Baderäume mit fließend Wasser (alles nicht selbstverständlich in der Zeit), vereinzelt sogar Zimmer mit exklusivem Bad. Es gab Räume für Gymnastik und Sport. Aufenthaltsräume, Küchen und Speisesäle. Im Keller befand sich eine große Waschküche. Nach der 1921 gegründeten Studentenkolonie Kolonka im Stadtteil Bubeneč (wir berichteten hier) war dies bis dato das fortschrittlichste Projekt für die Unterbringung der stark wachsenden Zahl von Studenten. Der Clou war dabei aber der Mehrzwecksaal im Keller, der 1928 in ein studentisches Kino, das Kino Academia, umgewandelt wurde (heute das architektonisch sensationelle Theater Venuše ve Švehlovce, über das wir bereits hier berichteten).

Benannt ist das Gebäude nach Antonín Švehla, der in den 1920er Jahren, der Ersten Republik, dreimal Ministerpräsident gewesen war. Er gilt somit als der erfolgreichste Politiker der damaligen Republik. Und seine Regierung hatte das Studentenheim, das ein Prestigeobjekt war, ein wenig alimentiert. Dafür war man dankbar. Aber größtenteils wurde das Ganze in Privatinitiative finanziert. Es gab Lotterien und Geldsammlungen. Die Genossenschaft, die die Gründung und später den Betrieb übernahm, verlangte am Ende auch 500 Kronen von den Eltern jedes hier untergebrachten Studenten, damit die Hypothek für den Bau abbezahlt werden konnte. Seither war das Gebäude dauerhaft für die Studenten in Betrieb – außer nach 1939 als die Studentendemonstrationen gegen die Nazibesetzung brutal niedergeschlagen und studentische Einrichtungen für einige Zeit geschlossen worden waren. Nach 1945 ging der Betrieb aber ungebrochen weiter.

Und so kann man immer noch die Schönheit des Gebäudes bewundern. Dazu gehören die Skulpturen über dem Haupteingang. Die sind das Werk des Bildhauers. František Uprka, ein Schüler des großen böhmischen Bildhauers Bohuslav Schnirch (wir berichteten über ihn u.a. hierhier und hier). Bei den vier Statuen handelt es sich um Allegorien der vier Jahreszeiten. Im Bild oberhalb rechts sieht man Frühling (Frühjahrschnitt der Bäume) und Sommer (Mann arbeitet mit bloßem Oberkörper). Im Bild links sind es Herbst (beim Säen) und Winter (drinnen am Spinnrad, dick bekleidet). Obwohl das Gebäude sehr groß angelegt war, nahm die Zahl der Studenten nach dem Zweiten Weltkrieg so zu, dass es zu klein wurde. In den 1950er Jahren (es herrschten die Kommunisten) wurde in der Křížkovského noch ein Anbau hinzugefügt. Der war stiliststisch weniger avangardistisch, worüber wir später berichten werden. (DD)

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