Bären und Kleinrussen

Heute ist der der 26. Juni, an dem man gemeinhin mit Trauer erfüllt den Bärengedenktag begeht. Was wäre ein besseres Motiv für diesen Tag, als dieses schöne Stuckrelief eines Bären auf der Fassade in der Pařížská 125/16 (Ecke Široká) im Herzen Prags?

Bevor wir zu diesem Gebäude kommen, ein Wort zum Bärengedenktag: Mit ihm gedenkt man des Mordes an „Problembär“ Bruno, der am 26. Juni 2006 in der Nähe von Bayrischzell auf Befehl des Umweltministers der Bayerischen Landesregierung (CSU) stattfand. Ausgerufen wurde der Trauertag von der Stiftung für den Bären im Gedenken an diese Bluttat. Der Braunbär war ein mittelloser Migrant aus Norditalien und hatte illegal über Österreich die Grenze zu Bayern überschritten, wo er sich eine bessere Zukunft erhoffte. Alle kleinen Kinder im Lande, die durch ihre Teddybären zur Liebe zum Bären erzogen waren, fanden Bruno süß, als er in den Medien auftauchte. Und dass er Schafe riss, sich an Menschen gewöhnte und zu clever war, sich fangen zu lassen, waren schließlich keine irgendwie triftigen Gründe, das putzige Zotteltier für gefährlich zu halten. Die kleinen Kinder, die vor dem Fernseher heulten als die Nachricht kam, dass Bruno erschossen worden sei, sind heute erwachsen und wahlberechtigt. Wenn sich die CSU fragt, warum ihre Wählerbasis schrumpft, dann kann die Antwort nur in den lang anhaltenden Traumata liegen, die das Meucheln des armen Ursiden damals auslöste, und die jetzt erst ihre elektorale Wirkung entfalten.

Kommen wir zurück nach Prag und zu dem Gebäude mit dem Bären über der Fensterreihe im dritten Stock: Das große vierstöckige Miets- und Wohnhaus liegt mitten in der Laden- und Luxusmeile, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Areal des früheren Judenviertels Josefov entstand. Wie man der großen Inschrift auf dem Hausschild über dem zweiten Stock entnehmen kann, wird es dům U Dvou Malorusek genannt, was soviel wie Haus zu den Zwei Kleinrussen bedeutet. Das bedarf einer Erklärung, denn wenn heute von „Kleinrussland“ die Rede ist, dann denkt man an den Teil der Ukraine, den von Russlands Autokraten Wladimir Putin gesteuerte Aufrührer als „selbständigen“ Staat ausgerufen haben, um die Ukraine zu demontieren und Russland einen recht durchsichtigen Vorwand für den brutalen Überfall des Landes im Februar 2022 zu liefern. Diese Leute gab es noch nicht, als das Haus gebaut wurde. Eigentlich geht der Begriff Kleinrussland auf das Mittelalter zurück, als der südwestliche Teil Russlands noch eigenständig war und von Kyiv (nicht Moskau!) aus regiert wurde.

Wie dem auch sei: Die Legende, die auch von Wikipedia verbreitet wird, besagt, dass das Haus für Eigner gebaut wurde, die eine zeitlang in dem damals immer noch nominell Kleinrussland genannten Teil des damaligen Russischen Reiches gelebt hatten, und sich mit dieser Region nach ihrer Rückkehr nach Prag anscheinend so sehr identifizierten, dass sie das Gebäude entsprechend so tauften. Wesentlich wahrscheinlicher ist, dass das Haus seinem Namen der 1888 erschienenen Geschichte Dvě Malorusky (Zwei Kleinrussen) des damals populären romantischen Schriftstellers Josef Václav Frič verdankt, der politisch einem panslawistischen Romantizismus frönte. Zu dieser politischen Orientierung passte das Thema der zwei Kleinrussen, denen das Haus gewidmet ist. Den Auftraggebern ging es also eher um Literatur und um eine politische Erneuerung. Die „Kleinrussen“ aus Fričs Geschichte sind auch eher ukrainische Exilanten und wären heute gewiss vehemente Gegner Putins, der russischen Aggression und des heutigen Missbrauchs des Begriffs „Kleinrussland“.

Gesichert ist jedoch, dass das Gebäude nach den Plänen des Architekten Jiří Justich (den wir schon hier und hier erwähnten) durch den großen Bauunternehmer  Matěj Blecha (erwähnt z.B. hier und hier) in den Jahren 1905/06 erbaut wurde. Damals war es Mode, den damals gängigen Jugendstil mit allerlei historistischen Elementen zu bereichern. Hier in der Gegend um die Pařížská nahm das ganz besondere Dimensionen an – und das dům U Dvou Malorusek ist eines der großartigsten Beispiele dafür. Das Haus zeichnet sich durch überbordende Ornamentik aus, die sich teilweise auf das „Generalthema“ Kleinrussland beziehen. Auf den ersten Blick fallen dabei schon aus der Ferne die auf Höhe des dritten Stocks am Erker befestigten und überlebensgroßen Statuen von Bauernmädchen in ukrainischer Tracht auf, die beide Körbe mit Früchten oder Gemüse tragen.

Und dann ist es auch ganz augenscheinlich die Fauna, die der Stuckkünstler auf der Fassade verewigt hat, die einen exotisch-kleinrussischen Eindruck erwecken soll. Für die Annahme, dass das Haus nicht für Besitzer gebaut wurde, die Kleinrussland tatsächlich kannten, sondern dass die Geschichte von Frič die Inspiration lieferte, spricht, dass sich der Künstler da nicht so recht auskannte. Irgendwie schien er zu erahnen, dass der Bär ein russisches Symboltier sein muss, und dass es in Russland oft kalt ist. Folglich handelt es sich bei dem großen Stuckursiden, den wir oben im großen Bild sehen, um einen Eisbären. Da das hier beschworene Kleinrussland im Südwesten Russlands (eben weitgehend in der heutigen Ukraine) liegt, der sich weitab der Polarregion befindet, ist diese Bärenart eigentlich fehl am Platze. Immerhin scheinen die kleinen und putzigen Bären, die man oben unter dem Dach auf dem Erkerturm findet, echte ortsübliche Braunbären zu sein. Man muss aber gute Augen haben, um die kleinen Stuckbärchen am First dort hoch oben zu erkennen.

Kurz: Das Ganze repräsentiert wohl eher ein künstlerisch imaginiertes Bild von Kleinrussland, denn ein reales. Gerade die „kleinrussische“ Fauna ist äußerst phantasievoll und mit einem leichten Schuss tschechischem Humor gelungen. Ausgesprochen seltsam muten die beiden spechtartigen Vögel an, die neben dem Haupteingang Wache zu halten scheinen, und die keck hinter ihren überproportionierlichen Flügeln herauslauern. Ob die wirklich typisch „kleinrussisch“ sind, weiß ich nicht, aber zumindest irgendwie für Tschechen ortsunüblich genug, um dafür gehalten zu werden. Wenn man schon einmal da ist, sollte man sich den ganzen Eingangsbereich (sieht man drei Bilder oberhalb) anschauen, nicht zuletzt wegen der schönen Schnitzereien.

Auch sonst gibt es viel zu sehen, was die Stuckarbeiten angeht. Überall wuchern rästselhafte und botanisch schwer einzuordnende florale Motive. In der Mitte der Fassade hin zur Široká sieht man ein rechteckiges Motiv mit viel Vergoldung, das sehr an traditionelle ukrainische Teppiche erinnert. Und die mit Stuck angedeutete architektonische Struktur darüber erinnert mit ihren halbrunden Formen an griechisch-katholische Kirchendächer, wie man sie in Kleinrussland bewundern kann. Das haus wurde immer wieder im Laufe der Zeit renoviert und in Schuss gehalten – nach dem Ende des Kommunismus noch einmal besonders. Huete befinden sich hier Büros und Mietswohnungen im höchsten Priessegment und im Erdgeschoss haben sich einige einge Luxusgüterläden eingerichtet.

Unsereins gefällt am meisten der Bär auf der Fassade. Als das Gebäude mit dem Bären erbaut wurde, ging es den Bären in Europa nicht gut. Der letzte Braunbär in Bayern war 1835 im bayerischen Ruhpolding erlegt worden und der Versuch von Bruno 2006, es mit einer zaghaften Wiederansiedlung zu versuchen, ertrank in seinem eigenen Blute. In Tschechien (damals noch Böhmen) wurde 1856 der letzte Braunbär erlegt. In den letzten Jahren haben immer wieder Bären von den Karpaten her den Weg nach Tschechien gefunden, aber keiner wurde bisher getötet wie in Bayern. Die Tschechen sind halt tierlieb und erfreuen sich lieber an Geschichten wie die vom Tierschützer, Tierphotographen und Bärenpapa (Medvědí táta) Václav Chaloupek, der 2013 zwei im Wald gefundene Bären-Waisenkinder fand und aufzog. Das Haus in der Pařížská mag man daher als eines der frühen Zeugnisse für die damals erwachende und heute voll ausgereifte Bärenliebe der Tschechen würdigen – an jenem heutigen Gedenktag. (DD)

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