Bat’as Utopie – heute für Hunde verboten

Hostavice, das erst 1968 zu Prag eingemeindet wurde, ist schon recht alt. Als kleines Dorf wurde es schon 1432 erstmals urkundlich erwähnt. Das dazugehörige Schloss Hostavice (Zámek Hostavice) ist allerdings jüngeren Datums und vergleichsweise neu.

Das in einem Park gelegene Schloss in der Pilská 5/9 (Prag 14) wurde vor allem wegen eines seiner früheren Eigner bekannt. Im Jahre 1934 erwarb nämlich die Schuhfirma Baťa, die wohl weltweit zu den bekanntesten Industriemarken der Tschechoslowakei bzw. Tschechiens gehörte bzw. gehört, das Schloss samt der dazugehörenden großen Ländereien, die zuvor einem Gutsbesitzer namens Kolman gehört hatten. Firmengründer Tomáš Baťa hatte das ganze Projekt in den frühen 1930ern lange vor geplant. Nun trat Baťa eigentlich gerne als modernistischer Avantgardist auf, der zum Beispiel die Stadt Zlín, wo die Firmenzentrale das Geschehen dominierte, in eine Art Musterstadt des Funktionalismus umwandelte, und auch das wichtige Schuhgeschäft von Baťa (Obchodní dům Baťa) in Prag (1928/29) (wir berichteten hier) in diesem Stil errichten ließ.

 

Warum wollte er dann ein historisierendes Neorenaissance-Schloss kaufen ? Nun ja, er wollte nicht wie ein alter Schlossherr hier selber wohnen. Denn Baťa (ähnlich wie in Zlín) wollte das ganze riesige Areal zu einer riesigen Kombination von Produktions- und Vertriebsstätten und einer geradezu utopischen „Gartenstadt“ für die dort Arbeitenden umwandelt. Eine abwechslungsreiche Wohnlandschaft mit kleinen Häusergruppen und Doppelhäusern in der Natur, umgeben von der nahen unberührten Landschaft des heutigen Naturschutzgebiets Čihadla. Es sollte ein Gemeinschaftszentrum, Schulen, Geschäfte, Klubs, Cafés, Spas, Sportanlagen und vieles mehr geben. Das Schloss wäre wohl allenfalls ein musealer I-Tupfer des Ganzen gewesen.

Baťa selbst wollte Stadtplaner im großen Stil werden und ersuchte sogar die Behörden, wesentliche Voraussetzungen – etwa die Parzellierung der Grundstücke – sin die eigene Hand nehmen zu dürfen. Die Realisierung des Projekts sollte er nicht mehr erleben. Der Flugbegeisterte kam zusammen mit seinem Piloten 1932 bei einem Flugabsturz ums Leben. Mit dem Kauf des Areals von 1934 wollte die Firma unter der Leitung seines Halbbruders Jan Antonín Baťa die Ideen ihres Gründers postum umsetzen. Die Sache stand aber unter keinem guten Stern. Der Staat mischte sich doch in die Planungen ein und am Ende entschied er sich im Jahr 1936, auf großen Teilen des Areals den Truppenübungsplatz von Čihadla (Vojenské cvičiště Čihadla) einzurichten, der – wie oben erwähnt – heute Naturschutzgebiet ist.

Und so entwickelten sich Hostavice und Umgebung ohne die Hilfe der Schuhfirma und somit auch weniger spektakulär weiter. Und das Schloss? Das wurde ab 1950 zur öffentlichen Grundschule plus Kindergarten – was es bis heute ist, außer dass die Grundschule heute eine privat betriebene ist. Ein kleines Problem war dabei immer der Park, der lange Zeit etwas vernachlässigt und am Ende für die allgemeine Öffentlichkeit sogar geschlossen war.

Das war natürlich kein Zustand, der so bleiben konnte. Ab 2005 begann die Gemeinde Hostavice (unter größtmöglicher Wahrung des alten Baumbestands) mit der Renovierung, die dann 2015 abgeschlossen wurde. Jetzt ist der Park Pilská (samt Spielplatz) öffentlich zugänglich. Das Schlossgebäude leider nicht, denn das wird ja als Schule genutzt. Aber der Park erstrahlt immerhin in neuem Glanz, wozu auch die im Baumschatten vor dem Schloss aufgestellte hübsche, in weißem Stein gemeißelte Statue Sedící dívka (Sitzendes Mädchen) beiträgt, die der bekannte Bildhauer Jaroslav Brož schon im Jahre 1982 erschaffen hat.

Um das Ganze attraktiver zu machen, eröffnete man auf dem Parkgrund noch das rund gebaute Kafe na dřevo (Café aus Holz), ein Name, der dem als ökologisch gepriesenen Baumaterial geschuldet ist. Das scheint von der lokalen Bevölkerung und Ausflüglern gerne genutzt zu werden. Wir kehrten dort nicht ein. Als Minuspunkt ist nämlich anzumerken, dass der Park Pilská die einzige uns bekannte Grünanlage ist, bei denen Hunden der Zutritt komplett verboten ist. Das ist ungewöhnlich im hundevernarrten Tschechien. Und ohne unsere Lady Edith kehren wir bei Wanderungen nicht ein. (DD)

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