Blumenstrauß und Schäferaxt

Das späte 19. Jahrhundert war in Prag die große Zeit der Neorenaissance-Architektur. Opulent antikisierende Fassade standen auf der Tagesordnung, die vor allem bei großen Wohnhäusern verschleierten, dass es sich meist um sehr moderne Bauwerke mit Stahlskeletttechnik handelte.

Am Kinský Platz (náměstí Kinských 601/3) auf der Kleinseite an der Grenze zum Stadtteil Smíchov findet man ein besonders schönes Exemplar: Das Dům Na Újezdě (Haus bei Újezd). So steht es auch in großen Lettern über dem dritten Stock. Den Namen Újezd trägt auch die große Hauptstraße, die ganz nahe am Haus vorbeiläuft, und die ist wiederum nach einem kleinen Dorf benannt, das sich hier im Mittelalter befand, aber heute von der Großstadt überwachsen ist. An selbiges sollte wohl hier erinnert werden. Selbst im Kontext der damaligen Neigung zu üppiger Ornamentik und skulpturaler Ausschmückung fällt dieses vierstöckige Wohn- und Mietshaus dann doch noch als herausragend auf.

Das lag vielleicht an der Person, die die Pläne zu diesem Haus in schönster Lage (mit Blick auf den Kinský Park) entworfen hat. Das Gebäude wurde nämlich in den Jahren 1896/97 von dem Architekten František Emanuel Škabrout erbaut, der – obwohl Prager – vor allem den Slowenen als der Erbauer ihrer Nationalgalerie (1896) in Ljubljana bekannt ist. Das wiederum ist ein Neo-Renaissancegebäude, das dem Prager Nationaltheater (národni divadlo) nachempfunden ist, das wohl in die Endrunde eines jeden Wettbewerbs käme über die Frage, was denn das prachtvollste Gebäude dieses Stils in ganz Prag sei.

Aber auch in Prag hat Škabrout viele Spuren hinterlassen, etwa das 1895 erbaute Haus der Neustädter Metzgervereinigung (Dům Společenství řezníků novoměstských), das sich in der Lazarská 11/6 in Prag 2 befindet und wo heute u.a. die Botschaft des Libanons residiert. Es erübrigt sich zu sagen, dass auch hier ein Stück Neorenaissance im großen Stil hingelegt wurde. Das gilt auch für das in unmittelbarer Nähe zum Dům Na Újezdě gelegene Mietshaus in der Újezd 599/3, wenngleich es etwas bescheidener gestaltet ist. Škabrout hat also nicht nur im fernen Slowenien, sondern auch in der Goldenen Stadt Prag seinen deutlichen architektonischen Fußabdruck hinterlassen.

Der Bezug zum alten (und namensgebenden) Dorf Újezd und dem damaligen ländlichen Umfeld (das sich optisch ein wenig durch den nahen Park erhalten hat) spiegelt sich ganz lose im Skulpturenschmuck der Hausfassade wieder. Das beginnt mit der weiblichen Statue vor dem auffälligen Turm (Laterne) auf dem Dach (Bild oberhalb links). Es handelt sich um eine archaisch gekleidete Frau, die einen Blumenstrauß in der Hand hält.

Darunter befinden sich auf Höhe des dritten Stocks zwei weitere Statuen. Links sieht man eine Männergestalt, die anscheinend gerade zur Arbeit ansetzt. Mit der einen Hand stützt er sich auf eine große Spitzhacke und in der anderen Hand hält er nachdenklich eine Schriftrolle, die ihm wohl den Plan der Arbeit vorgibt. Rechts steht eine Frau, die ein kleines Kind in den Armen hält. Beide sind antikisierend gekleidet.

Noch weiter unten, auf Höhe des zweiten Stocks und genau über dem Eingang, findet sich noch eine Statue. Es handelt sich um einen von der Haar- und Barttracht eher in die späte Renaissance oder frühe Barockzeit einzuordnenden Mann, der aber auch antikisierend bekleidet ist und dabei ein wenig geistesabwesend einherblickt. Er stützt sich dabei lässig auf ein anderes ländlich Accessoir, nämlich auf eine Ciupaga (Schäferaxt, auf Tschechisch Valaška genannt). Das ist eine Art Kombination von Wanderstock und Beil, die man früher häufig in den mährischen Tatragebieten, aber auch in der Slowakei vorfand. Sie erwies sich vor allem als nützlich für Schäfer, die ihre Herde schützen mussten.

Im haus gibt es heute sowohl Mietwohnungen als auch Büro. Im Erdgeschoss befinden sich kleine Läden. Der bekannteste Bewohner zog hier 1993, nämlich die Bohuslav Martinů Stiftung (Nadace Bohuslava Martinů), die sich dem Andenken des großen tschechischen Komponiststen Bohuslav Martinů widmet. Den mochten die Kommunisten nicht, aber seither findet er wieder überall Anerkennung, wozu die Stiftung mit beiträgt. Sogar einen kleinen Konzertsaal ließ man bei dem Umbau vor dem Einzug der Stiftung einbauen.

Das Ambiente des kolossalen Neo-Renaissance-Baus von Škabrout und die schöne Lage lassen das Ganze für eine Kulturstiftung geradezu zum Idealort werden. (DD)

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