Böse Botschaft

Hinter hohen Mauern und Gittern kann das Böse ungestört seine Ränke schmieden. Hier in dieser abgeschieden wirkenden Villa fasste vor genau 100 Jahren, am 9. Dezember 1922, das Evil Empire, die Sowjetunion, erstmals ein wenig Fuß in Prag.

Die Beziehungen der Ersten Tschechoslowakischen Republik zum Roten Reich waren zu Beginn definitiv eher unfreundlich. Noch bis September 1920 hatten die Tschechoslowakischen Legionen des Ersten Weltkriegs (über die berichteten wir bereits u.a. hierhierhierhier und hier) sich mit der Roten Armee in Sibirien Gefechte geliefert. An reguläre diplomatische Beziehungen mit einem Staat, der alle demokratischen Grundsätze verachtete, war nicht zu denken. Und man wollte auch keine Alleingänge gegenüber den westlichen Alliierten. Sowohl Frankreich als auch Großbritannien sollten die UdSSR erst 1924 anerkennen, die USA sogar erst 1933. Aber die Realität forderte doch kleinere Konzessionen. Also ließ man im gegenseitigen Einvernehmen offizielle Handelsvertretungen zu. Der tschechoslowakische Verteter in Moskau, Josef Girsa, trat sein Amt im Januar 1923 an. Sein sowjetischer Amtskollege Pavel Mostovenko hatte sich eben schon am 9. Dezember 1922 in Prag niedergelassen.

Der brauchte natürlich eine akzeptable und repräsentative Unterkunft. Und die fand man in der Vila Tereza (Villa Therese) in der Italská 438/36 im Stadtteil Žižkov, ganz nahe an der Grenze zu Vinohrady direkt neben dem dortigen schönen Rieger Park. Das schöne einstöckige Ziegel- und Stuckgebäude im Neorenaissancestil wurde im Jahre 1873 für den Bauingenieur Jan Holejšovský durch den Bauunternehmer Josef Vevera erbaut. Holejšovský verkaufte es schon ein Jahr später 1874. Es folgten etliche weitere Besitzerwechsel. 1885 kaufte es der Schweizer Ingenieur Daniel Märky ​​​​und benannte es nach seiner Frau Therese. 1897 richte die Schweiz ein Konsulat in Prag ein und Märky wurde der Konsul. Das blieb er zu seinem Tod im Jahr 1903. Sein Nachfolger Emanuel Hess verkaufte das Gebäude schon 1904 und zog nach Vinohrady. Es folgten wieder Besitzerwechsel und 1922 war das bereits für diplomatische Aufgaben bewährte Haus frei für die Sowjetunion.

Während die tschechoslowakische Seite eine recht stabile Personalpolitik betrieb (Girsa blieb immerhin bis 1931 in Moskau), wechselten die sowjetischen Handelsvertreter in schneller Folge. Die interessanteste von ihnen war zweifellos der vierte Vertreter, nämlich Wladimir Alexandrowitsch Antonow-Owsejenko, der immerhin von 1924 bis 1928 hier residierte. Unter ihm wurde die Handelsvertretung zur Anlaufstelle der 1921 gegründeten Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und – da ihm die Romantik eines echten Revoluzzers um Lenin anhaftete – zum Treffpunkt für linke Intellektuelle, wie etwa die Schriftsteller Vladislav Vančura (wir berichteten hier) und Julius Fučík (erwähnt hier) oder der Musikhistoriker Zdeněk Nejedlý, der später als Kulturminister brutal im Sinne stalinistischer Ideologie wirken sollte. Man betrieb also Subversionsarbeit und Perspektivagententum. Manch böser Plan wurde da wohl im Dienste der proletarischen Weltrevolution geschmiedet. Dabei half ihm, dass die Akkreditierung der jeweiligen Handelsvertretungen, deren Aufgaben so weit fassten, dass sie de facto (nicht aber de jure) schon fast so etwas wie richtige Botschaften waren.

Antonow-Owsejenko war anscheinend eine charismatische und intellektuelle Erscheinung. Das war definitiv mehr als der bald an die Macht in Moskau gekommene Josef Stalin vertragen konnte. Nach einer längeren diplomatischen Karriere (etwa in Spanien) kehrte Antonow-Owsejenko 1937 in die UdSSR zurück, nur um dort im nächsten Jahr im Zuge der Großen Säuberung hingerichtet zu werden. Zu den weiteren Handelsvertretern gehörte Sergej Aleksandrowski, der 1933 sein Amt antrat, aber das Glück hatte, dass 1934 (recht spät also) die beiden Länder volle diplomatischen Beziehungen aufnahmen, womit er dann tatsächlich der erste Botschafter der UdSSR in der Tschechoslowakei wurde. Die Vila Tereza war nun bis 1939, als die Nazis einmarschierten und alle Diplomatie ein Ende hatte, eine echte und vollwertige Botschaft.

Erst 1945 zog man in das unendlich größere und geradezu palastartige Gebäude im Stadtteil Bubeneč ein, das heute noch die Botschaft Russlands (der Nachfolgerstaat der Sowjetunion) beherbergt. Die neue Riesen-Botschaft passte auch besser zu dem imperialen Status, den die Sowjetunion (vor allem nach der kommunistischen Machtergreifung 1948) gegenüber der unterjochten Tschechoslowakei innehatte, als die vergleichsweise doch irgendwie recht beschauliche Vila Tereza neben dem Rieger Park. Die wiederum zog sich in eine bescheidene Privatexistenz zurück.

Nach der Privatisierung des seit 1975 unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes, die nach dem Ende des Kommunismus (1989) erfolgte, dient es heute als kleines Bürohaus, unter anderem für eine Firma für Computersicherheit. Die Mauern um das Gebäude versinnbildlichen schon fast diesen neuen Zweck. Der böse Geist der Sowjetunion scheint aber gottlob endgültig vertrieben. Der findet sich nur noch auf der mit Hammer und Sichel geschmückten Bronzeplakette neben dem Eingang, die noch in den Zeiten kommunistischer Herrschaft angebracht wurde, und in Tschechisch und Russisch dem Ereignis gedenkt, dass hier dereinst die erste sowjetische Vertretung eröffnet wurde. (DD)

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