Bösewichter in der Kachelbude

Von hier aus wurde sie gesteuert, die vielleicht Schrecken erregendste Institution des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei: Die Staatssicherheit (Státní bezpečnost). Der Anblick dieses Gebäudes in der Bartolomějská 306/5, in dem sich die Zentrale befand, jagt noch vielen Menschen kalten Schauer den Rücken hinunter.

Das Gebäude war eigentlich für diese grausame Aufgabe nicht konzipiert worden. Es wurde nämlich in den Jahren 1936 bis 1942 als Sitz der Verwaltung des Zentralen Sozialamts der Hauptstadt Prag (Ústřední sociální úřad hl. m. Prahy) gebaut. Die Pläne stammten vom Architekten Bohumír Kozák (den wir bereits hier und hier kennenlernten), der mit dem großen, vierstöckigen und dreiflügeligen Gebäude ein geradezu typisches Beispiel des in der Endphase der Ersten Republik modernen Funktionalismus schuf. Die zeittypische Verkachelung mit sehr kleinen Kacheln trug dem Gebäude früh den Nicknamen kachlíkárna (Kachelbude) ein. Im Mai 1945 spielte das Haus sogar eine heroische Rolle in einem Freiheitskampf. Von hier aus steuerte nämlich der Tschechische Nationalrat (Česká národní rada) den Prager Aufstand (siehe u.a. auch hierhier und hier) gegen die Nazibesatzer und zwang sie am 8. Mai 1945 zur Kapitulation.

Aber die Heldengeschichte half nicht dagegen, dass eine böse Nutzung sich anbahnte. 1945 wurde die Staatssicherheit gegründet. Das war noch vor der kommunistischen Machtergreifung vom Februar 1948, aber die Kommunisten hatten dafür gesorgt, dass ihnen in der ansonsten bürgerlichen Regierung die relevanten Sicherheitsdienste (Polizei, Armee, Geheimdienste) unterstellt wurden. Und der stalinistische Hardliner Václav Nosek sorgte als Innenminister dafür, dass der Inlandsgeheimdienst im kommunistischen Interesse arbeitete. Und das machte man in der Bartolomějská, wo man bald noch zusätzliche Gebäude erwarb, um dort Menschen brutal zu verhören, zu foltern oder für Spitzeldienste anzuwerben, um Informationen über fast jeden Bürger zu sammeln.

Denn Platz brauchte die stets wachsende Riesenbehörde. 1954 hatten Staatssicherheit schon rund 13.000 reguläre Mitarbeiter, Mitte der 1980er Jahre registrierte sie 75.000 geheime Mitarbeiter. Anfang der 1960er Jahre wurden fast 100.000 Personen wegen des Verdachts sogenannter staatsfeindlicher Aktivitäten observiert. Die Schreckenstaten des StB sind zu viele, als dass man sie an dieser Stelle aufzählen könnte. In den Kellern des Gebäude wurde ohne Rücksicht auf Menschenleben gefoltert und viele Menschen starben dabei. Der Priester Josef Toufar (wir berichteten hier) und der Philosoph und Dissident Jan Patočka (erwähnt hier) seien als Beispiele genannt. Man versuchte, die Dissidentenszene zu infiltrieren. So heuerten sie mit Josef Hodic einen Unterzeichner der Charta 77, der in den Westen „floh“, um dort die Exilszene zu beobachten, wo man ihn als glaubwürdigen Widerstandshelden sah. Am schlimmsten war vielleicht, dass niemand mehr sicher sein konnte, ob nicht seine besten Freunde oder engsten Verwandten ihn in Wirklichkeit bespitzelten.

Die Bösewichter sind allerdings seit 1990 aus der Kachelbude vertrieben. Nachdem der Kommunismus 1989 zusammenbrach und der Dissident Václav Havel (der im Nebengebäude öftern inhaftiert und verhört worden war) Präsident wurde, löste der neue (nicht-kommunistische) Innenminister die StB auf. Archive wurden bald darauf geöffnet und 2007 wurde das Institut für das Studium totalitärer Regime (Ústav pro studium totalitních režimů), das die Untaten der StB erforscht und wichtige Beiträge zur Erinnerungskultur an die Grauen des Kommunismus leistet. Die Tschechoslowakische Republik verfügt inzwischen über Institutionen der inneren und äußeren Sicherheit, die der nunmehr demokratischen Kultur des Landes entsprechen. Wenn man also heute an der Kachelbude vorbeigeht und dort auf Schildern sieht, dass hier heute die Polizei residiert (und zwar hauptsächlich so gewaltfreie Dinge wie die Immobilienverwaltung, die Polizeigewerkschaft und das Rechnungswesen), dann braucht man keine Angst mehr zu bekommen. (DD)

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