Burg mit Aussicht

Die Heilige Ludmilla wurde 921 auf „Burg Tetín“ ermordet, berichten die mittelalterlichen Chroniken, allen voran die berühmte Christianslegende, die einige Jahrzehnte später entstand. Wer den hoch auf einer Felslandschaft gelegenen Ort Tetín besucht (wir beschrieben ihn gestern hier) stößt auch tatsächlich auf eine alte Burgruine. Nur die hat nichts mit der heiligen Märtyrerin Ludmilla zu tun.

Denn der früheste historische Nachweis für die Existenz von Burg Tetín (hrad Tetín), die auch von archäologischer Forschung bestätigt wurde, geht auf das Jahr 1288 zurück. Damals wurde die Burg zum Sitz des königlichen Jägers. So besagt es die erste schriftliche Erwähnung der Burg aus dem Jahre 1321. Nun ja, Ludmilla war da schon Jahrhunderte tot. Bei der in den Legenden um ihren Tod erwähnten „Burg Tetín“ handelt es sich um die rund 20 Kilometer südwestlich von Prag am Fluss Berounka Ortschaft Tetín selbst, denn die war in der Zeit Ludmillas ein befestigtes Dorf, das man deshalb auch „Burg“ nannte. Die eigentliche und eben deutlich neuere Burg wurde am nördlichen Ende des Dorfes auf einem Felsvorsprung erbaut.

In die Herrschaftszeit von König Wenzel II. fällt damit also der Bau der Burg. 1321 war sie im Besitz des königlichen Schreibers Štěpán z Tetína (Stefan von Tetín). Dessen Nachfahren veräußerten Tetín samt Burg an den böhmischen König und deutschen Kaiser Karl IV., der das Ganze in die Ländereien seiner Burg Karlštejn (wir berichteten hier) eingliederte. 1422 ging es dann mit der Burg zu Ende. Die Hussitenkriege hatten zwei Jahre zuvor begonnen und in deren Verlauf wurde sie zerstört. Schon während des 15. Jahrhunderts wird sie in Urkunden als öd und verlassen beschrieben. Die Bewohner der Umbegebung benutzten sie als „Steinbruch“ – noch bis hinein ins 19. Jahrhundert.

Das ist natürlich vorbei. Die Burgruine wurde ein wenig stabilisiert und konserviert. Sie ist seit langem ein geschütztes Kulturdenkmal. Man kann an den Mauerresten erkennen, dass es sich um eine sehr kleine Anlage handelte, wohl im wesentlichen aus einem kleinen, dreizimmerigen Hauptbau und einem Tor mit Turm bestehend. Davor riegelte eine immer noch erkennbare Grabenanlage die Felszunge, auf der die Burg steht, ab. Eine kleine Infotafel wurde vor einigen Jahren hier aufgestellt, die über die Geschichte der Burg informiert. Der Besucher mag nach Lektüre des Textes etwas enttäuscht sein, dass das nicht der Ort ist, wo dereinst die Heilige Ludmilla ermordet wurde. Aber er wird dafür reichlich dadurch entschädigt, dass er von hier oben eine herrliche Aussicht über das Berounka-Tal genießen kann. (DD)

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