Das Haus mit den vielen Namen

Im Bredovský Dvůr (Bredow Hof) bekommt man nicht nur klassisch tschechisches Essen und Trinken serviert, sondern kann es in einem Gebäude tun, dass eine abwechslungsreiche Bau- und Namensentwicklung hinter sich hat. In der Politických vězňů 935/13 in der Neustadt gelegen, ist es eines der eher seltenen Beispiele für den Klassizismus in Prag.

Aber so hat es nicht angefangen. Das Grundstück wurde erstmals 1377 urkundlich dokumentiert. Es wurde 1395 an einen Zimmermann namens Jakub verkauft, der hier das erste Haus baute, das er schon 1411 wieder verkaufte. Dabei handelte es sich natürlich um ein Haus im gotischen Stil, wovon man noch im Keller Reste erahnen kann. Es folgten im Lauf der Zeit etliche weitere Besitzerwechsel. 1625 erwarb etwa der Baumeister und 1610 in den Ritterstand erhobene königliche Bauschreiber Jakob Huebl (auch Hybl) das Gebäude, weshalb es danach erst einam U Hyblu genannt wurde. Den Namen wechselte das Haus danach aber immer wieder; mal Bosákův dům, mal U Paušrajbrů, zuletzt auch dům U Rossmüllerů, was wohl immer etwas mit den Besitzverhältnissen zu tun hatte.

1714 ließ ein neuer Besitzer das gotische Haus fast völlig abreissen und baute ein neues Haus auf den verbliebenen Kellern und Fundamenten auf, diesmal im damals modernen Barockstil. So blieb es eine zeitlang, dann erwarb ein Prager Großhändler namens Karl Anton Fiedler das Haus im Jahre 1832. Zu dieser Zeit war Barock natürlich schon lange „out“ und Biedermeier aktuell angesagt, eine Epoche, die sich unter anderem durch eine Vorliebe für einen schlichten Klassizismus auszeichnete. Und so fing Fiedler an, das Haus (nach Plänen, die nicht überliefert sind) in diesem Stil umzubauen. Im Kern wurde das Gebäude dadurch zu dem, wie es heute noch aussieht.

Der nächste Besitzer war der ursprünglich aus dem Rheinland stammende Unternehmer und Zuckerindustrielle Wilhelm Alexander Ritter von Schoeller der den klassizistischen Um- und Ausbau fortsetzte und das Gebäude 1858 durch den bekannten Architekten Josef Maličký (der ganz in der Nähe schon den großen Riese und Stallburg Palais entworfen hatte) noch einmal in fast schon palastartige Dimensionen vergrößern ließ.

Weitere, nicht wesentliche Vergrößerungen und Änderungen erfolgten 1880 und es gab in den 1950er und 1970er Jahren innen etliche Umbauten und schließlich einige Zeit nach dem Ende des Kommunismus 1989 einen Umbau, der große Teile zu einem Restaurant umgestaltete. Dafür wurde zwar das Außenbild der Fassade völlig intakt gelassen und auch bei den Innräumen des Lokals behutsam agiert.

Der Innenhof wurde allerdings gründlich modernisiert. Dazu gehört auch ein großer Wintergarten (Bild links) für das Restaurant, der zwar modern, aber geschmackvoll passend gestaltet ist. Der hintere Teil des Gebäudes gehört nicht zum Restaurant. Und so kann man über den Innenhof zahlreiche kleinere und gänzlich moderne Büros erreichen, darunter auch die Prager Filiale des British Council, dem Kulturinstitut des Vereinigten Königreiches – ein Ort, wo schon viele Tschechen die englische Sprache erlernt haben.

Mit dem Umbau verbunden war anscheinend die Benennung in Bredovský Dvůr, womit man eigentlich an den alten Namen der Straße (und große Teile der umgebenden Grundstücke) erinnern wollte. Die Straße heißt ja heute aus einem traurigen Grund Politických vězňů – Politische Gefangene. Das bezieht sich auf den in der Nachbarschaft befindlichen Petschek Palais (wir berichteten hier), der 1939 von der Gestapo in ein Untersuchungs- und Foltergefängnis für politische Gegner umgebaut worden war. So wurde die Straße aber erst 1946 benannt. Vorher (genauer gesagt, seit 1757 – den Tagen von Königin Maria Theresia) hieß die Straße Bredovská. Namensgeber war Josef Graf Bredow, der damalige königliche Statthalter der Altstadt größere Ländereien in der unmittelbaren Umgebung besaß. Er lebt nun im neuen Namen des Gebäudes mit seiner Gaststätte fort.

Und das ist, wie gesagt, ein gutes und klassisches tschechisches Restaurant mit flinkem und gutem Service. Das Publikum, auf das es abzielt ist sicher touristisch. Gut pikant gewürzter Gulasch mit Knödeln (Bild links) oder Entenkeule mit Knödeln und Rotkohl sind angesagt. Auch wenn die Dekoration mit alten Braukesseln den Eindruck einer Kleinbrauereigaststätte erwecken könnte, es wird dort bekanntes Großmarkenbier frisch gezapft serviert. Aber: Das Ganze wirkt dadurch richtig gemütlich und urig – so wie es sein soll. Passend geschmackvoll ist die Einrichtung, die sehr gelungen freigelegte Teile des alten Mauerwerks einbezieht. Die Qualität des Essens ist auch so, dass man es hervorragend Erstbesuchern als typische und traditionelle böhmische Küche zur Einführung angedeihen kann, umgeben von altböhmischem Ambiente in einem Gebäude mit ebenso altböhmischer Geschichte. (DD)

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