Der letzte Triumph der Karlíner Buben

Gedenkorte, die freudig an einen Karrieresprung Klement Gottwalds erinnern, gibt es verständlicherweise wenige in Prag. Stalins ergebener Lehrling hatte schließlich 1948 die kommunistische Diktatur begründet und bis zu seinem Tod recht brutal regiert. Diese Plakette am Doppelhaus in der Na Maninách 1149/32 bzw. 1525 / 32a, im Stadtteil Holešovice hat zwar das Ende des Kommunismus überlebt, aber dafür ist sie permanent Gegenstand allgemeinen Zorns.

„Vrah“, hat jemand – offensichtlich empört – in Rot draufgesprayt: Mörder! Ein Vorwurf, der nicht von der Hand zu weisen ist. Aber was bedeutet die Plakette und wessenthalben ehrt sie den schrecklichen Gottwald? Schauprozesse, Folter, Hinrichtungen, Bespitzelung, Außerkraftsetzung aller Grundrechte, Abschaffung der Demokratie, Zwangsarbeit (für Dissidenten mit Vorliebe in radioaktiv verseuchten Uranminen) – das alles gehörte zum Standardinstrumentarium der Herrschaft des Diktators, der 1953 kurz nach dem Tod seines Idols Stalin selbst an Alkoholismus und Syphillis verstarb. Und das, woran die Bronzetafel erinnert, war für klarsichtige Beobachter schon lange vor der kommunistischen Machtergreifung von 1948 ein böses Omen für das, was man von diesem Mann erwarten konnte. Reisen wir also zurück in die Gründerzeit der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (Komunistická strana Československa, abgekürzt KSČ) während der Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik

Damals gehörte die KSČ zu den stärksten kommunistischen Partei, was aber vor allem daran lag, dass die Tschechoslowakei demokratisch geblieben war, als in vielen andere Ländern rechtsautoritäre Regime an die Macht kamen (Ungarn 1919, Italien 1922) und Kommunisten gewaltsam unterdrückt wurden. Umgekehrt galt die KSČ bei ihrer Gründung im Jahr 1921 als vergleichsweise gemäßigt und folgte nicht immer treu dem politischen Kurs des kommunistischen „Musterlandes“ der Sowjetunion.Insbesondere Generalsekretär Bohumil Jílek sorgte für einen relativ unabhängigne Kurs und erlaubte sogar ein gewisses Maß an internem Pluralismus. Allerdings sah man bald düstere Wolken am Horizont. 1927 hatte Stalin seine Macht in der Sowjetunion endgültig konsolidiert. Über das Instrument der Kommunistischen Internationale wollte er die ausländischen Parteien unter seine Kontrolle bringen. Auch die tschechoslowakische. Der 5 Parteitag der KSČ, der vom 18. bis 23. Februar 1929 in Prag stattfand, war der Zeitpunkt dafür.

Unter der Führung von Klement Gottwald bereitete eine Karlíner Buben (karlínští kluci) genannte Gruppe radikaler Stalinisten einen internen Putsch gegen Jílek und sein Umfeld vor. Zu der Gruppe, die sich nach dem Stadtteil Karlín nannte, in dem sich die Geschäftsstelle der KOmmunisten befand, gehörte unter anderem auch Rudolf Slánský, den Gottwald 1952 als potentiellen Rivalen nach einem infamen Schauprozess mit ebenso infamen antisemitischen Ausfällen hinrichten lassen sollte. Der Putsch gelang jedenfalls und Gottwald ging sofort daran, die Partei von „Abweichlern“ zu säubern. Dagegen erhob sich zunächst großer Protest. Eine Gruppe Intellektueller um den Schriftsteller Vladislav Vančura protestierten in dem berühmten Manifest der Sieben gegen die Gleichschaltungspolitik (wir berichteten hier). Gottwald reagierte hart und schloss alle Kritiker aus. Der Partei liefen die Mitglieder in Scharen davon. Die über 100.000 Mitglieder schrumpften in einem Jahr auf 40.000 zusammen. Aber dem autoritären Gottwald behagte wohl sowieso eine stramme Kaderorganisation mehr als eine genuine Volksbewegung. Unter dem Schutz der Besatzermacht Sowjetunion konnte die Organisation, die schon unter den Nazis durch Widerstandszellen (ohne jegliche Kooperation mit der deutlich größeren bürgerlichen Widerstandsbewegung) ihre Kampfkraft stärkte, recht professionell und ungehemmt ihre Macht durchsetzen.

Gottwalds Marsch zur Macht begann also mit dem Parteiputsch von 1929. Deshalb wurde im Jahr 1957 von den Kommunisten auch die Gedenkplatte für dieses Ereignis angebracht, und zwar in genau dem Haus, in dem der berüchtigte 5. Parteitag stattgefunden hatte. Gottwald war das zwar schon vier Jahre tot, aber die Entstalinisierung, die in der Sowjetunion 1956 einsetzte, machte in der Tschechoslowakei unter dem Nachfolger Gottwalds, dem stalinistischen Apparatschik Antonín Zápotocký, keinerlei Eindruck. m Gegenteil: Unter ihm begann ein wahrer posthumer Personenkult von irrsinnigem Ausmaß. Gottwalds Leiche wurde mumifiziert im Nationaldenkmal zwecks Anbetung öffentlich aufgebahrt (wir berichteten hier). In jeder Stadt wurden Denkmäler des Tyrannen aufgestellt und Straßen und Plätze nach im benannt. Leichte Liberalisierungen setzten in der Politik des Landes erst Mitte der 1960er Jahren ein. Man feierte also 1957 GottwaldsTriumph noch ungebrochen mit den in Bronze gegossenen Worten: „In diesem Gebäude fand vom 18. bis. 23. Februar 1929 der historische 5. Kongress der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Hier wurde Genosse Klement Gottwald zum Parteivorsitzenden gewählt. Unter seiner Führung begab sich die Kommunistische Partei auf einen ruhmreichen Weg des Kampfes für den Sieg der Werktätigen.“

Jetzt hing sie da, die Tafel. Und es schien, als ob der gerissene Gottwald schon bei der Wahl des Tagungsortes von 1929 daran gedacht hatte, sein Andenken über alle Zeiten zu verewigen. Und zwar unzerstörbar. Das Gebäude in der Na Maninách steht nämlich seit 1975 unter striktem Denkmalschutz. Nicht wegen des Parteitags von 1929, sondern weil es tatsächlich ein architektonisches Kulturdenkmal ist. Die Gedenktafel wurde zum „Trittbrettfahrer“ der Hauses, das sie nun mitschützte. An dem Gebäude darf keine so tiefgreifende Änderung wie die Abmontage der Tafel erfolgen. Basta! Denn: Es handelt sich nämlich um das Kulturhaus Domovina (Kulturní dům Domovina), das in den Jahren 1919 bis 1922 nach den Plänen der Architekten Otto V. Máca und Karel Roštík erbaut wurde.

Primär handelte es sich um ein genossenschaftliches Mietshaus, das Eisenbahnarbeitern und Schaffnern als qualitativ hochstehendes und preisgünstiges Domizil dienen sollte. Gleichzeitig gehört es aber auch zu den ersten Wohnhäusern mit „kombinierten Funktionen“, das heißt, man sollte hier nicht nur wohnen, sondern auch am Kulturleben teilnehmen. Im Untergeschoss gab es zum Beispiel ein Kino, in dem bis 1995 Filme vorgeführt wurden. Im ersten Stock wurde ein recht großer Theatersaal geboten – jener Raum mit guter Akkustik, in dem sich die Kommunisten 1929 trafen. In dieser Form gab es den Saal aber schon bald nicht mehr, denn er wurde in ein Tonstudio umgewandelt. Dafür zog 2018 in den alten (umgebauten) Kinosaal ein neues Theater ein. Die Hauptfassade des Hauses ist ebenfalls ein geradezu archetypisches Beispiel für den damals in der Tschechoslowakei modernen Funktionalismus in Kombination mit historisierenden Elementen, wie die beiden turmähnlichen Risalite, die jeweils auf einem Portikus ruhen. Die Kombination erhob den Anspruch von Modernität, wirkte aber gleichzeit auch traditionell wohnlich.

Kurz: Das Haus verdient seinen Status als geschütztes Gebäude, aber das Ärgenrnis der Gottwald-Plakette ist deshalb nicht aus der Welt zu schaffen. Irgendwie haben die Karlíner Buben triumphiert. Mehrfach gab es Anläufe der Stadtregierung von Holešovice, die Plakette entfernen zu lassen. So im Jahre 2002, wo man in der Diskussion darüber gleich noch einige Straßennamen ändern wollte, durch die weniger relevante lokale Kommunisten geehrt wurden. Oder nochmals 2015. Aber immer scheiterte es daran, dass man die gesetzlichen Bestimmungen des Denkmalschutzes nicht einfach so aufheben kann. Die meisten Bürger haben sich damit abgefunden und betrachten die Tafel als Dokument eines nun einmal realen Kapitels der Geschichte betrachten, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Aber auch dann wäre vielleicht wenigstens eine zusätzlche erläuternde Tafel ratsam. Aber einige Menschen können sich nicht damit abfinden, dass eine so finstere Gestalt wie Gottwald immer noch so viel Ehre erfährt. Deshalb ist das nicht das erste, und sicher auch nicht das letzte Mal, dass die Tafel Opfer von Sprayanschlägen wird. (DD)

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