Der Schatz Zu Joachimsthal – Sagen Aus Dem Erzgebirge

Das Erzgebirge mit seiner wunderschönen Landschaft eignet sich auch im Herbst bestens zum Wandern. Die Chancen dabei vielleicht sogar einen Schatz zu finden stehen den Sagen nach gut.

Der Schweizerzug bei Joachimsthal 

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte in der Schweiz ein verarmter Kaufmann, der einmal den höchst sonderbaren Traum hatte, er werde auf der steinernen Karlsbrücke zu Prag sein Glück finden. Ohne sich lange zu besinnen, bestieg er sein Rösslein und ritt nach der Hauptstadt Böhmens, dem hunderttürmigen Prag. Daselbst angelangt, ging er in froher Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, auf der Moldaubrücke auf und ab. Durch sein seltsames Benehmen zog der Schweizer bald die Aufmerksamkeit des auf der Brücke aufgestellten Wachsoldaten auf sich, welcher ihn endlich fragte, was er hier suche. „Mir hat geträumt“, erwiderte der Angesprochene, „dass ich auf dieser Brücke mein Glück finden werde. Nun gehe ich aber hier schon mehrere Stunden hin und her, ohne nur eine Spur des erhofften Glückes zu finden.“ „Sonderbar“, sagte der Wachposten, „mir träumte auch einmal von meinem künftigen Glücke, das ich in den westlichen Bergen erst suchen gehen soll, aber ich lege den Träumen keine Bedeutung bei, denn Träume sind Schäume!“ Kaum hatte dies der Schweizer vernommen, so eilte er in seine Herberge zurück, ließ sein Pferd satteln und ritt, seinem Sterne folgend, immer dem Westen zu, um zu dem geistreichen, durch seine Prophezeiungen bekannten Johannes Niavis (Schneevogel), dem Einsiedler am Wolfsberge, wo heute das Dorf Mariasorg liegt, zu gelangen und dann seine Reise nach „Conradisgrün“ (Konradsgrün), der ersten Ansiedelung von Joachimsthal (Jáchymov), fortzusetzen. Nach mehrtägigem Ritt kam er in die Gegend von Lichtenstadt (Hroznětín). Wie er immer weiter trabte, blieb des Rosses Huf an etwas hängen, und das Hufeisen wurde abgesprengt. Er stieg ab, um nach der Ursache dieses Unfalles zu sehen. Da bemerkte er, dass ein Zapfen von Silbererz das Hufeisen abgerissen und freute sich, sein zwischen den Schweizerbergen geträumtes Glück gefunden zu haben. Der Schweizer kehrte, nachdem sein Pferd in der nächsten Schmiedewerkstatt wieder beschlagen worden war, in die Heimat zurück, traf aber bald in Konradsgrün mit einem Zuge Schweizer Bergleute ein. Diese durchforschten die Gegend und gruben untertags mit bestem Erfolge nach Silbererzen. So wurde der Kaufmann aus der Schweiz, der in der Tat auf der Prager Moldaubrücke sein Glück gefunden hatte, ein grundreicher Mann, und noch heute führt ein langer Haldenzug, der damals eine sehr ergiebige Ausbeute gab, den Namen „der Schweizerzug“.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, 1882, S. 5.)

Der Schatz zu Joachimsthal 

Im nördlichen Stadtteile von Joachimsthal, im sogenannten Oberthal, stand vor Jahren hart an der Gartenmauer, welche sich rückwärts des Hauses Nr. 106 befindet, ein stark gewachsener Holunderstrauch. Da die Wurzeln desselben immer tiefer in die ohnedies sehr schadhafte Mauer eindrangen, war diese dem Einsturze nahe, deshalb schickten sich die beiden Nachbarn Anton und Franz an, die Mauer abzutragen. In der Mitte derselben fanden sie beim Abräumen einen irdenen Topf mit Kirschkernern, von denen jeder eine kleine Öffnung hatte, als ob er von einem Käfer angebohrt worden wäre. Einer der Nachbarn nahm den Topf und schleuderte ihn an einen Stein, so dass die Scherben und Kirschkerne auf ein Häufchen zusammenfielen. Dies geschah um die Mittagsstunde, als auf dem nahen Kirchturme die Glocke ertönte. – Die beiden Männer begaben sich hierauf nach Hause, um ihr Mahl einzunehmen, und erzählten ihren Angehörigen von dem Funde im Garten. Diese gingen, von Neugierde gequält, sogleich an Ort und Stelle, um den merkwürdigen Fund zu betrachten, allein weder ein Scherben noch ein Kirschkern war zu finden. Auch die Nachbarn, die mit Eifer an der Abtragung der Gartenmauer fortarbeiteten, sahen nicht die geringste Spur von dem früher verschmähten Funde, der ein großer Schatz gewesen sein soll.

Bald darauf ging Elisabeth, die Wirtschafterin des Besitzers jenes Hauses, während des Abendläutens nach dem Hintergebäude, wo eine Falltür in den Keller führte, und bemerkte darauf ein Häufchen glühender Kohlen. Bestürzt eilte sie zu ihrem Herrn und fragte ihn, ob er auf die Kellertür Asche geschüttet habe, was er mit Entschiedenheit verneinte. Um sich aber zu überzeugen, liefen beide zur Falltür, das Gluthäufchen jedoch war verschwunden.

Über der Gasse, dem oben bezeichneten Hause gegenüber, befand sich zwischen zwei Häusern ein überaus schmaler, freier Raum, wo viel Stroh- und Heugesäme abgelagert war. Daselbst fand ein Mann, der mit der Säuberung des Platzes beschäftigt war, ein schweres eisernes Kistchen und stieg mit seinem Funde, um ihn in Sicherheit zu bringen, auf die Leiter, die er zur leichteren Vollführung seiner Arbeit angelegt hatte. Als er mitten auf der Leiter stand, hörte er plötzlich seine Frau ängstlich rufen: „Hans, komm´ herauf, das Kind hat´s Bein gebrochen!“ Vor Schrecken ließ er das Kistchen fallen und lief in die Stube, in welcher die Frau das lächelnde Kind in der Wiege schaukelte. Seine Verwunderung steigerte sich, als er erfuhr, dass seine Frau ihn gar nicht gerufen habe. Nachdem Hans den Vorfall seinem Weibe erzählt hatte, eilte er nach dem Orte zurück, um das in seiner Bestürzung weggeworfene Kistchen zu holen, welches er jedoch trotz allen Suchens nicht wiederfand.

Glücklicher war ein anderer Nachbar, der in späteren Jahren vor seinem Hause ein glühendes Kohlenhäufchen sah. Er nahm eine Schürze und deckte das selbe vorsichtig zu. Dann ging er in sein Haus, holte ein Gefäß, in welches er das Häufchen schüttete, und trug es in den Keller. Des andern Tages sah er nach und siehe! Aus den Kohlen waren lauter blanke Goldstücke geworden.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 34.)

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