Diesen Beitrag lesen Sie mit Hilfe von Flüssigkristallen, die hier in Prag entdeckt wurden

Geht man an diesem alten Barockhaus in der Husova 240/5 inmitten der Altstadt vorbei, denkt man sicher nicht zuerst an moderne Wissenschaft. Bis einem die Gedenktafel auffällt. Dann weiß man, dass an diesem Ort 1888 eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht wurde, die so zukunftsweisend war, dass man erst 2017 darauf kam, dass ihr Entdecker eine solche Ehrentafel verdient hatte.

Wir reden von dem Botaniker und Chemiker Friedrich Reinitzer. Der hatte in ebendiesem Jahr 1888 entdeckt, dass Cholesterine schon bei 145 °C schmelzen, aber dabei trübe blieben. Erst bei 178 °C wurde die Flüssigkeit plötzlich klar. Es gab also einen Unterschied zwischen Schmelzpunkt und Klärpunkt. Die Moleküle behielten also einige Strukturen des festen Aggregatzustandes bei, d.h. einige kristalline Bewegungseigenschaften. Das war, in den Worten eines wissenschaftlichen Voll-Laien wie mir, die Entdeckung der Flüssigkristalle.

 

Reinitzer war in diesem Jahr gerade Professor für Botanik, Warenkunde und technische Mikroskopie an der Deutschen Technischen Hochschule Prag geworden, wo er schon seit 1883 Privatdozent gewesen war. Die Entdeckung brachte im Respekt und Anerkennung der Fachkollegen ein, aber eine für den Normalmenschen epochale Sache schien das nicht zu sein. Heute könnten wir uns eine Welt ohne den Nutzen der Flüssigkristalle gar nicht mehr vorstellen, denn sie bilden die Grundlage der LCD-Technologie (Liquid Crystal Display), die wir von modernen Bildschirmen kennen. Mit deren Entwicklung begann man aber erst in den USA in den späten 1960ern und wendete sie erstmals in den 1970er Jahren bei Uhrendisplays praktisch an. Dabei machte man sich zu Nutze, dass sich die „trüben“ Kristalle im flüssig-geschmolzenen Umfeld durch Elektrizität ausrichten lassen können, um Helligkeit und Farbe in dem betroffenen Bereich zu verändern. Seit den 2000ern haben die Kristalle aber auch bei Fernseh- und Computerbildschirmen die alten Röhrengeräte vollständig verdrängt. Gerade junge Menschen kennen die Welt kaum mehr real/analog, sondern eigentlich nur noch durch das Anstarren von Flüssigkristallen. Wahrscheinlich schauen Sie, die Sie gerade diesen Artikel lesen, auch in einen Bildschirm mit Flüssigkristallen. Ohne Reinitzer in Prag wäre das alles nicht möglich gewesen.

Und deshalb wurde recht spät, nämlich erst 2017, die Einweihung der Gedenkplakette vollzogen. Der Text ist zweisprachig (Tschechisch/Deutsch): „Prof. Friedrich Reinitzer (*25.2.1857, Praha – 16.2.1927, Graz) hat in diesen Gebäude der Deutschen Universitat in Prag im jahre 1888 den ersten flüssigen Kristall erfunden“. Dazu gibt es ein Portrait des großen Wissenschaftlers. Der Grund, weshalb die Ehrung erst 2017, erfolgte, kann auch ein anderer gewesen sein als die spät erkannte Nützlichkeit der Entdeckung. Vielleicht wartete man das Ergebnis einer Untersuchung zu Straßennamen im österreichischen Graz ab, wo er die letzten Jahre seines Lebens akademisch wirkte. Dort war er Gründungsmitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene Ortsgruppe Graz, was nicht gerade eine moralische Empfehlung (besonders in einem dereinst von den Nazis besetzten Land wie Tschechien) ist. Eine Expertenkommission in Graz stufte Reinitzer 2017 zwar als problematisch und diskussionsbedürftig ein, schlug aber keine Umbenennung des dortigen Reinitzerwegs vor. Das wissenschaftliche Verdienst wurde dann doch höher gewichtet. Und irgendwie schloss man sich in Prag der Bewertung dann wohl noch im gleichen Jahr an und ermöglichte das Anbringen der Tafel.

Und wieso gerade an diesem Haus? Man geht heute davon aus, dass Reinitzer hier seine Entdeckung machte. Denn das Gebäude war, woran eine zweite und größere Gedenktafel aus Bronze unterhalb der zum Gedenken an Reinitzer erinnert, schon sehr lange ein Ort der Wissenschaft. In dieser Form erbaut wurde das Haus des Heiligen-Wenzel-Seminars (Svatováclavský seminář) um 1725, wahrscheinlich von dem berühmten Prager Barockarchitekten Ignatz Kilian Dientzenhofer (wir erwähnten ihn u.a. hierhier und hier). In diesen Zeiten existierte bereits die Böhmische Ständische Ingenieurschule, die 1707 auf Geheiß Kaiser Josephs I. ins Leben gerufen wurde und 1717 unter ihrem Rektor Christian Joseph Willenbergs den Betrieb begann. Dieser kaiserliche Ursprung ist wohl auch der Grund, warum der Eingang mit einem Habsburger Doppeladler geschmückt ist, der das böhmische Löwen-Wappen auf der Brust trägt. 1806 wurde die Ingenieurschule unter der Leitung von Franz Josef von Gerstner in das Ständische Polytechnische Institut umgewandelt bzw upgegradet. Das wiederum zog umgehend in das Gebäude des Wenzelsseminars ein. In diesen Zeiten begann in den akademischen Institutionen der Sprachenstreit zwischen Deutschen und Tschechen der 1869 dazu führte, dass die Tschechen ihre eigene Tschechische Technische Universität Prag gründeten (wir berichteten hier). Und hier im Gebäude in der Husova verblieb das K.K.Deutsche Polytechnische Landesinstitut des Königreiches Böhmen, das dann 1879 in Deutsche Technische Hochschule umbenannt wurde – eben jene Institution, in der Reinitzer wirkte und das Flüssigkristall entdeckte.

Das Gebäude selbst bestand bereits Ende des 17. Jahrhunderts bevor es von Dientzenhofer fast vollständig erneuert wurde. Äußerlich hat es weitgehend das Dientzenhofersche Erscheinungsbild behalten, sieht man von einigen klassizistischen Überarbeitungen aus der Zeit um 1833 ab. Drinnen wurde es natürlich immer wieder modernisiert und den jeweiligen Bedürfnissen angepasst. Im Innenhof wurde sogar 1989 ein Flügel abgerissen. Seit dem Zweiten Weltkrieg existiert hier natürlich keine Deutsche Technische Hochschule mit deutschem Unterricht mehr. Formell wurde sie sowieso schon 1920 der Tschechischen Technischen Universität unterstellt, worauf die Tafel hinweist. Heute wird aber nur ein Teil des Gebäudes von der Tschechischen Technischen Universität – genauer: von dessen Institut für Theoretische und Experimentelle Physik (Ústav technické a experimentální fyziky) – genutzt. Der Rest wurde an private Firmen als Büros vermietet. (DD)

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