Eine besondere Kirche – auch ohne die Heilige Agnes

Sie liegt da, wo die Altstadt wohl am ältesten ist: Die Kostel sv. Haštala (Kirche des Hl. Kastulus) am Haštalské náměstí. In diesem Viertel finden sich Reste der frühesten Bebauung der rechten Moldauseite der Stadt. Und auch heute noch strahlen die Kirche und die verwinkelten Gassen der unmittelbaren Umgebung eine ganz besonders altstädtische Atmosphäre aus, wie man sie sonst kaum findet.

Benannt ist sie nach dem Heilige Kastulus, den man natürlich prominent als Großgemälde auf dem Hauptaltar bewundern kann. Das wurde 1884 von dem Maler und Illustrator Josef Scheiwl geschaffen. Man erkennt, wie dem Heiligen ein Spaten gereicht wird. Der gute Kastulus fiel so um das Jahr 286 der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian zum Opfer, weil er als Christ anderen verfolgten Christen Versteck geboten hatte. Nach etlichen fiesen Folterungen wurde Kastulus lebendig begraben. Bei vielen Märtyrern ist in der Kunst das Gerät, mit dem er zu Tode kam, auch sein allegorisches Attribut. Und das ist bei ihm – eher ungewöhnlich – der Spaten. Und bei der Kirche handelt es sich um die einzige in Böhmen, die dem Heiligen Kastulus geweiht ist. Denn eigentlich hatte der Heilige keine Verbindung zu Böhmen – außer: Nun ja, Kaiser Karl IV., der ja zu den großen Herrschern Böhmens gehörte, war ein geradezu suchtbesessener Sammler von Reliquien. Und er hatte kurz nach Mitte des 14. Jahrhunderts den Schädel des Heiligen aus dem bayerischen Moosburg mitgebracht, wo die Gebeine des Kastulus seit dem 9. Jahrhundert aufbewahrt wurden und heute – allerdings ohne den Schädel – immer noch aufbewahrt werden.

Im ganzen Reich war keine Heiligenüberrest davor sicher, von Karl nach Prag geschleppt zu werden. Über den Kopf des Heiligen Gallus, den er aus Sankt Gallen mitgebracht hatte, berichteten wir bereits hier. In der Zeit des Barock steckte man den Kopf des Kastulus sogar ein ein schönes silbernes Reliquiar, genauer gesagt ein Büstenreliquiar, das die natürlich völlig imaginierten Gesichtszüge des Heiligen trug. Das kann man immer noch ausgestellt im Altarraum sehen, allerdings steckt der Schädel da nicht mehr drinnen. Der wurde irgendwann wieder in eine Nische des Altars eingemauert, wo er sicherer ist. Aber wie dem auch sei: Die Kirche hatte eine viel längere Geschichte hinter sich als Kaiser Karl IV. mit den Reliquien des Kastulus anrückte.

Anscheinend stand hier schon seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine romanische Kirche, von der man bei archäologischen Ausgrabungen 1993 auch einige Überreste fand. Urkundlich erwähnt wird sie allerdings erst 1234. Sie gehörte damals wohl zum Hospitalbereich des zur selben Zeit gegründeten und ganz nahe gelegenen Klosters der Franziskanerinnen, das später nach seiner Gründerin Agneskloster (Anežský klášter) benannt wurde. Quellen der Zeit schienen nahezulegen, dass in der Kirche ebenjene Heilige Agnes begraben worden sei, was angesichts des Nationalheiligenstatus von Agnes die Kirche sehr aufgewertet hätte. Nur eine konkrete Grabstätte war nie zu benennen und auch die Ausgrabung 1993 wurde nicht fündig – was aber nicht hieß, dass man die Suche aufgab. Aber der Schädel des Kastulus ist ja auch ein sakrales Prestigeobjekt. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass die Kirche in der Zeit als diese Reliquie hier deponiert wurde, auch die Kirche vergrößert und architektonisch aufgewertet wurde. In der Zeit von Karl IV. und seinem Sohn und Nachfolger Wenzel IV. erfolgte eine schrittweise Gotisierung der Haštala-Kirche.

Man begann, um den Betrieb aufrecht erhalten zu können, zunächst mit gotischen Anbauten im östlichen und südlichen Teil. Erst später riss man das romanische Hauptschiff ab, um es durch ein gotisches zu ersetzen. Dabei setzte man auf höchste künstlerische Qualität. Die kunstvollen Steinmetzarbeiten waren zum Beispiel das Werk von Handwerkern aus der Werksatt des berühmten Architekten und Bildhauers Peter Parler, den Karl IV. als Baumeister für den Veitsdom (Katedrála sv. Víta ) auf der Burg angeheuert hatte. Entgegen früheren Plänen wurde bei dem gotischen Neubau ein zweischiffiger Hallenraum realisiert, weshalb aus dem ursprünglich geplanten dreischiffigen Kirchengebäude nun ein etwas unregelmäßig/asymmetrisch geratenes vierschiffiges wurde (Nord- und Südschiff sind unterschiedlich hoch, wie man im Bild oberhalb links sehen kann), wodurch die Kirche sich bereits äußerlich von anderen Sakralbauten der Zeit abhebt. Zusätzlich wurde eine Sakristei mit schönem Rippengewölbe gebaut. Sie heute eigentlich der kunsthistorisch sensationellste Teil der Kirche, was die gotische Bauperiode angeht.

In diesem Gebäudeteil, den man nur selten bei speziellen Führungen besichtigen kann, sind nämlich wunderschöne original gotische Deckengemälde aus dem 14. Jahrhundert erhalten geblieben. Sie zeigen die Aposteln und das Letzte Abendmahl (Bild links).Die gotische Blüte der Kirche sollte nicht lange anhalten. In den 1420er Jahren wurde die Kirche durch die Hussitenkriege beschädigt und 1432 wurde sie noch einmal durch Überflutung bei einem Moldauhochwasser stark in Mitleidenschaft gezogen. Immerhin hatte man sie 1436 wieder einigermaßen reparaiert. Die Kirche gehörte nun einer Gemeinde von Utraquisten, die die gemäßigte Fraktion unter den Hussiten darstellten. Das blieb so – ohne, dass sich an der Architektur der Kirche großartig etwas änderte – bis zur die Schlacht  am Weißen Berg (siehe auch hier) im Jahre 1620, die mit einem Sieg der katholischen Habsburger über die mesit protestantisch-hussitischen Böhmen endete. Die Gegenreformation setzte mit aller Schärfe ein und die Utraquisten wurden hinausgeworfen. Die konservativen Katholiken, die jetzt am Ruder waren, mussten bald auch einen Schicksalsschlag hinnehmen, denn beim Großen Feuer von 1689, das wohl von Agenten des habsburgerfeindlichen französischen Königs Ludwig XIV. gelegt worden war, und das die Altstadt verwüstete, nahm auch die Kirche schweren Schaden.

Die gegenreformatorischen Katholiken nahmen dies zum Anlass, die Kirche nun zwischen 1690 und 1695 im passend gegenreformatorischen Stil auszubauen, dem Barock. Mit dem Neu- und Umbau beauftragte man den Barock-Architekten Paul Ignatz Bayer (wir erwähnten ihn u.a. hier). Im 18. Jahrhundert erfolgte noch einmal eine groß angelegte Neugestaltung des Inneren. Man kann – bei aller Liebe zur Gotik der Zeit Karls IV. – nicht behaupten, dass das, was da so um 1730 bei der Innengestaltung fertiggestellt wurde – nicht beeindruckend ist. In der Tat gehört das Interrieur zu den bedeutendsten Zeugnissen des sakralen Barockstils in Prag überhaupt (was angesicht der vielfältigen grandiosen Konkurrenz in der Stadt etwas heißen will). Alleine die große Kanzel in der Nähe des Hauptaltars (siehe Bild rechts) kann schon als spektakilär bezeichnet werden.

Das liegt natürlich daran, dass es der Kirche gelang, sehr bedeutende Künstler der Zeit zu gewinnen. Etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, den Maler Peter Johann Molitor, der sich in Böhmen (etwa bei der Barockisierung des Klosters Strahov), aber später auch in Polen (er starb 1756 in Krakau) einen Namen als Kirchenmaler geschaffen hatte. Von ihm stammt zum Beispiel das Altarbild des südlichen der vier Altäre der Haštala-Kirche. Es handelt sich um ein Bildnis der Heiligen Anna (die Großmutter Jesu und Mutter Mariens) mit dem Jesuskind, gemalt im Jahr 1739. Der künstlerische Aufwand erstaunt, da die Kirche seit der Rekatholisierung ja sogar ihren Status als eigenständige Gemeindekirche verloren hatte, um bis 1739 als bloße Filialkirche der Teynkirche am Altstädter Ring (wir berichteten hier) ihr Dasein zu fristen. 1757 trafen übrigens im Laufe der Belagerung Prags während des Siebenjährigen Kriegs einige preußische Kanonenkugeln die Kirche, die unter anderem den Hauptaltar beschädigten.

Der eigentliche barocke Künstlerstar der Kirche ist jedoch der Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff, der Spross einer Bildhauerdynastie, der unter anderem durch etliche der Statuen auf der Karlsbrücke bekannt wurde (eines der Beispiele, das wir bereits vorstellten, findet sich hier). Von ihm stammen die reichen Ornamente der barocken Altäre, von denen der Hauptaltar mit dem Kastulus-Bild Scheiwls allerdings Ende des 19. Jahrhundert stark im Stil des Neorenaissance-Historismus verändert wurde. Immerhin wird der Altar noch immer von den lebensgroßen marmornen und reich vergoldeten Statuen des Heiligen Johannes des Täufers und des böhmischen Heiligen Nepomuk eingerahmt, den man im Bild rechts sehen kann. Brokoff schuf die beiden Heiligenfiguren wahrscheinlich im Jahre 1731.

Und dann ist da noch die Figurengruppe der Passion Jesu, die sich beim westlichen Fenster der Kirche befindet. Sie ist ein relativ frühes Werk Brokoffs, wahrscheinlich um 1716 entstanden. Die etwas überlebensgroßen Figuren sind aus Holz geschnitzt und polychrom bemalt. Sie sollen die Leiden Christi in seinen letzten Tagen darstellen, wie sie am ausführlichsten in der Bibel im Markusevangelium überliefert sind, wobei die Kreuzigung besonders hervorgehoben ist. Leider sind im Laufe der Zeit etliche der Figuren verloren gegangen. So fehlen alle Szenen nach der Kreuzigung – etwa die Grablegung und die Auferstehung. Aber auch in ihrer unvollständigen Form gehören sie zu den beeindruckendsten Skulpturengruppen ihrer Art in Böhmen und darüber hinaus.

Auch die Orgel ist ein Werk des Barock, hatte allerdings eine kleine Wanderung hinter sich, bevor sie zur Haštala-Kirche kam. Sie wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von einem unbekannten Meister erbaut. Sie befand sich aber zunächst in der kleinen Gemeindekirche St. Adalbert (Kostel svatého Vojtěch) in der Prager Neustadt, über die wir bereits hier berichteten. Hier fand kein Geringerer als Antonín Dvořák 1874 einen seiner ersten festen Jobs als Organist. Allerdings wurde sie 1877 hier abgebaut (und durch eine andere ersetzt), um oben auf der Empore in der Haštala-Kirche einen neuen Platz zu finden. Eine solche Berühmtheit wie Dvořák hat aber hier in dieser Kirche nicht wieder auf ihr gespielt. Die Orgel wurde 1990 grundsaniert, eine neue Wartung ist in Kürze geplant. Sie ist schließlich eine der ältesten Orgeln der Stadt und verdient Pflege.

Man kann heute sehen, dass sich die Kirche auf einem sehr kleinen, von alter Baustruktur umrahmten Platz, den heutigen Haštalské náměstí, befindet (wir berichteten darüber hier). Das war dereinst im Mittelalter und der frühen Neuzeit natürlich der Kirch- oder Friedhof. Je mehr die Stadt wuchs, desto problematischer wurde die Enge des Friedhofs, die oft Begräbnisse in mehreren Schichten übereinander nötig machte und die Särge sich bis dicht unter der Erdoberfläche stapelten – wovon Seuchengefahr ausging. Das Viertel, das sich heute nobel ausnimmt, war damals ein Elendsviertel und sehr beengt. Ein wenig Abhilfe schuf ein Ossuarium (Beinhaus). Nach vollständiger Skelettierung wurden die Toten Jahre nach ihrer Beerdigung im Kirchhof wieder ausgegraben, um neuen Raum zu schaffen, und die Knochen wurden dann in Beinhäusern einfach auf großen Haufen gestapelt, was enorm Platz sparend war. Über das Beinhaus der Haštala-Kirche (man sieht es im Bild links bei Nacht) haben wir bereits hier berichtet.

Beengte Friedhöfe im Innenstadtbereich gibt es heute nicht mehr, was etwas mit der Friedhofsreform von Kaiser Joseph II. in den 1780er Jahren zu tun hat, die aus Gründen der Hygiene und Seuchenprävention innerstädtische Friedhöfe durch große parkähnliche Anlagen außerhalb des Stadtzentrums ersetzte – so wie wir das heute in der regel kennen. Im Kirchhof im hiesigen Elendviertel dauerte es aber anscheinend noch bis 1832 bis das umgesetzt wurde und der Friedhof verschwand. Dass er dereinst hier existierte, daran wollte man doch noch erinnern. In dem Kopfsteinplaster rund um die Kirche sind heute andersfarbige Steine in symbolischer Kreuzform eingelassen, die an die früheren Grabkreuze erinnern sollen. Nachts photographiert, wie hier im Bild rechts, wirken sie schon ein wenig gespenstisch.

Da die Kirche nicht sehr weit von der Moldau entfernt auf ebenen Terrain steht wurde sie häufiger mal bei Hochwassern überschwemmt. Etwa bei der erwähnten Überschwemmung von 1432, bei der Flut vom Februar 1784, beim Sommerhochwasser von 1851 oder beim großen Hochwasser von 2002. Dank der soliden, immer noch mittelalterlichen (!) Baustruktur überstand sie aber im Kern die Katastrophen weitgehend unbeschädigt. Einen anders gearteten Rückschlag musste sie allerdings 2009 hinnehmen, als sie abermals ihre Selbständigkeit als katholische Gemeindekirche verlor und wieder Filialgotteshaus der Teynkirche wurde. Dafür gabe es 2021 eine freudie Meldung. Während des Ersten Weltkriegs waren zwei der drei Glocken für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen und seither nicht merh ersetzt worden. Jetzt hatte man 1,2 Millionen Kronen gesammelt und bei der Innsbrucker Traditionsfirma Grassmayr zwei neue Glocken gekauft. Sie wurden nach dem Namensheiligen Kastulus und Franziskus von Assisi benannt. Auf der letztgenannten befindet sich auch ein Relief der Heiligen Agnes.

Womit wir wieder beim Thema sind. Dass auch die Ausgrabung von 1993 keinen Beweis der Existenz des Grabes der Klostergründerin und Königstochter erbrachte, wurmte die Archäologenzunft irgendwie. Es stand ja etwas auf dem Spiel, denn seit HJahrhunderten gab es Prophezeiungen, dass mit der Auffindung des Grabs von Agnes ein Zeitalter des Friedens beginnen würde – so etwa durch die katholische Mystikerin und Stigmatin Therese Neumann, die dies 1929 in einer ihrer Visionen verkündet bekommen hatte. Wie dem auch sei: Die Archäologen, die noch einmal 2010 unter der Kirche nach Überresten fahndeten, haben gesucht und gesucht, aber keine auch nur irgendwie belastbare Evidenz dafür gefunden. Dabei hatten sie sogar ein modernes Georadargerät eingesetzt. Inzwischen scheinen sich alle Energien der unermüdlichen Agnes-Sucher auf die unvollendete gotische Kathedrale von Panenský Týnec, rund 50 Kilometer nordwestlich von Prag gelegen, zu fokussieren.

Der Haštala-Kirche scheint es auch an der mystisch positiven Energie, die die Okkultisten der Ruine von Panenský Týnec seit längerem nachsagen. Der Archäologe Leo Vrzal, der 2010 Agnes in der Haštala-Kirche vergebens gesucht hatte, führte hier 2014 hier erneute Georadar-Untersuchung durch. nahe der Apsis entdeckte er in vier Meter Tiefe etwas, das ein mittelalterlicher Grabstein sein könnte, um den herum eine andere Bodenzusammensetzung herrschte als im Umfeld. Ein schlagender Beweis war das nicht. Aber Vrzal hegt die Hoffnung, nunmehr tatsächlich fündig geworden zu sein, wenn es erst einmnal möglich sein werde, den Stein zu bergen, was bisher nicht der Fall war. Sollte er Recht haben, so würde das die Bedeutung der Haštala-Kirche nicht herabsetzen, die auch ohne die Heilige Agnes, die übrigens seit Jahrhunderten in Böhmen immer als Heilige verehrt wurde, obwohl sie erst 1989 (!) durch Papst Johannes Paul II. tatsächlich heilig gesprochen wurde, zu den schönsten und bedeutendsten und ganz besonderen Kirchen der Sadt gehört. (DD)

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