Frauenrechtlerin – bei Hochwasser getauft

Keine Geschichte der Frauenbewegung in Böhmen könnte es sich leisten, den Namen Karolina Světlá auszulassen. Denn sie gehört neben ihrer Freundin und Mitstreiterin Eliška Krásnohorská (siehe u.a. früheren Beitrag hier) zu den Gründerinnen der Bewegung schlechthin.

Světlá (ein Künstlernamen, denn in Wirklichkeit hieß sie Johanna Mužáková) hatte sich als als Schrifstellerin früh einen Namen erworben, die in ihren Prosawerken oft soziale und frauernrechtlerische Anliegen literarisch thematisierte. Ihr bekanntestes Werk, die Novelle Hubička (Der Kuß) von 1871 wurde 1876 von keinem geringeren als Bedřich Smetana zur erfolgreichen Oper verarbeitet, wobei Eliška Krásnohorská das Libretto verfasste. Aber sie engagierte sich auch politisch. Sie verkehrte in Kreisen liberaler tschechischer Nationalisten. 1865 gründete sie mit dem Americký klub dam (Klub amerikanischer Damen) eine der ersten Frauenorganisationen im Lande, wobei der heute etwas ungewöhnlich klingende Namen darauf anspielte, dass die Frauenbewegung in Amerika viel stärker war als in Europa und die Frauen dort tatsächlich mehr Rechte hatten. Ihr großes Anliegen war jedoch die Frauenbildung. 1871 gründete sie zum Beispiel den Böhmischen Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český), der die erste Einrichtung betrieb, die Mädchen aus ärmeren Haushalten oder Waisen zu einer soliden praktischen Bildung verhalf. Wir berichteten bereits hier. Dem folgten bald auch Schulen für höhere Bildung, etwa das erste Mächengymnasium Minerva in Prag.

Zugleich gehörte sie ab 1873 zu den Gründerinnen der ersten Frauenzeitschrift, den Ženske listy (Frauenblätter). Kurz: Ihr Engagement für die Erweiterung der Rechte der Frauen war bahnbrechend, was zur Folge hatte, dass es alleine in Prag etliche Denkmäler, Gedenktafel und Strassenbenennungen nach ihr gibt. Eine Gedenkplakette, die auch noch an einem Haus in einer nach ihr benannten Straße (genauer: Karoliny Světlé 284/22) angebracht wurde, befindet inmitten der Prager Altstadt. Es mag Kenner ihres Werkes erstaunen, in dem immer wieder von der moralischen Überlegenheit der böhmischen Landbewohner über den Prager Metropolenbürgern die Rede ist, dass Karolina Světlá hier mitten im Zentrum von Prag geboren wurde und sich meist auch dort politisch engagierte. Denn die Plakette erinnert daran, dass das hier ihr Geburtsort war: „Die Schriftstellerin und Pionierin der Frauenbewegung Karolina Světlá wurde in diesem Haus geboren und verbrachte hier ihre Jugend – 24.II.1830-7.IX.1899“.

Die schwungvoll in Form einer runden konkaven Scheibe gestaltete Tafel mit einer Büste der großen Frauenrechtlerin befindet sich seit 1948 hier und ist ein Werk der bekannten Bildhauerin Marta Jirásková. Und die war selbst ein Beispiel für den Fortschritt der Frauenrechte, die im Gefolge von Karolina Světlá. Als sie während des Ersten Weltkriegs Bildhauerin studieren wollte, durfte sie das zunächst nur auf einer Kunstschule, die wohl nur wegen des kriegsbedingten Ausfalls von männlichen Studenten nun auch Frauen aufnahm. Die prestigeträchtigere Akademie der Bildenden Künste (Akademie výtvarných umění) verweigerte sich – trotz Männermangels – der Öffnung für Frauen. Erst nach dem Ende der Habsburgermonarchie und der Ausrufung der Ersten Republik konnte sie sich dort 1919 einschreiben und als talentierte Schülerin des bedeutenden Bildhauers Otakar Španiel(den erwähnten wir u.a. hier und hier) reüssieren, was ihr eine internationale Anerkennung als große Künstlerin eintrug. Unabhängig davon ist auch das Geburtshaus als solches interessant. Es handelt sich um das dům U Tří králů (Haus zu den Drei Königen), ein ursprünglich im Renaissancestil erbautes Gebäude, das Anfang des 18. Jahrhunderts barockisiert wurde, um dann Anfang das 19. Jahrhunderts eine klassizistische Umgestaltung der Fassade zu durchleben. Das prägt die Außenansicht des Hauses heute noch und ungefähr so dürfte das Haus dann auch zur Zeit der Geburt Karolina Světlás ausgesehen haben. Es liegt übrigens recht nahe der Moldau und die war damals noch nicht durch den Damm der Uferpromenade gesichert. Das Areal wurde daher vielfach Opfer von Überschwemmungen. So auch am Tage der Geburt Světlás (die damals noch Rottová hieß), dem 24. Februar 1830. Die Legende besagt, dass wegen des Hochwassers Pfarrer und Paten mit dem Boot zur Haustaufe kommen mussten. (DD)

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