Hauptbahnhof im Hauptbahnhof

Dass der Prager Hauptbahnhof (Praha hlavní nádraží) unter Kennern zurecht als ein bedeutendes Baudenkmal gilt, bemerkt man nicht immer, wenn man sich darin befindet. Zu sehr haben die in den 1970er Jahren davor gesetzte Metro und die im brutalistischen Stil gehaltene moderne Vorhalle den Gesamteindruck verändert und einige der Schönheiten des originalen, von dem bedeutenden Architekten Josef Fanta erbauten, Jugendstilgebäudes optisch fast unsichtbar werden lassen.

Aber gottlob kann man seit November 2020 im Bahnhof selbst den Bahnhof (als Bahnhof im Bahnhof, sozusagen) in seiner Gesamtheit en detail bewundern. Und zwar als riesiges Lego-Modell. Gigantisch, detaillreich und voller origineller Ideen, um es präziser zu sagen. Fangen wir einmal bei den Größendimensionen an: Für das durch Glas geschützte Modell wurden satte 342.383 Legoklötzchen bzw. Einzelteile verbaut. Schon das Zählen muss zeitraubend gewesen sein, geschweige denn das Aufbauen – Stück für Stück. Das Ganze erstreckt sich auf eine Fläche von 15 Quadratmetern. Und es wiegt rund 2,7 Tonnen. Das ist nicht schlecht. Kein Wunder, dass der Bau insgesamt 2137 Arbeitsstunden erforderte – ausgeführt vom Modellbauzentrum der Firma Lego unter der Leitung von Ivana Zobinová.

Irgendwie wirkt das Modell so, dass man meinen könnte, es sei extra für die kulturhistorisch interessierten Besucher des Bahnhofs erbaut worden. Dem ist aber nicht so. Die Öffentlichkeit konnte es erstmals 5 Jahre zuvor in gerade eröffneten einem Einkaufszentrum in der nordwestlich von Prag gelegenen Stadt Kladno bewundern. Der Erbauer und Betreiber des Zentrums, der Immobilieninvestor Crestyl kombinierte es mit einer ganzen Schauaustellung von großen Legomodellen (etwa, um nur zwei Beispiele zu nennen, von der Londoner Tower Bridge oder dem Taj Mahal in Agra). Neben dem Hauptbahnhof war die Pražský orloj – die Prager Rathausuhr, über die wir hier berichteten – das einzige tschechische Kunstwerk in der Galerie. Allerdings wurde die Ausstellung Mitte 2018 geschlossen. Nur ein großer Legoladen blieb im Einkaufszentrum.

Aber zumindest der Prager Hauptbahnhof aus Lego sollte erhalten bleiben (was mit den anderen Lego-Kunstwerken geschah, habe ich nicht herausfinden können). Denn die Firma Crestyl spendete ihn kostenlos auf unbestimmte Zeit als Leihgabe dem echten Prager Hauptbahnhof. Dort begeisterte man sich über die neue Attraktion. „Wir freuen uns sehr, dass Reisende, die den Prager Hauptbahnhof passieren, den größten Bahnhof Tschechiens aus einer anderen Perspektive betrachten können. Eine originalgetreue Kopie bestätigt die Einzigartigkeit des gesamten Bahnhofs, einschließlich des Fanta-Gebäudes“, sagte Jiří Svoboda, der Generaldirektor der tschechichen Eisenbahnverwaltung voller Begeisterung anlässlich der Übergabe des Modells, das nun auf der Wartehalle auf der ersten Gebäudeebene seinen Standplatz fand.

Recht hatte der Generaldirektor! Das Modell bietet eine detailreiche Sicht sowohl auf das Äußere und das Innere des Bahnhofs zugleich. Selbst die Ornamentik des originalen Jugendstilbaus ist in seiner Komplexität erstaunlich präzise erfasst – was nicht leicht gewesen sein, wenn einem nur Legosteine bei der Nachempfindung zur Verfügung stehen. Von den Seiten und von vorne kann man Einsichten in das Innere des Bahnsteigareals (wofür Teil des Glasdachs ausgespart wurde) und des modernen Vorbaus mit seinen Läden und dem regen Publikums bewundern. Davor läuft der Verkehr auf der berühmten Magistrale, der Umgehungsstraße um die Altstadt, die über Vorhalle verläuft, und stadtplanerisch vielleicht einen Sinn ergibt (Entlastung der Altstadt), aber auch zurecht als eine Verschandelung der Umgebung wahrgenommmen wird – auch, weil sie den alten Bahnhofsteil Fantas von der Altstadt abschneidet.

Wie dem auch sei: Das Lego-Modell macht einen ungeheuer realistischen Eindruck, wozu nicht zuletzt die Unmenge an kleinen Legomännchen und -weibchen beiträgt, die durch die Hallen wuselt. Und einige bewegen sich sogar. Denn außen ist ein kleines Schaltpult mit drei Bedienungsknöpfen an der Vorderseite angebrcht, mit dem man Teile des Bauwerks beleuchten, aber auch einiges an Bewegung hereinbringen kann. Personen, Aufzüge und Fahrzeuge bewegen sich für kurze Zeit, wenn man einen der Knöpfe drückt. Was besonders Kinder (aber nicht nur die) begeistert, die sich hier gerne und viel tummeln und drängeln, um auch einmal dran zu kommen.

Kurz: Es handelt sich um ein Modell, das sowohl Eisenbahnbegeisterte, Architekturbegeisterte und Legobegeisterte anspricht. Vielleicht hatten die Spender von Crestyl sogar den Hintergedanken, das 2017 gegründete Lego Museum (Muzeum Lega) in der Neustadt ein wenig zu fördern, das mit über 2500 Modellen zu den größten der Welt gehört, deren Grundstock die 1000 Modelle umfassende Sammlung des Gründers und Besitzers Miloš Křeček bildet. Möglicherweise sind etliche der dereinst im Einkaufszentrum von Kladno deponierten Modelle inzwischen hier gelandet, aber das ist nur eine wilde Spekulation. Wie dem auch sei: Eien gute indirekte Werbung für das Lego Museum ist das Bahnhofsmodell gewiss.

Zurück zum Modell des Hauptbahnhofs im Hauptbahnhof. Hier wurde auch Spekulation betrieben. Was befindet sich eigentlich im Erdreich unter dem Hauptbahnhof? Die Bastler des Modells haben da ihre archäologische Imagination ausgetestet. Auf der Rückseite des Legobahnhofs sieht man im (künstlichen) Erdreich darunter seltsame Grabkammern, in denen Skelette Motorrad fahren oder ein (ebenfalls skelettierter) altslawischer König aus der Zeit der Legenden und Sagen über einen Schatz wacht, der wohl einem Drachen gehört hatte, der sich gerade durch ein Kanalrohr verflüchtig (Bild links). Jetzt ahnt man: In solch einem Bahnhof gibt es mehr Dinge als man sich je erträumen kann. (DD)

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