Hochzeit in der Schützenhalle

Alte deutsche Bier-und Weinseligkeit wie aus dem Lehrbuch! Man vergisst heute leicht, dass auch sie ein nicht zu unterschätzender Teil der Prager Kulturgeschichte ist. Und gerade hier im Pavillon Grébovka (Grébovka Pavilon) kann man sehen, wie sehr gerade die deutsch-jüdische Bevölkerung in der Stadt ein kultureller Hauptträger solch geradezu urtypischen Deutschtums war.

Beginnen wir also mit Moritz Gröbe, der seine Initialen auch bei der Wandbemalung des Pavillons festhalten ließ (Bild links), und der ein typisches Mitglied der seit der vollständigen Judenemanzipation von 1848 (die 1867 im habsburgischen Böhmen sogar in der Verfassung festgeschrieben wurde) aufstrebenden deutsch-jüdischen Bourgeoise war. Alle Beschränkungen der Bewegungs-, Niederlassungs- und Ehefreiheit, und auch die steuerliche Diskriminierung der Duldungsteuer waren Vergangenheit. Es entstanden mehr Gemeinden und es entstand ein Unternehmertum, das sich vor allem in das deutsche Kulturleben integrierte und sich äußerst säkularisiert gab.

Das mag ein Grund sein, weshalb auch viele durchaus liberal gesonnene tschechische Nationalisten im 19. Jahrhundert von anti-semitischem Gedankengut nicht frei waren, etwa der große Nationalhistoriker und der „Vater der Nation“: František Palacký (wir erwähnten ihn u.a. hier), der 1872 über die Juden in Böhmen recht gehässig schrieb, „eine edle, großmüthige und ritterlich ehrenhafte Gesinnung… ist ihnen gänzlich unbekannt, ja sie wollen dieselbe, als wäre sie ein Aberglaube, gar nicht kennen. “ Man hielt in diesen politischen Kreisen eben die Juden lange – bis sich der tschechische Nationalismus in der Ersten Republik in eine ausgesprochen philosemitische Richtung entwickelte – tendenziell für eine Art fünfter Kolonne der Deutschen im Lande.

In diesem Licht betrachtet, wird es noch grotesker, dass 1939 die Nazis die Villa des längst verstorbenen Gröbe (zu dessen Komplex auch der Pavillon gehört) für die Hitlerjugend requirierten und in Prag die Verschleppung und Ermordung der Juden durchführten im Namen eines krude imaginierten „Deutschtums“, wo doch gerade dieser Ort hätte zeigen können, das dies die Axt an die Wurzeln der deutschen Kultur in Böhmen anlegte. Auch im Pavillon kann man das erahnen. Gröbe war offenbar kein Sympathisant des gegen die Habsburger gerichteten tschechischen Nationalismus. Selbst hier, wo er sich eigentlich nur amüsieren wollte, ließ er sich als „politisches Statement“ einen Habsburger Doppeladler an die Wand malen (Bild links). Dass die tschechischen Nationalisten auch keine große Begeisterung für ihn aufbrachten, verwundert daher nicht. Als er 1891 starb, erinnerte die tschechische Presse ein wenig bissig daran, dass Gröbe zwar zeitlebens für wohltätige Zwecke gespendet hatte, aber immer nur an deutsche Bildungsvereine und deutsche Armenhilfe, und dass er im Testament auch nur für bedürftige Deutsche Geld hinterlassen hatte.

Moritz Gröbe war eigentlich gebürtiger Sachse, der aber schon als junger Mann nach Böhmen gekommen war, um bei der großen Eisenbahn- und Infrastrukturfirma des Großunternehmers Karl Adalbert Lanna zu arbeiten, wo er bald Prokurist, dann schon bald 1869 Teilhaber und später sogar größter Teilhaber wurde. Der Firma verdankt das Land einen großen Teil des Eisenbahnnetzes, aber auch etwa den Ausbau des Moldaukanals unterhalb Prags. Eines der Projekte, an denen sich Gröbe zuvörderst beteiligte war der Bau des Vinohrady-Tunnels im Jahre 1871, der sich nur wenige hunderte Meter von Park, Villa und Pavillon Gröbes befindet. Er machte die Verbindung des neuen Prager Hauptbahnhofs (Praha hlavní nádraží) in Richtung Südböhmen möglich. Und den Aushub für den Tunnel benutzte Gröbe, um die Landschaft um seine Villa zu gestalten.

Denn: In den Jahren 1871 bis 1888 ließ sich Gröbe hier in der Grébovka eine riesige Park- und Gartenanlage mit einer riesigen Villa (auch hier) anlegen, zu der auch ein großer Weinberg gehörte. Um den Freizeitwert seiner privaten Parkanlage zu erhöhen, ließ er noch einige entsprechende Gebäude in den Gärten errichten, die unterschiedliche Aspekte abdeckten. Für wildromantische Ästhetik sorgte eine pittoreske Grotte (wir berichteten hier) mit Höhlen und Skulpturen. Um die Ruhe über seinen Weinberg bei einem Gläschen genießen zu können, gab es den hölzernen Weinberg-Altan (Viniční altán; wir berichteten hier). Und für gröbere physische Aktivitäten oder trunkene Weinseligkeit (siehe die Sprüche auf dem Wandfries im Bild oberhalb links) gab es eben den erwähnten, ebenfalls hölzernen Pavillon. Von dem sind keine Pläne mehr erhalten, aber es spricht alles dafür, dass er das Werk der Architekten Anton Viktor Barvitius (wir erwähnten ihn bereits u.a. hier und hier) und Josef Schulz (der u.a. das Nationalmuseum) war, die ja auch den gesamten restlichen Komplex samt Villa gestaltet hatten. Stilistisch ähnelt er jedenfalls dem Altan.

Als es fertiggestellt war, nannte man das Gebäude wohl noch nicht Pavillon, sondern Kuželník – Kegelbahn. Und tatsächlich befindet sich heute immer noch in einem der beiden ursprünglichen, rechtwinkilg angeordneten Gebäudeflügel der leider nicht mehr funktionsbereite Rest der alten Gröbe’schen Kegelbahn. Durch die Glastür sieht man noch die Bohlenbahn und – weil es automatische Pinnstellmaschinen noch nicht gab – die Rampenlaufbahn, auf der der Kegeljunge die Kugeln zurück zu den Spielern rollen ließ, während er dann die Kegel wieder manuell proper aufstellte. In dieser Form gibt es sicher nur noch wenige solcher altmodischen Kegelbahnen. Es ist schade, dass sie nicht wieder vollständig hergestellt ist, und der Raum als Lager genutzt wird. Eine Restaurierung wäre sicher möglich, denn die Anlage wirkt im wesentlichen noch recht intakt.

Der andere Flügel zeichnet sich durch hübsche Wand- und Friesgemälde im damals voll en vogue seienden Stil der böhmischen Neorenaissance aus (wie wir es u.a. im großen Bild oben sehen). Wer der Maler war, weiß man nicht mehr, obwohl unter Experten wohl einer der „heißen Kandidaten“ der bekannte Historienmaler Adolf Liebscher (wir erwähnten ihn u.a. hier und hier) ist.

Stilistisch passt es, aber beweisen lässt es sich nicht, da alle Bauunterlagen für den Pavillon verloren gegangen sind. Jedenfalls handelt es sich um liebevoll gestaltete Genrebilder, von denen viele einen ironischen Bezug zum Zweck des Gebäudes haben, nämlich sich köstlich zu amüsieren. Einer der Hauptzwecke dieses Gebäudeteils war nämlich die Funktion als Schützenhaus. Daran erinnern die putzigen Putten vor eine böhmischen Burglandschaft auf einem der Friese, die mit kleinen Flitzbögen oder Spielzeugpistolen auf eine Zielscheibe zielen, die ein anderer Putto in den Händen hält.

Dass dort auch gerne mit Karten gezockt und mit den Würfeln das Glück herausgefordert wurde, versteht sich von selbst. Jedenfalls wenn man den Malereien dort glaubt, die auch jedem Weinkeller in Rüdesheim am Rhein Ehre machen würden. Moritz Gröbe konnte den Spaß leider nur knappe drei jahre genießen, denn schon 1891 starb er an den Folgen eines Schlaganfalls. Die Erben konnten das ganze Areal mit Villa und allem Drum und Dran nicht lange halten. 1905 verkauften Sie es an die damals noch unabhängige Stadt Vinohrady (die erst 1922 Teil Prags wurde), die einen öffentlichen Park eröffnete.

Für den Pavillon brach mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Gründung derTschechoslowakei 1918 eine neue Ära an. Das lag an dem französischen General Maurice César Joseph Pellé und der von ihm geleiteten Französischen Militärmission in der Tschechoslowakei, die im Februar 1919 ins Leben gerufen wurde, um die neu gegründete tschechoslowakische Armee (die sich in diesem Jahr u.a. mit Polen und Ungarn im Krieg befand) bei ihrem Aufbau zu unterstützen. Pellé wurde kurz darauf sogar selbst Oberkommandierender der tschechoslowakischen Streitkräfte. Die Mission zählte Ende 1919 immerhin 146 Offiziere, die größtenteils mit ihren Familien in Prag stationiert waren. Da bestand unter anderem bald Bedarf für Kinderbetreuung.

Damals nannt man das Gebäude nicht mehr Kegelbahn, sondern Jesle generála Pellé (General Pellés Kinderkrippe). Dort wurde über 35 Kinder (plus eine Kleinkindergruppe für Drei- bis Sechsjährige) wohl nach neuestem pädagogischen Stand – auch ganztags – betreut. Sie galt als die erste moderne Kinderkrippe im Lande und wurde zum Vorbild anderer tschechoslowakischer Institutionen dieser Art. Während des Zweiten Weltkriegs wurde bei einem Luftangriff im Februar 1945 Grotte, Villa und Pavillon beschädigt. Nach dem Krieg versuchte man hier nach einer oberflächlichen Reparatur wieder eine Krippe zu errichten, die aber Anfang der 1950er Jahre geschlossen wurde. Danach nutzte man es unter den Kommunisten als Lager und ließ es überwuchern und verfallen. Der Kommunismus endete mit der Samtenen Revolution 1989 und im Jahre 2004 beschloss der Rat von Vinohrady die umfassende Restauration.

Die wurde von der Prager Firma SGl Projekt organisiert, wo sich ein großes Team jedem Einzelaspekt widmete, etwa die Maler Peter Stirber und Tomáš Záhoř der Wiederherstellung der Genrebilder oder Restauratorinnen Jana Trubačíková und Zdenka Fejfarová, die das Gebäude restaurierten, wobei sie – nur um die Arbeit zu veranschaulichen – jeden Ziegel im Fachwerk herausnehmen, bearbeiten, nummerieren und wieder an seinen Platz setzen mussten. Die enorm aufwändige Arbeit, die 2010 abgeschlossen war, sollte sich hauptsächlich an den Originalbau von 1888 orientieren, aber zugleich neue Akzente setzen, die auch der Nutzbarkeit dienten.

Denn aus der Gröbeschen Kegelbahn bzw. Schützenhalle oder Pellés Kinderkrippe sollte nun ein Ausflugslokal mitten in der schönen Parkanlage entstehen. Dazu war das Ursprungsgebäude teilweise, aber nicht völlig geeignet. Also baute man einen in den Proportionen stimmigen, aber ansonsten völlig modernen Glas- und Stahlflügel. Dabei war zum Beispiel ein Kücheneinbau (im Altbau wäre das eine permanente Quelle von Feuergefahr) möglich. Man konnte für die sanitären Anlagen eine Unterkellerung ermöglichen und so weiter.

Das Gesamtgebäude ist dadurch hufeisenförmig geworden. Dadurch hat man nun einen windgeschützten Innenhof, der sich als eine Art Bier- und Weingarten hervorragend eignet. Wenn es regnet, bietet vor allem der neue Glasbau Platz und Schutz. Der nunmehr definitiv Pavilon heißende Pavillon ist jedenfalls ein populäres und innerstädtisches Ausflugsziel, wo die Besucher in schöner Umgebung ein kleines, aber ordentliches Speisen- und Getränkeangebot genießen kann, das sein Geld wert ist. Im Sommer wird draußen am offenen Grill Fleisch gebrutzelt. Urlaub im Freien in der Stadt! Vor allem bei großen Weinfesten und anderen Open-Air-Belustigungen im Park sind Stimmung und Andrang groß! Der Platz hat einfach Atmosphäre!

Der genutzte Hauptteil des Altbaus (die Schützenhalle) wird heute meist nur für besondere Anlässe genutzt, etwa Firmenfeste oder Jubiläen. Und vor allem Hochzeiten! Neben dem Altan ist der Pavillon die Prager Haupt-Location dafür – ergänzt durch die Grotte, die für das Hochzeits-Photoshooting geeignet ist, was jährlich Scharen von Brautpaaren aus aller Welt nutzen. Im Pavillon kan man sogar vor der Feier die standesamtliche Hochzeit selbst durchführen lassen. Ja, und deshalb wird der Pavillon bei mir immer einen besonderen Platz im Herzen einnehmen: Hier hat nach der kirchlichen Trauung (hier) meine Tochter Charlotte Ende Juli ihre Hochzeit mit Ruben gefeiert. Rechts sieht man die beiden, wie sie im Pavillon meine Hochzeitsrede über sich ergehen lassen müssen. Dieser Tag war ein grund mehr, warum ich den Ort so liebe. (DD)

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