Hrabal/Kilián hätte hier gerne Bier getrunken

2021, mitten in den turbulenten Zeiten harter Anti-Covid-Maßnahmen, die ja den Gastronomiesektor besonders schädigten, fasste man den Mut diese Brauereigaststätte zu eröffnen: Die Pivovar Kilián (Kilián Brauerei) in der Nad Kolčavkou 907/8 im Prager Stadtteil Libeň. Alleine das verdient Lob!

Die Umgebung dürfte wohl kaum zum Touristenmagnet werden. Der naheliegende hübsche Fluss Rokytka, der sich hier durch die Landschaft schlängelt, und die noch näher liegende, aber doch eher unschöne Eisenbahnbrücke aus Beton sorgen für gemischte optische Eindrücke. Folglich ist die Brauerei ganz primär ein Ort, an dem man Tschechen bei einem Glas Bier (oder mehr) vorfindet und nicht ausländische Besucher. Kurz: Hier hat man ein kleines Stück authentisches Böhmen vor sich. Auch die Einrichtung der beiden Gasträume ist einfach und gemütlich – so wie es sich gehört. Der Besuch lohnt sich auf jeden Fall, gerade weil es keine touristische Altstadtkneipe ist.

Die Geschäftsleitung der Braugaststäte, die sich 2021 als so wagemutig erwies, hat Jaroslav Nový inne. Er und seine Mitstreiter scheinen wohl begeisterte Leser der Werke des berühmten tschechischen Schriftstellers Bohumil Hrabal (wir berichteten über ihn u.a. hier) zu sein. Denn die Gaststätte ist nach ihm benannt – was man nicht auf den ersten Blick erkennt. Geboren wurde Hrabal nämlich unter dem Namen Bohumil František Kilián. Und Kilián war der Name der Mutter Marie Kilianová, die ihn als uneheliches Kind bekam. 1916 heiratete sie einen Brauereiangestellten namens František Hrabal. Den Namen seines neuen Stiefvaters übernahm dann ihr Sohn und wurde dadurch zu dem Bohumíl Hrabal, den wir kennen.

Die Gaststätte trägt also Hrabals Original- und Geburtsnamen. Das wissen natürlich nur Kenner, aber hier im Stadtteil Libeň ist irgendwie jedermann Hrabal-Kenner und Hrabal-Fan. Der Schriftsteller, der 1997 (vermutlich durch Selbstmord) starb, ist für die Bürger des Ortes so etwas wie der Local Hero. Der große Sohn der Stadt! Er wohnte nämlich hier in einem Haus in der Na Hrázi 24/326, wo er von 1950 bis 1973 mit seiner Frau und vielen Katzen lebte, und das leider 1988 abgerissen wurde. Heute steht hier zum Andenken die berühmte, im Stil der Pop-Art bemalte Hrabal-Mauer, ein Kunstwerk zu seinem Gedenken, über das wir bereits hier berichteten. Und Hrabal/Kilián war ein leidenschaftlicher tschechischer Biertrinker, der gerade für die örtliche Kneipier-Szene fast Kultstatus hatte. Es ist also gar nicht so erstaunlich, dass man hier in diesem Umfeld einer Brauereigaststätte einen Namen mit einem gewissen Hrabal-Bezug gibt.

Die Kilián-Brauerei ist eine sogenannte Fliegende Brauerei (Létající pivovar). Wir hatten in diesem Blog bereits u.a. dieses und dieses exzellente Beispiel für einen solchen Brauereitypus vorgestellt. Was sind Fliegende Brauereien? Nun es gibt ja viele begabte Bierbrauer, die richtig gut sind, aber sich nicht sofort die teueren eigenen Apparaturen für eine Brauerei leisten können. Die Findigen unter ihnen nutzen Leerlaufzeiten existierender Brauereien, um dort (gegen vergleichsweise geringe Gebühr) ihre eigenen Bierrezepte realisieren zu können. Dieses Geschäftsmodell hat in den letzten Jahren viel Zulauf und trägt dazu bei, dass es auch in schweren Zeiten noch die Vielfältigkeit der Bierkultur in Tschechien gibt, für die das Land doch so berühmt ist.

Von der kriegt man bei Kilián schon etwas mit. Alleine der Blick über die Zapfanlage (Bild oberhalb rechts) zeigt die Potentiale. Man hat hier immer drei bis vier eigene Bierkreationen vom Fass. Darunter ist eigentlich immer das beliebte Bohouškův ležák, ein sanftes Lagerbier mit 11° Stammwürze, das wir im großen Bild ganz oben sehen (leider nicht schmecken) können. Oder im kleinen Bild links sieht man das Rugby Ale, ein rötliches Brown Ale mit 9° Stammwürze und einem angenehm hopfigen, aber nicht zu hopfigen Geschmack. Dazu offeriert man in der Gaststätte selbst meist noch Biere einer anderen Kleinstbrauerei. Bei unserem Besuch gab es etliche Biersorten der Pivovar Antoš (Brauerei Antoš) aus der mittelböhmischen Stadt Slaný im Angebot. Zu alledem kann man sich etwas von der Speisekarte bestellen, die primär die Klassiker der tschechischen Biergaststätten-Kulinarik beinhaltet, wie etwa Tatarák oder Rindsbrühe.

Wenn man, wie wir das letzte Mal, in der Wintersaison hier einkehrt, kann man natürlich keine Außengastronomie genießen. Im Sommer ist das anders. Auf der gegenüber liegende Straßenseite gibt es eine kleine Grünfläche, auf der man nun die erforderlichen Holztische und -stühle aufgestellt hat. Und es gibt noch Kapazitäten im Hof des Gebäudes, das wohl um 1900 erbaut wurde. Alles bestens! Und ob Hrabal oder Kilián: Lebte er noch, der große Schriftstelller Libeňs wäre hier mit Sicherheit gerne eingekehrt, um sich am guten Bier zu delektieren. (DD)

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