Kleiner Tunnel, kleines Abenteuer

Bei einer kleinen Wanderung durch das pittoreske Prokop-Tal (Prokopské údolí), über das wir u.a. schon hier berichteten, sollte man rund 800 Meter östlich des kleinen Ortsteils Hlubočepy ein wenig vom Weg abschweifen. Dann kann man ein kleines Abenteuer erleben, indem man einen dunklen und verlassenen Tunnel durchquert.

Der ist 107 Meter lang und ein wenig gekrümmt, weshalb man irgendwann völlig im Dunklen tappt. Denn der Tunnel ist unbeleuchtet. Am Eingang wird man gewarnt, dass man das auf eigene Gefahr tut. Aber letztlich ist es ein ungefährliches Erlebnis. Aber immerhin ein Erlebnis! Aber was ist das für ein geheimnisvoller Tunnel? Um das herauszufinden, müssen wir eine Zeitreise in die Vergangenheit wagen. Heute empfinden wir das Tal als eine malerische Wald- und Felsenlandschaft mit viel Natur. Aber sie ist eigentlich eine Kunstlandschaft, deren Felsen in Wirklichkeit Reste von Steinbrüchen sind, und die früher karg und unbewaldet war.

Hier wurde nämlich Kalkstein abgebaut und meist vor Ort schon gebrannt. Das größte Unternehmen, das hier und im unmittelbar benachbarten Dalejský-Tal (Dalejské údolí) tätig war, war die 1895 gegründete Kalksteinbrennerei Biskup, Kvis und Kotrba (Vápenka Biskup, Kvis a Kotrba). Zunächst wurde von der Firma nahe der Steinbrüche ein Ofen gebaut, nach dem Ersten Weltkrieg dann ein zweiter größerer. Das Unternehmen expandierte, auch weil das Prokop-Tal schon seit 1873 durch eine eingleisige Eisenbahnlinie erschlossen war. Für den zunehmenden Bedarf brauchte man allerdings größere Transportkapazitäten, um den Kalk zum nächsten Bahnhof im nächsten, etwas westlicher gelegenen Stadtteil Řeporyje (wo auch der Firmensitz war) zu bringen und dort aufzuladen.

Dazu baute man ein System von kleinen Schmalspureisenbahnen, die Teilweise parallel zur „normalen“ Eisenbahn und teilweise in die Steinbrüche fuhren. An einigen Stellen sieht man noch heute beim Wandern die Reste der alten Bahntrassen (Bild links). Der Tunnel im Prokop-Tal ist ein Relikt dieses Eisenbahnsystems. Es gibt wohl noch etliche andere Tunnel, aber dieser hier ist der einzige, der günstig am Wanderweg zugänglich ist. Der Tunnel ist weder sehr hoch, noch sehr breit. Kein Wunder: Die Gleise der Betriebsbahn von Biskup, Kvis a Kotrba hatten auch nur eine Spurbreite von 60 cm! Immerhin ist der Tunnel so hoch, dass man sich nirgends den Kopf stößt.

Die Geschichte von Biskup, Kvis a Kotrba endet zwei Jahre nach der Machtergreifung der Kommunisten. 1950 wird die Firma in das staatliche (heute erfolgreich privatisierte) Unternehmen Pragocement eingegliedert und somit verstaatlicht. Aber zu dieser Zeit verlor der Kalksteinabbau sowieso immer mehr an Bedeutung. Steinbrüche wurden aufgegeben und die Natur fing mit der Rückeroberung des Gebiets. 1968 wurde der Abbau generell im ganzen Tal eingestellt. Aufforstungen begannen. Die meisten Firmenanlagen – darunter die Gleise der Kleinbahnen – wurden abgebaut. Und schließlich, im Jahre 1978, erklärte man das Ganze zum Naturschutzgebiet. Die Kombination von Natur und den zerklüfteten Steinbruchanlagen hat sich seither als ausgesprochen populär unter Prager Ausflüglern erwiesen, die auf gut ausgebauten Wegen und auf ebenfalls gut ausgebauten Freizeitanlagen (kleine Restaurants, Picknickareale, Spielplätze) Spaß und Erholung finden. Dazu gehört auch der kleine Tunnel, an dessen Wänden sich mittlerweile Sinterablagerungen gebildet haben, der noch einen Schuss Abenteuer hinzufügt. (DD)

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