Konferenz der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik

Article by Hans Weber

2, October

Wo sonst die tschechische Außenpolitik gemacht wird, ging es am 2. Oktober 2026 um die Sprache einer kleinen, aber zähen Minderheit: Die Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik lud ins Prager Czernin-Palais zu einer Konferenz über die Verpflichtungen und die Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. PragueForum war dabei.

Ein Ort mit Symbolkraft

Allein der Tagungsort ist eine Botschaft. Das Czernin-Palais auf dem Hradschin, Sitz des tschechischen Außenministeriums, ist ein Ort, an dem tschechische Geschichte geschrieben wurde – auch ihre dunklen Kapitel. Dass sich hier nun die Vertreter der deutschen Minderheit versammeln, um über ihre Sprachrechte zu sprechen, zeigt, wie weit sich das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten bewegt hat.

Die Schirmherrschaft übernahmen gleich zwei hochrangige Politiker: der tschechische Außenminister Petr Macinka und Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Beide wandten sich mit Videobotschaften an die Teilnehmer.

Begrüßung mit Gewicht

Eröffnet wurde die Konferenz von Ing. Richard Neugebauer, CSc., der seit November 2025 als Präsident an der Spitze der Landesversammlung steht. Der Betriebswirt aus Jägerndorf (Krnov) ist im Schlesisch-Deutschen Verein in Troppau verwurzelt und leitet die Wirtschaftsstiftung Bohemia Troppau.

Ein Grußwort sprach zudem Taťána Malá, die Regierungsbeauftragte für Menschenrechte. Der deutsche Botschafter in Prag, Dr. Peter Reuss, war im Programm ebenfalls mit einem Grußwort angekündigt, ergriff jedoch nicht das Wort und verließ die Veranstaltung bereits während der Begrüßungsansprachen – was bei manchen Teilnehmern für Verwunderung sorgte. Umso deutlicher war das Signal der tschechischen Seite: Dass Außenministerium und Menschenrechtsbeauftragte die Konferenz mittragen, zeigt, dass der Schutz der deutschen Sprache in Tschechien heute keine Randfrage mehr ist.

Das Einführungsreferat „Rückblick und Erwartungen“ hielt Mgr. Martin Herbert Dzingel. Er hat die Landesversammlung 15 Jahre lang geführt und ist heute deren Geschäftsführer sowie Direktor des Thomas-Mann-Gymnasiums in Prag. Zu seinen größten Erfolgen zählt, dass Tschechien den Schutz des Deutschen unter der Sprachencharta im Jahr 2024 deutlich ausgeweitet hat.

Was die Charta verspricht

Tschechien hat die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 2006 ratifiziert. Seit 2024 gilt für das Deutsche in den Bezirken Cheb, Karlovy Vary, Sokolov, Liberec, Ústí nad Labem, Český Krumlov, Opava und Svitavy ein deutlich höheres Schutzniveau. Der Staat hat sich damit unter anderem verpflichtet, Unterricht in deutscher Sprache vom Kindergarten bis zur Hochschule zu ermöglichen, die Geschichte und Kultur der Deutschen in den böhmischen Ländern zu vermitteln, den Gebrauch des Deutschen vor Gericht und gegenüber Behörden zuzulassen und deutschsprachige Medien zu fördern.

Doch zwischen Verpflichtung und Wirklichkeit liegt ein weiter Weg – und genau darum ging es an diesem Tag.

Panel I: Was gebraucht wird

Im ersten Panel, moderiert von der Journalistin Bára Procházková, kamen Vertreter verschiedener Minderheiten und Praktiker aus den Regionen zu Wort: Jan Kopřiva, Vorsitzender des Verbands der Bürger kroatischer Nationalität und der Mährischen Kroaten, Lada Baranek, stellvertretende Bürgermeisterin von Joachimsthal (Jáchymov), Jana Nálepová von der Schlesischen Universität Troppau, Richard Šulko, Vorsitzender des Bundes der Deutschen in Böhmen, und Józef Szymeczek, stellvertretender Vorsitzender des Kongresses der Polen in der Tschechischen Republik.

Dass Deutsche, Polen und Kroaten an einem Tisch saßen, war ein starkes Zeichen: Die Minderheiten in Tschechien stehen vor ähnlichen Herausforderungen – fehlende Lehrkräfte, schwindende Sprecherzahlen, zu wenig Unterricht in der Muttersprache – und können voneinander lernen.

Panel II: Wie es umgesetzt wird

Im zweiten Panel unter der Moderation von Lucie Römer standen die Behörden im Mittelpunkt. Es diskutierten der Germanist Vít Dovalil von der Karlsuniversität, Michal Černý vom Bildungsministerium, Klára Kameníková, Sekretärin des Regierungsrates für nationale Minderheiten, und Milan Němeček vom Kulturministerium. Hier zeigte sich, wo die Charta im Alltag noch hakt – und wo Ministerien, Kommunen und Vereine gemeinsam ansetzen können.

Wie Verständigung ganz praktisch gelingt, stellte anschließend Lucie Tarabová vor, Leiterin des Koordinierungszentrums Tandem in Pilsen, das seit Jahren den deutsch-tschechischen Jugendaustausch fördert. Das Schlusswort sprach Mojmír Jeřábek vom Präsidium der Landesversammlung, bevor ein Buffet den Tag ausklingen ließ.

Wer sind die Deutschen in Tschechien?

Die Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik ist die Dachorganisation der heimatverbliebenen Deutschen. Unter ihrem Dach arbeiten rund zwei Dutzend regionale Vereine – vom Bund der Deutschen in Böhmen über den Kulturverband bis zu den schlesischen und mährischen Vereinen – sowie mehrere Begegnungszentren. Sie pflegen Sprache, Bräuche und Gräber, organisieren Kulturveranstaltungen und vertreten die Minderheit gegenüber dem Staat und den Behörden.

Nach eigenen Angaben bekennen sich heute rund 40.000 Menschen in Tschechien zur deutschen Nationalität – ein Bruchteil der mehr als drei Millionen Deutschen, die einst in den böhmischen Ländern lebten. Viele von ihnen sind älter, die junge Generation spricht oft nur noch Tschechisch. Gerade deshalb ist der Kampf um die Sprache für diese Gemeinschaft eine Überlebensfrage.

Kommentar: Das schwere Erbe von 1918 und 1945

Um zu verstehen, warum eine einst so große Volksgruppe heute nur noch eine kleine Minderheit ist, muss man weit zurückblicken.

Als im Herbst 1918 die Tschechoslowakei ausgerufen wurde, fragte niemand die rund drei Millionen Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien, ob sie Teil dieses neuen Staates werden wollten. Ihre gewählten Abgeordneten erklärten die Provinzen Deutschböhmen und Sudetenland, den Böhmerwaldgau und Deutschsüdmähren zu Teilen Deutschösterreichs, das seinerseits den Anschluss an das Deutsche Reich anstrebte. Tschechoslowakische Truppen besetzten diese Gebiete. Als am 4. März 1919 in vielen Städten Deutsche friedlich für ihr Selbstbestimmungsrecht demonstrierten, wurde das Feuer eröffnet; 54 Menschen kamen ums Leben. Die Siegermächte bestätigten im Vertrag von Saint-Germain die neuen Grenzen und untersagten zugleich Österreich den Anschluss an Deutschland. Hinzu kamen rund 150.000 Karpatendeutsche in der Slowakei – in Pressburg, im Hauerland und in der Zips –, die ebenso wenig gefragt wurden. Auch den rund 700.000 Ungarn in der Südslowakei wurde das Selbstbestimmungsrecht verweigert. Das Prinzip, das US-Präsident Wilson so feierlich verkündet hatte, galt offenkundig nicht für alle Völker gleichermaßen.

So wurde der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, dessen Verfassung von 1867 in der österreichischen Reichshälfte allen Volksstämmen die Gleichberechtigung zusicherte, durch einen neuen Vielvölkerstaat ersetzt, der sich als Nationalstaat der „Tschechoslowaken“ verstand. Die Deutschen stellten fast ein Viertel der Bevölkerung – mehr als die Slowaken – und blieben doch eine Minderheit im eigenen Land. Zwar hatten sie eigene Parteien, Schulen und Abgeordnete, und deutsche Minister saßen ab 1926 sogar in der Regierung. Doch Bodenreform, Sprachengesetz, die Bevorzugung Tschechen bei Staatsstellen und die verheerende Wirtschaftskrise in den sudetendeutschen Industriegebieten nährten das Gefühl, Staatsbürger zweiter Klasse zu sein. Viele Zeitgenossen empfanden die Erste Republik deshalb weniger als Demokratie der Völker denn als Völkergefängnis. Diese Verbitterung machten sich in den 1930er-Jahren die Sudetendeutsche Partei und schließlich Hitler zunutze – mit dem Münchner Abkommen und der Besetzung, die für die Tschechen sechs Jahre Unterdrückung und Terror bedeutete.

Die Antwort auf dieses Unrecht war 1945 jedoch neues, kollektives Unrecht. Mit den sogenannten Beneš-Dekreten wurden den Deutschen und Ungarn pauschal, allein aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit, die Staatsbürgerschaft und ihr gesamtes Vermögen entzogen – unabhängig von persönlicher Schuld, auch Antifaschisten und Sozialdemokraten waren betroffen. Rund drei Millionen Menschen wurden aus den böhmischen Ländern vertrieben; auch die meisten Karpatendeutschen verloren ihre Heimat in der Slowakei, durch Evakuierung, Flucht und Aussiedlung. Die „wilden Vertreibungen“ des Frühsommers 1945, der Brünner Todesmarsch, das Massaker von Aussig oder die Morde von Postelberg forderten Tausende Opfer; die Deutsch-Tschechische Historikerkommission geht von 15.000 bis 30.000 Todesopfern aus, andere Schätzungen liegen höher. Ein Amnestiegesetz von 1946 erklärte Gewalttaten gegen Deutsche nachträglich für „nicht widerrechtlich“.

Man muss es klar benennen: Es war eine ethnische Säuberung mit dem Ziel, einen national einheitlichen Staat zu schaffen und Landstriche, die seit Jahrhunderten deutsch besiedelt waren, ausschließlich tschechisch zu besiedeln. Dass die Beneš-Dekrete bis heute formal Teil der tschechischen Rechtsordnung sind und das Abgeordnetenhaus sie 2002 sogar für „unantastbar“ erklärte, bleibt ein Schatten auf den sonst so guten Beziehungen.

Der lange Weg zur Versöhnung

Umso bemerkenswerter ist, was seither erreicht wurde. Die Deutsch-Tschechische Erklärung von 1997 brachte das gegenseitige Bedauern zum Ausdruck und schuf den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der seither unzählige Begegnungen fördert. Die Stadt Brünn bekannte sich 2015 öffentlich zu ihrer Verantwortung für den Todesmarsch. Und mit der Ausweitung der Sprachencharta hat der tschechische Staat anerkannt, dass die Deutschen keine Fremden, sondern Teil der Geschichte und Gegenwart dieses Landes sind.

Die Konferenz im Czernin-Palais war ein weiterer Schritt auf diesem Weg. Sie hat gezeigt, dass die heimatverbliebenen Deutschen selbstbewusst für ihre Rechte eintreten – und dass sie in Prag und Berlin Gehör finden. PragueForum gratuliert der Landesversammlung zu einer gelungenen Veranstaltung und wünscht ihr Erfolg bei der Umsetzung dessen, was die Charta verspricht.

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