Konvikt mit Geschichte

In den engen Gassen der Altstadt kann man ihn fast übersehen: Den Konvikt mit der kleinen Bartholomäuskirche (konvikt s kostelem sv. Bartoloměje) in der Bartolomějská 291/11. Sollte man aber nicht, denn hinter dem ganzen Gebäudekomplex verbirgt sich eine mehr als interessante Geschichte.

An dieser Stelle hatte 1372 der königliche Notar und Reformprediger Jan Milíč z Kroměříž (auch als Johannes Milicius bekannt) ein Heim und eine Schule für reuige Prostituierte aus der Altstadt errichten lassen. Diese „Jerusalem“ genannte Anstalt nahm in den Hussitenkriegen zu Beginn des 15. Jahrhundert schweren Schaden und verfiel. Es folgten etliche private Eigner bis ins 17. Jahrhundert. 1659 ging das Areal an die Jesuiten über, die hier ein Konvikt aufbauten. Ein Konvikt ist ein sogenanntes Studienhaus für Studenten und Schüler, dass auf Regeln basiert, die denen des klösterlichen Lebens ähneln. Es herrschten also Lerneifer, Disziplin und vor allem auch Frömmigkeit. Deshalb baute man dazu eine kleine Kapelle auf, die allerdings schon 1678 abbrannte.

Die Jesuiten ließen sich nicht entmutigen. Sie unterrichteten weiter im Konvikt und bestellten sich einen der großen Baumeister des Prager Barocks, Kilian Ignaz Dientzenhofer (wir berichteten u.a. hier und hier), um in den Jahren 1726 bis 1731 eine neue und noch prachtvollere Kirche zu erbauen. Für die Innenausstattung der kleinen Kirche gewann man den maler Wenzel Lorenz Reiner und den Bildhauer Mathias Wenzel Jäckel – beide damals als Meister ihres Faches bekannt. Die einheitliche Fassade von Kirche und Konvikt wirkt hin zur Bartolomějská sehr schlicht. Erst vom Innenhof erschließt sich der barocke Charakter des Gebäudes. Interessant sind vor allem die ungewöhnlich schwungvollen Laibungen der Fenster und die Auflockerung durch Heiligenskulpturen. Die kann man nur bewundern, wenn man sich in den Innenhof der gegenüber liegenden Verkehrswissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität (siehe großes Bild oben).

Im Jahre 1773 löste Papst Clemens XIV. den Orden der Jesuiten auf. Er wurde zwar im Jahre 1814 von Papst Pius VII. wieder ins Leben gerufen, aber es zog ihn nicht mehr an seine alte Wirkungsstätte, dem Prager Konvikt, zurück. Die Gebäude wurde säkularen Zwecken aller Art zugeführt, bis dann im Jahr 1853 die Kongregation der Schwestern von der hl. Elisabeth (bisweilen auch die „Grauen Schwestern“ genannt) hier einzog und hier ihr frommes und zurückgezogenes Leben führte. Das blieb so bis zum Jahr 1949, in dem ein besonders unschönes Kapitel der Geschichte des Orts begann.

Ein Jahr zuvor hatten die Kommunisten ergriffen und nun ging man daran, den kirchlichen Institutionen – allen voran den Klöstern – den Garaus zu machen. Die braven Schwestern wurden kurzerhand herausgeworfen und verschleppt. Danach wurde die Kirche als Lagerraum missbraucht. In den 1970er Jahren zog sogar in die Gebäude des Konvikts die tschechoslowakische Staatsicherheit (StB) ein. Angeblich sollen StBler in der Kirche auch einige ihrer Opfer gefoltert haben. Das sinistres Wirken wurde aber durch durch die Samtene Revolution und das Ende des Kommunismus 1989 beendet. Die fiesen Schergen, Spitzel und Spione zogen aus.

Danach wurde Anfang der 1990er Jahre erst einmal renoviert und restauriert. Die Kirche wurde zu einer katholischen Gemeindekirche, da es ja keine klösterliche Einrichtung mehr gab, der sie dienen konnte. Die übrigen Gebäude des ehemaligen Konvikts bzw. Klosters wurden privatisert und nunmehr als Büro- und Wohnraum genutzt. Aber es gibt auch unter anderem eine Bar, ein Restaurant, das Nationale Filmarchiv, das sogar ein kleines Programmkino (das Ponrepo) in einem echten Barocksaal betreibt. Irgendwie ist das Ganze zu einem Ort von Geselligkeit und Kultur geworden.

Wenn man durch die Hoftür an der – wie gesagt, recht unauffälligen – Straßenseite eintritt, ist man unweigerlich verblüfft, welch eine paradiesische Ruheoase sich einem bietet. Man merkt, dass der Ort dereinst dem kontemplativen Lernen gewidmet war (damals lag er übrigens noch nicht in der Touristenmeile, sondern war von kleinen Feldern umgeben). Die mehrstöckigen Barockarkaden vermittelt geradezu einen mediterranen Flair.

Unter einem der Arkadenbögen befindet sich eine kleine Statue des Heiligen Wenzel. Auch wenn es so aussieht: Es handelt sich aber um kein Relikt der Zeit, in hier noch die Jesuiten pädagogisch wirkten, sondern um eine 1999 von dem Bildhauer Jiří Líbal in Kunststein angefertigte Kopie einer Brunnenfigur des berühmten Barockkünstlers Johann Brokoff. Wenzel wird hier übrigens nicht, wie es meist der Fall ist, mit seinen herzöglichen Herrscherinsignien (Lanze mit Fahne und Schild mit Adler) dargestellt, sondern in seiner weniger bekannten Rolle als Patron der Winzer und des Weins, große Trauben in den Armen haltend. Das passt zur Atmosphäre des Platzes. (DD)

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