Kreuzweg mit allem Zubehör

Heute ist Ostern. Und die Osterzeit ist die Zeit der Passion und der Auferstehung Christi. Der Petřín-Berg hoch über der Kleinseite ist so etwas wie der heilige Berg Prags. Neben einer großen Kirche ist es vor allem der berühmte Passionsweg oder Kreuzweg (křížová cesta) samt einer Grabeskirche und einer Kalvarienbergkapelle, die diesem Ort eine ganz besondere Atmosphäre verleihen. Man sollte also gerade Ostern nicht nur die touristische Hauptattraktion, den berühmten Aussichtsturm bewundern. Dass der Berg einen Passionsweg bekam, verdankt er möglicherweise einer alten Legende.

Gehen wir also in die graue Vorzeit zurück. In slawischer Vorzeit soll hier gemäß alter Legenden auf dem Berg eine Opferstätte für den dort hausenden Gott Perun gewesen sein, der für Donner, Blitz und Gewitter zuständig war (darin dem germanischen Thor vergleichbar), und in der ein ewiges Feuer loderte. Mit der Ankunft des Christentums nach der Taufe des böhmischen Herrschers Bořivoj I. im Jahre 883 wurden Peruns Kräfte schwächer und das das Feuer wurde schwächer und schwächer. Als schließlich Herzog Boleslav II. – auch Boleslav der Fromme genannt – den Petřín für den Bergbau erschließen wollte, sah sich Perun in seiner Not gezwungen, wieder zu erscheinen und furchterregend zu prophezeien:  „Und wieder werden die Menschen zu den alten Göttern zurückkehren, und wieder werden an dieser Stelle zu ihren Ehren die Feuer der heiligen Opfer brennen.“ Die Prager kriegten es mit der Angst tun und zündeten wieder Opferfeuer an, um den Zorn Peruns abzuwenden und ihn dadurch irgendwie auch wieder mächtiger zu machen. Die Aussicht auf ein Revival des „Heidentums“ bereitete dem frommen Boleslav nun überhaupt keine Freude. Er suchte nach Rat, wie man diesem Treiben ein Ende setzen könne. Er fand ihn beim Prager Bischof und Heilige Adalbert, der riet, die Feuer der Prager zu löschen und oben auf dem Berg ein Gotteshaus zu errichten.

Gesagt getan. Deshalb steht oben auf dem Gipfel des Berges heute die St. Laurentius-Kirche auf dem Petřín (Kostel sv. Vavřince pod Petřínem) Die heutige Kirche ist ein neuzeitliches Barockgebäude (Bild rechts), aber ihre Ursprünge gehen auf das Jahr 991 zurück, also tatsächlich in die Regierungszeit von Boleslav dem Frommen. Den Namensgeber, den Heiligen Laurentius, hatte man mit bedacht gewählt, den der war den Märtyrertod durch Verbrennen gestorben und wurde folglich der Patron gegen allerei mit Feuer verbunden Unheilen, etwa Feuersbrünsten oder Brandwunden. Gegen das befürchtete Unheil, das von Peruns Feuer auszugehen drohte, wirkte das jedenfalls. Der tauchte darob nicht wieder in der Gegend auf. Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, nannte man den Berg auch Laurenziberg. Und noch eins setzte man im frühen 12. Jahrhundert drauf, indem man am Fuß des Berges noch eine nach dem Heiligen benannte Kirche, die Kirche St. Laurentius unter dem Berg Petřín (Kostel sv. Vavřince pod Petřínem, siehe auch hier), um Perun endgültig zu umzingeln. Er tut einem eigentlich schon fast Leid, der arme und nun chancenlose Perun…

Aber hier geht es weniger um die beiden Laurentiuskirchen, sondern um den Kreuzweg mit allem seinen Zubehör, der gerne mal übersehen wird. Dessen Geschichte beginnt viel später, wahrscheinlich in den Zeiten der späten Gegenreformation, um dadurch den Volksglauben zu stärken, der sich ja gerne mit dererlei Legenden verbindet. In den Jahren von 1738 bis 1740 wurde erstmals ein barocker Kreuzweg angelegt, der von einer der mittleren Trassen hinauf auf den Vorplatz der oberen St. Laurentius Kirche führte. Traditiongemäß wurden in kleinen Kapellen die 14 Stationen des Leidens Christ dargestellt. Vorbereitend hatte man schon im Jahr zuvor, 1737, eine kleine Grabeskirche gebaut, die der Heilig-Grab-Ädikula in Jerusalem nachempfunden worden war. Darauf kommen wir noch zurück. Das Pilgern auf Kalvarienbergen war jedoch anscheinend einige Jahre später dem aufgeklärten Habsburgerkaiser Joseph II. als Relikt des Aberglaubens arg zuwider, weshalb er sie 1785 im Zuge seiner Kirchenreformen verbot. Ungenutzt begannen die Stationskapellen ein zu verfallen.

Aber auch dieses traurige Kapitel der Geschichte ging bald vorbei. 1836 wurden die Stationskapellen abgerissen. Der Abriss erfolgte allerdings im Zusammenhang mit Planungen für einen frischen Neuaufbau, der dann auch 1838 auf Veranlassung und durch Spenden des Oberstburggrafen und Mäzens Karl Graf Chotek begann. Es wurden 14 neue nunmehr klassizistische Kapellen von dem späteren Dombaumeister Josef Kranner (siehe auch hier) als Architekten entworfen. Die wurden alle bauidentisch in Form einer Ädikula, gebaut, was eine Art Kleintempel ist, der sozusagen nur aus einer Front besteht. Auf den dreieckigen Giebeln befindet sich je ein Kreuz. In einer Bogennische befinden dann die Bilder der jeweiligen Stationen. Der durchschnittliche Abstand zwischen den Stationen beträgt 35 Meter, was diesen zu einem vergleichweise eher kurzen Kreuzweg macht.

Die Bilddarstellungen folgen aber dem traditionellen Kanon und wurden von dem Maler Joseph von Führich im damals populären Stil der Nazarener gemalt, weshalb stilistische Ähnlichkeiten mit den Bibelillustrationen des deutschen Mit-Nazareners Julius Schnorr von Carolsfeld auffallen. Führichs Gestaltung wurde übrigens vor allem in Mitteleuropa so stilprägend, dass man sogar von Führich-Kreuzwegen spricht.

Hier die Bilder im einzelnen:

Dargestellt wurden von links nach rechts: (Station 1) Jesus wird zum Tode verurteilt, (2) Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schulter, (3) Jesus fällt zum ersten Mal unter der Last des Kreuzes, (4) Jesus begegnet seiner Mutter Maria.

Weiter geht es mit: (5) Simon von Cyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen, (6) Veronika reicht Jesus das Schweißtuch, (7) Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz und (8) Jesus begegnet den weinenden Frauen.

Und: (9) Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz, (10) Jesus wird seiner Kleider beraubt, (11) Jesus wird andas Kreuz genagelt und (12) Jesus stirbt am Kreuze.

Und:: Noch einmal ein Ausschnitt als dem Bild der Station 12, dann (13)  Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt und zuletzt (14) der heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt. Die Motive folgen meist den Schilderungen des Neuen Testaments, aber auch hier bei diesem Beispiel wird der für Passionswege festgelegte eigene (ikonographische) Kanon verwendet, der Stationen enthält, die so in der Bibel nicht vorkommen – etwa die Geschichte vom Schweißtuch der Veronika oder, dass Jesus drei Mal fällt. Da es sich bei Passionswegen um gelebte Volksfrömmigkeit handelt, sind die Bildunterschriften natürlich in Tschechisch verfasst. Als die Farben der Führichschen Malerei etwas verblassten, unternahm übrigens der bekannte Maler Jakub Schikaneder 1884 eine umfassende Restauration.

Das wichtige an der Passionsgeschichte ist aus christlicher Sicht natürlich nicht nur der Kreuzestod und die Grablegung Christi, sondern vor allem die Auferstehung, die wir bekanntlich zu Ostern feiern. Die ist in der Regel kein Teil des Kanons der 14 üblichen Passionsstationen (nur ganz vereinzelt gibt es welche mit 15 Stationen, die die Auferstehung oder die Kreuzauffindung durch Kaiserin Helena einbeziehen), bildet aber beim Passionsweg auf dem Petřin/Laurenziberg konsequenterweise dessen ergänzenden und krönenden Abschluss.

An der Verlängerung des Endabschnitts befindet sich als entsprechende Ergänzung die beühmte Kalvarienbergkapelle des Petřinberges. Die wurde schon 1735 im Stil des Barock erbaut, was man noch schön an dem kleinen typischen Zwiebelturm erkennen kann. Allerdings wurde die Fassade 1898 historistisch so überarbeitet, dass das zunächst nicht auffällt. Bei der Neugestaltung entstanden die großen schwarz-weißen Sgraffiti von der Auferstehung Christi, die von keinem Geringeren als dem damaligen Star unter den Historienmalern, Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier), entworfen wurden. Sie sind stilistisches eher der böhmischen Spätgotik (auch Jagellonengotik genannt) nachempfunden, was geradezu das Markenzeichen des Künstlers war.

Die Darstellung des unter dem Banner des Kreuzes hoch über den Wolken auferstehenden Jesus Christus ist äußerst plastisch. Über dem Eingang, der zu einem kleinen und (bis auf ein Kreuz) fast völlig schmucklosen Innenraum führt, hat Aleš den Schriftzug „Vstalt teto chvíle“ angebacht. Das ist eine etwas verkürzte Fassung des Liedtitels Vstalť jest této chvíle (Die Auferstehung ist in diesem Augenblick). Dabei handelt es sich um ein Osterlied der gemäßigten Hussiten (Utraquisten) aus dem 15. Jahrhundert, das erstmals 1522 in einem posthumen Hymnenbuch des 1492 verstorben Komponisten Václav Miřinský veröffentlicht worden war. Miřinský gehörte zu den ersten Komponisten, die Kirchenlieder in Tschechisch komponierten oder lateinische Lieder ins Tschechische übersetzten.

Mit dem Rückgriff auf das hussitische Erbe wurde durch Aleš ein wenig des im 19. Jahrhundert um sich greifenden tschechischen Patriotismus in die Passionsgeschichte hereingetragen. Aber nicht so viel, dass die christliche Botschaft durch zu viel Politik beschädigt wurde, denn das Lied war trotz seines hussitischen Ursprungs in dieser Zeit bereits Teil des von allen Konfessionen anerkannten Kanons. Früher wurde das Lied in Böhmen/Tschechien wohl häufig bei katholischen Prozessionen am Karsamstag (in Tschechien Weißer Samstag – bilá sobota – genannt) gesungen.

Während die erste Hälfte des Aufstiegs noch in einem Walstück stattfindet, befindet man sich bei Erreichen der Höhe sozusagen „im Freien“. Bevor der Passionsweg hier geradewegs auf die Kalvarienbergkapelle zusteuert, macht er auf dem Gipfelplateau noch einmal eine große Kurve.

Dabei kommt er dicht an dem allerdings völlig beziehungslos dazu stehenden und völlig säkularen Aussichtsturm (Baujahr 1891) vorbei, was einen lustigen Tradition-Moderne-Kontrast hervorruft (siehe Bild links).

Aber darum konnte es den Erbauern des Kreuzweges natürlich nicht gehen. In der Tat umrundet er gemäß Bauabsicht in Wirklichkeit die Heilig-Grab-Kapelle auf dem Petřin (Kaple Božího hrobu na Petříně). Die wurde bereits im Zuge der Errichtung des ersten Kreuzwegs im Jahre 1737 durch den bedeutenden Barock-Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofer erbaut (frühere Beiträge u.a. hierhier und hier). Sie wirkt aber nicht wie eine Barockkapelle. Das liegt zum einen daran, dass eine Kapelle mit offiziellem Grabkirchenanspruch sich in seiner Gestalt auch einigermaßen an das Original der Ädikula in Jerusalem halten muss, die ursprünglich ein stätrömischer Bau aus dem 4. Jahrhundert unter Kaiser Konstantin gewesen war, und die auch bei späteren Restaurationen und Umbauten (vor allem im 16. und 19. Jahrhundert) im Kern beibehalten wurde.

Und genau daran hielt sich Dientzenhofer auch in Größe und Gestaltung des Gebäudes. Folglich haben wir es mit einer klassischen kleinen Struktur in Form eines Hauses mit kleinem Dachturm zu tun, das innen (obwohl man als Tourist das kaum sieht, weil es eigentlich immer verschlossen ist) aus zwei Räumen besteht – einem Vorraum und einem Hauptraum als „Grabkammer“ oder auch „Engelskammer“. An den Außenfassaden befinden sich – wiederum vorbildgemäß – feine Spitzbögen.

Während die originale Ädikula (also die eigentliche Grablege Jesu) in Jerusalem noch einmal runum von einer riesigen Grabeskirche umbaut ist und sich somit „drinnen“ befindet, steht die Imitation auf dem Petřín allerdings frei „draußen“, was bei den Nachbauten, vor allem auch in Böhmen/Tschechien (Beispiel hier und hier) meistens der Fall war.

In diesem Fall ermöglichte dies noch einen besonderen, von Dientzenhofer beabsichtigten optischen „Show-Effekt“. Das Fenster der „Grabkammer“ wurde so platziert, das zu Ostern, punktgenau um drei Uhr nachmittags ein Sonnenstrahl auf den Opferstein in der Mitte des Raums. Auch dies ein künstlerischer Beitrag, der dem Gedanken der Volksfrömmigkeit entgegenkam.

Neben dieser künstlerischen Beschränkung auf die „Imitation“ des Originals waren es natürlich auch spätere Renovierungen, die dem Gebäude noch mehr den orignär-spezifischen Barockcharakter à la Dientzenhofer nahmen. Die erste größere fand 1845 statt und schlug sich in den Ornamenten in den Spitzbögen (Beispiel Bild links) oder der Darstellung des Christus Pantokrator (Weltenherrscher) über dem Eingang nieder. Sie sind ästhetisch an die Führichschen Darstellungen an dem damals frisch angelegten neuen Passionsweg angelehnt. Renoviert wurde die Kapelle natürlich auch danach immer wieder, so zum Beispiel 1881, 1968 und zuletzt 2018.

Der Eingang selbst ist mit einer Türe versehen, die ein Glalsfenster hat. Das erlaubt wenigstens den Blick in den Vorraum, wenngleich nicht in die durch eine kleinere Tür verbundene „Grabkammer“. Immerhin kann man über dieser Tür ein Gemälde das dem Jahr 1936 erkennen, das Christus darstellt, wobei die Darstellung der von Ikonen folgt. Das Ganze wurde sorgfältig bei der Restaurierung 2018 wiederhergestellt. Zuvor war es so vom Zahn der Zeit angenagt, dass es nicht mehr erkennbar war.

Kurz: Es gibt auf dem Petřín viel zu sehen, wenn man sich für die Kulturgeschichte des Kreuzweges interessiert. Der heutige Ostertag wäre nicht der schlechteste Tag für eine Erkundung. (DD)

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