Legionär und Opfer zweier Diktaturen

Der Tschechoslowakischen Legionen des Ersten Weltkriegs – als jener tschechischen Soldaten, die statt für das Habsburgerreich (zu dem Böhmen ja gehörte) in autonomen Einheiten auf Seiten der Alliierten für die Unabhängigkeit ihres Land kämpften – wird bis heute in Tschechien nachhaltig mit Inbrunst gedacht. Das gilt besonders, wenn einer von ihnen später sowohl Opfer der Naziherrschaft als auch des Kommunismus wurde. So wie Otakar Husák, zu dessen Gedenken noch im Juli 2021 eine Tafel in Prag-Vinohrady angebracht wurde.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war Husák gerade Direktor einer Chemiefabrik in Warschau geworden, das damals noch Teil Russlands war. Als tschechisch-slawisch-national Begeisterter meldet er sich bei der russischen Armee, von der er sich wohl versprach, dass sie im Falle eines Sieges Böhmen von den Habsburgern befreien würde. Das lief irgendwie nicht so, Russland musste enorme Verluste hinnehmen und wurde schließlich reif für die Revolution. Die Kerenski-Offensive im Sommer 1917 war der letzte Versuch, mit aller Macht das Ruder herumzureißen. Die desaströse Niederlage, die folgte, beförderte am Ende die bolschewistische Machergreifung. Immer war die erste Schlacht der Offensive ein siegreich bestanden worden, nämlich die Schlacht von Zborov. Dazu trug bei, das sich hier hauptsächlich aus Tschechen bestehende Einheiten beteiligten, die aus unterlegener Position heraus die Österreicher (darunter viele Tschechen). Und besagter Otakar Husák, der inzwischen zum Batallionskommandanten aufgestiegen war, wurde dabei schwer verwundet .

Von da an wurden in Russland, aber auch in Frankreich und Italien autonome Tschechoslowakische Legionen (frühere Beiträge u.a. hierhierhier hier und hier) aufgebaut. Die westlichen Allierten versuchten zunächst, Teile der im zerfallenden Russland stationierten Legionäre über den im Norden am Weißen Meer gelegenen Hafen Archangelsk zur Verstärkung an der Westfront zu verschiffen. Im Jahr darauf sollten sogar britische und amerikanische Truppen die Stadt besetzen. Husák gehörte zu den wenigen, die im Oktober 1917 über diese Route nach Frankreich kamen. Als die Bolschewiki im nächsten Jahr den Sonderfrieden von Brest-Litowsk mit den Deutschen abschlossen, waren die verbliebenen Legionäre im roten Feindesland eingeschlossen, und mussten sich ihren Weg (unter Beteiligung am blutigen Russischen Bürgerkrieg) durch Sibirien nach Wladiwostok kämpfen, von wo aus sie zurück nach Böhmen verschifft wurden. Für viele dauerte die Odyssee bis Ende 1920.

Husák kam jedoch rechtzeitig noch in Frankreich an, um dort sein militärisches Talent zu beweisen. Als Kommandant kämpfte er im Oktober 1918 erfolgreich bei der Schlacht von Terron, wo die Tschechoslowakische Legion einen Sieg über die Deutschen errang. Kurz darauf endete der Krieg, das Habsburgerreich zerfiel und es entstand die Erste Tschechoslowakische Republik. Husák (inzwischen General) kehrte mit dem ersten Präsidenten der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, zurück nach Prag und wurde dessen Leiter des Militärischen Büros. Und im September 1920 brachte er es sogar zum Verteidigungsminister im Kabinett von Ministerpräsident Jan Černý. Damit war er aber irgendwie als bürgerlicher Demokrat gekennzeichnet. Damit war leider sein Leidensweg vorgezeichnet. Als die Nazis im März 1939 das Land besetzten, verhafteten sie Husák – inzwischen wieder Fabrikdirektor – umgehend. Unter fürchterlichen Bedingungen überlebte er die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Aber auch nach der Befreiung wendete sich das Blatt nicht zum Guten. Die Kommunisten, die 1948 an die Macht kamen, verhafteten den nunmehr nochmals als Fabrikdirektor tätigen Husák 1950 abermals und steckten ihn bis 1956 schuldlos ins Gefängnis. Als er mit 71 Jahren aus dem Gefängnis kam, erkannte man seine Rentenansprüche nicht am. Er musste arbeiten bis er 75 Jahre alt war. 1960 ging er in den Ruhestand, um vier Jahre später in Vinohrady zu sterben.

1968 wurde er zwar während des Prager Frühlings rehabilitiert, aber seine Verdienste um sein Land wurden erst nach der Samtenen Revolution anerkannt, die 1989 den Kommunismus beendete. Schon im gleichen Jahr bekam er postum den Falken-Orden verliehen. Seine Geburtsstadt Nymburk ernannte ihn 1998 zum Ehrenbürger. Und zwischen 2017 und 2021 wurde eine dreiteilige Biographie auf Tschechisch veröffentlicht, die sein Leben nachzeichnet. Und ebenfalls 2021 ehrte ihn auch die Stadtregierung von Vinohrady zusammen mit der Tschechoslowakischen Legionärsvereinigung (Československá obec legionářská, ČSOL) mit einer großen Gedenkplakette aus Bronze an der Fassade des vierstöckigen Mietshauses in der U Havlíčkových sadů 422/1/Ecke Koperníkova mit Blick über den Park der Villa Gröbe, wo er wenigsten die letzten Lebensjahre in Ruhe verbringen konnte. Die recht groß dimensionierte Bronzetafel wirkt stilistisch sehr „retro“ – so als ob sie zu Zeiten seines Einsatzes als Legionär gestaltet worden wäre. In kurzen Zeilen werden unter dem Profilporträit die Karrierestationen und die Leiden unter Nazis und Kommunisten erwähnt. Das Ganze ist das Werk des Bildhauers und Medailleurs Martin Dašek. Auf jeden Fall passt die Tafel gut zu dem recht stattlichen Jugendstilhauses, das in den Jahren 1910 bis 1912 nach Plänen des Architekten František Stárek erbaut wurde, und in dem Husák sich 1928 im ersten Stock seine Wohnung einrichten ließ. (DD)

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