M wie Materna

Die eigentliche architektonische Spezialität Prags ist der (sonst meist als Malereistil bekannte) Kubismus, den man in dieser Form und Fülle fast nirgends auf der Welt findet. Und im ehemaligen Arbeiterviertel Holešovice findet man ein geradezu einmaliges Beispiel kubistischer Industriearchitektur, das zudem in den letzten Jahren ein Beispiel dafür wurde, wie gut man ein solches Kunstdenkmal in eine neue Baustruktur einfügen kann. Die Rede ist von dem Verwaltungsgebäude der Farbenfabrik J. Materna (Administrativní budova továrny na barvy J. Materny) in der Dělnická 313/20 (Ecke Osadní).

Hinter „J. Materna“ verbirgt sich František Josef Materna. Der war ein wissenschaftlich ausgebildeter Chemiker, ein Tüftler und Erfinder und hatte Geschäftssinn. 1882 gründete er in der Prager Neustadt eine kleine Firma für Farben, Lacke und Firnisse. Als kluger Mann hatte er eine wohlhabende Frau geheiratet, die 10.000 Goldstücke als Mitgift in die Firma bzw. Ehe brachte. Außerdem kam er ebenfalls aus einer wohlhabenden Familie eines Textilfabrikanten. Und dann kamen noch zahlreiche Patente, die der klevere Materna entwickelt hatte. Es konnte nichts schiefgehen. 1890 musste er – immer noch in der Neustadt – ein größeres Firmendomizil suchen, um der florierenden Nachfrage gerecht zu werden. Im Jahre 1893 kaufte er dann ein großes Grundstück in Holešovice, um im großen Stil weiterzumachen.

Als er dann 1920 für seine große und expandierende Firma ein neues Verwaltungsgebäude benötigte, wollte er sich nicht lumpen lassen. Es sollte nicht nur funktional sein, sondern auch künstlerisch wertvoll. Er engagierte den damals sehr berühmten Designer und Architekten Rudolf Stockar. Der galt als Meister des Kubismus und war Mitbegründer der Künstlergenossenschaft Artěl, die sich der Verbreitung und Förderung von moderner Ästhetik auch in der Alltagskultur widmete. Stockar strukturierte die Fassade des einstöckigen Gebäudes ganz im Sinne des geometrischen Kubismus durch klare, kantige Formen. Das machte er mit Hilfe von Zargen und dem Gesims. Das Gesims auf dem Dach knickt nach unten ein wenig ein. Dadurch sieht der Umriss ein wenig wie der Buchstabe „M“ aus. Es war wohl in keiner Weise ein Zufall, dass es sich dabei auch um die Initiale des Nachnamens von Materna handelte. Die dreieckigen Strukturen setzen sich an der Doppeltüre des Eingangs fort, die dem ganzen Gebäude einen fast schon historisierenden, fast archaischen Unterton verleihen. Es ist schon ohne Zweifel eine der witzigsten und originellsten Fassaden des modernen Prags.

Die Firma funktionierte auch nach Maternas Tod im Jahr 1929 nachdem sein Sohn Viktor die Unternehmsleitung übernommen hatte. Der errichtete sogar eine zweite Fabrik in Hostivař, die allmählich zum eigentlichen Sitz der Firma wurde. Erst 1948 kam das Ende – nicht weil es an Geschäftssinn und Erfindungsreichtum fehlte, sondern weil die gerade an die Macht gekommenen Kommunisten den Betrieb enteigneten. In der Zeit nach dem Ende des Kommunismus wurde das Gebäude privatisiert. Die umliegenden Produktionsanlagen der Farbenfabrik verschwanden. In den 1990ern gehörte es zu einem Autohandel, dessen Verkaufswerbung dem alleinstehenden Gebäude etwas die optische Wirkung und den Charme nahm. Teile der Fassade waren von Werbung überdeckt. Nun ja, 2012 stellte man es jedenfalls unter Denkmalschutz. In dieser Zeit fing der einst arme Stadtteil Holešovice an, wirtschaftlich zu gedeihen und sich zu gentrifizieren. Schicke Wohnungen und Büros entstanden in ehemaligen Brachflächen. Und so erreichte das moderne Stadtleben auch die Dělnická. Hier sollte ein neuer Bürokomplex entstehen. In den integrierte man 2018 das alte Gebäude bzw. dessen Fassade in recht kunstvoller Form. Die ursprüngliche Gestaltung Stockars kommt nun wieder voll zum Tragen. Durch die neue Schwarz-Weiß-Kontrastierung kommen die kubistischen Formspielereien des Ganzen möglicherweise sogar besser zum Tragen als es bei der hellen Original-Colorierung der Fall war. Das Haus ist nun zu einer Art Eingangsportikus des neuen Hochhauses umfunktioniert worden. Und irgendwie muss man feststellen, dass die fast 100 Jahre Altersunterschied der nunmehr zusammengefügten Baueinheiten recht harmonisch überbrückt wurden. (DD)

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