Mehr als 50 Kopa wert: Burg Zlenice

Sie wurde gottlob nie belagert oder sonst irgendwie in Kriegsgeschehen einbezogen. Vermutlich hätten sich Feinde die Zähne an ihr ausgebissen, so gut ist sie durch ihre natürliche Lage geschützt. Die Rede ist von Burg Zlenice (Hrad Zlenice) die auf steilem Fels über der romatischen Sázava, einem Nebenfluss der Moldau, liegt – rund 25 Kilometer von Prag entfernt. Ein Wochenendausflug lohnt sich.

Die Burg liegt auf dem Ortgebiet des Städtchens Senohraby, weshalb sie auch manchmal Hláska u Senohrab (Wachturm bei Senohraby) genannt wird. Sie hatte eine wechselvolle Geschichte, was die unzähligen Besitzerwechsel anging, aber war ansonsten immer eher so etwas wie ein adminstratives Zentrum für den örtlichen Landadel oder königliche Beamte, denn ein Schauplatz von Kriegstreiben. Die Burgruine, die von einem örtlichen Verein für Denkmalspflege seit 1996 sorgfältig in Stand gehalten wird, wurde nach 1999 über Jahre sorgfältig vom Archäologischen Institut der Akademie der Wissenschaften (Prag) unter der Leitung des bekannten Burgenforscher Tomáš Durdík erforscht. Dadurch weiß man, dass sie Ende des 13. Jahrhunderts hier errichtet worden sein muss.

Urkundlich nachweisbar ist sie allerdings erst seit dem Jahr 1318, als die Burg einem lokalen Adligen namens Oldřich ze Zlenic (Ulricus de Zlenicz; dt.: Ulrich von Zlenic) übertragen wurde. Schon bald ging sie in den Besitz eines Vertreters eines der großen böhmischen Adelsgeschlechter, nämlich Jan ze Šternberku (Johann von Sternberg), der sie aber schon 1351 seinen Brüdern überließ. Irgendwie geriet sie dann in den Besitz von Böhmens großem König (und deutschem Kaiser) Karl IV., der sie 1377 einem seiner höchsten Beamten zum Lehen gab. Ondřej z Dubé (Andreas von Dauba), ein bedeutender Jurist, der unter Karl Meister der Königlichen Kammer war und unter Karls Nachfolger Wenzel IV. das Böhmische Landesrecht schuf, lebte hier bis zu seinem Tod 1413. Danach wechselte die Burg in recht rapider Folge die Eigentümer. Nur einmal gab es Komplikationen, als Zdeněk Kostka III. z Postupic im Jahre 1458 den Vorbesitzern die Burg für schlappe 50 Kopa (dt.: Schock, das heißt ein sog. „Groschenhaufen“ von 60 Prager Groschen) abluchste, was den damals regierenden König Jiří z Poděbrad (Georg von Podiebrad) so empörte, dass er den Kaufvertrag annullierte. Beim zweiten Versuch bot Zdeněk – eigentlich ein enger Vertrauter des Königs und später dessen Burggraf in Prag – die hinreichenden 3000 Kopa. Warum er jetzt soviel zu zahlen bereit war, kann man heute nicht so recht erschließen. Denn der neue Besitzer gab sie schon 1465 auf und ließ Teile (anscheinend absichtlich und systematisch) abreißen. Danach setzte stetiger Verfall ein.

Was nach dem Ende des Kommunismus übrig war, war traurig und vor allem strukturell einsturzgefährdet. Aber: Es mag zwar größere und bedeutendere Burgen in Böhmen geben, aber kaum eine hat eine so heftig und ausdauernd engagierte Fangemeinschaft vor Ort. Die in den 1990ern gegründete Lokale Aktionsgruppe Sázava (Místní akční skupiny Posázaví) sammelt Geld und rührt heftig die Werbetrommel mit Aktionen, T-Shirt-Verkauf und vielem mehr. Infotafeln führen nun (in Tschechisch…) in die Geschichte der Burg ein. Irgendwie war die Werbung so gut, dass die Burg zu einem regionalen Zentrum für Live Action Role Playing, auch unter der Abkürzung LARP bekannt, wurde. Deshalb sieht man recht häufig Tschechen sich in phantasievollen Mittelalter-Outfit regelmäßig in Zlenice versammeln, um ebenso phantasievolle Szenen aufführen. Das scheint hier ein populärer Heidenspaß zu sein.

Und die Aktionsgruppe unterstützte natürlich auch die Renovierungsarbeiten von Durdík, der hier 1996 deshalb seine Karriere als die Autorität schlechthin in Sachen böhmischer Burgen begann. Damals wurde erst einmal der Kern der Burg statisch gesichert und eine Dachkonstruktion über dem Eingangsbereich aufgebaut, die selbigen vor zerstörerischen Wettereinflüssen schützen sollte. Gleichzeitig wurde eine hölzerne Brücke dort als Zugang zum Burgkern aufgebaut, wo sich dereinst die Zugbrücke befasst. Die geht steil hinaus, und man kann darunter erkennen, wie die Burg auf einen senkrechten Felsen gesetzt wurde, der in Kombination mit der Mauer die Burg wohl fast uneinnehmbar machte.

Weiterhin baute man neben der Burg ein Pavillon auf, von dem aus der vorbeikommende Wanderer eine schöne Aussicht auf den Fluss unterhalb der Burg genießen kann. Er wird gerne für Grillabende und ähnliches zur Verfügung gestellt – ein weiterer Beweis dafür, wie emsig das lokale Vereins- und Unterstützer-Milieu sich um die Burg kümmert. Ende der 1990er, als die meisten Arbeiten an der Burg beendet waren, schien es nur noch aufwärts zu gehen.

2010 entdeckten Forscher aber bei einer eingehenden, digital durch 3D-Modellierung unterstütztn Untersuchung, dass die Fundamentmauerwerke zu bröcklen begannen. Selbst der Turm sindeinsturzgefährdet. In den Jahren 2012 und 2013 wurden daher abermals umfangreiche Renovierungsmaßnahmen durchgeführt, die neben der Stabilisierung des Gebäudes u.a. auch den erhaltenen Innenputz konservierten. Es gab zwar auch Unterstützung von Staat und umliegenden Gemeinden, aber wieder sammelten die Bürger hier enorme Summen für ihre geliebte Burg.

Wie bereits, wird Burg Zlenice oft auch „Wachturm bei Senohraby“, weil aus der Entfernung hauptsächlich der Turm sichtbar ist. Der Eindruck, der so vermittelt wird, lässt die Burg kleiner erscheinen, als sie es ursprünglich war. Nähert man sich von unten, sieht man den Eingang der äußeren Mauer, die nur noch wenig über dem Erdboden hinausragt (Bild links). Das zeigt, dass die Burg sich flächenmäßig deutlich über die eigentliche Kernfestung auf dem Felsen erstreckte.

Und vor der Außenmauer hatte man noch eine Grabenanlage ausgehoben, die immer noch sichtbar ist. Alles zusammen hätte die Burg in der Tat schwer einnehmbar sein lassen, aber das wurde ja gottlob nie getestet.

Sicher ist, dass in den Erhalt der Burgruine schon viel Geld, Herzblut und Engagement geflossen. In ihren Herzen stimmen die Bürger der Umgebung dem guten alten König Jiří z Poděbrad zu, dass der eigentliche tiefere Wert dieses Bauwerks die 50 Kopa bei weitem übersteigt. (DD

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