Mozart eingesperrt

Anscheinend wollte man bewusst, dass dieser Adelspalais von Außen schmucklos und unscheinbar wirkt. Nur hier an der Ecke der kleinen Gasse Stříbrná und dem Anenské náměstí (Annenplatz) macht wenigstens der Torbereich mit seinern Barockornamenten ein wenig etwas her.

Ansonsten zeichnen sich der alte Palais Pachta von Rayhofen (palác Pachtů z Rájova), aber auch sein späterer Anbau, der Neue Pachta Palais (Nový Pachtovský palác), äußerlich durch eine geradezu auffällige Unauffälligkeit aus. Beginnen wir mit dem alten Palais. Das ist zwar groß, aber – wie gesagt – mit wenig pompösen Äußeren gesegnet und auch nur einstöckig, was recht ungewöhnlich ist. Anscheinend war der Besitzerfamilie, den Grafen Pachta von Rayhofen (Pachtove z Rajova) äußeres Gepränge nicht so wichtig. Die zunächst bürgerliche Familie ist schon seit dem 16. Jahrhundert in Urkunden erwähnt, aber erst nach dem Dreissigjährigen Krieg (man war auf der habsburgischen Siegerseite gewesen!) so reich und bedeutsam, dass man sich sogar einen Prager Stadtpalais leisten konnte, dem Mitte des 18. Jahrhunderts ein zweiter hinzugefügt wurde, der hier aber nicht das Thema sein soll. Also: An dieser Stelle standen zuvor etliche mittelalterliche Häuser, die Daniel Norbert Pachta von Rayhofen Stück für Stück erwarb, der durch seine guten Beziehungen zu Kaiser Ferdinand II., eine kluge Heiratspolitik und guten Geschäftssinn Karriere gemacht und Reichtum erworben hatte – und 1654 schließlich die Familie sogar in den Adelsstand führte.

Aber erst sein Nachfahre Hubert Karl Graf Pachta von Rayhofen ließ 1770 einen großen einheitlichen Palais bauen. Beste Uferlage mit Blick auf die Burg! Die Pläne dafür stammen wahrscheinlich von dem Architekten Johann Joseph Wirch, der unter anderem durch den Bau des Erzbischöflichen Palais bei der Burg bekannt geworden war. Der Architekt, der für ein sehr unscheinbares Außenbild sorgte, legt aber dafür umso mehr wert darauf, dass sich im Innenbereich dann doch barocke Pracht entfaltete (was die Photos vielleicht deshalb besonders erahnen lassen, weil sie während eines Wohltätigkeitsweihnachtsmarkts 2022 aufgenommen wurden). Die beiden Höfe lassen jn dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig. Gerade der Verzicht auf Überdimensionierung ließ den Palais wie einen schönen Rückzugort mit Kultur erscheinen. Zu den Schmückstücken gehören ein schöner Löwenbrunnen (Bild rechts) und der Balkon im zweiten Hof mit Statuen des bekannten Bildhauers Ignaz Franz Platzer (wir erwähnten ihn bereits u.a. hierhier und hier), was man unterhalb links sehen kann.

In solch einem Ambiente ließ sich Kunst und Musik genießen. Kein Wunder, dass sich die Mitglieder des Geschlechts der Pachta von Rayhofen bald zu beliebten Kulturmäzenen entwickelten, allen voran Johann Josef Philipp Graf Pachta von Rayhofen, der Gründer des Prager Konservatoriums (1811) und strenger Förderer Mozarts. Nicht nur Mozart, sondern viele große Komponisten der Zeit, etwa Josef Mysliveček oder der junge Ludwig van Beethoven, fanden im Palais bei ihm stets Unterkunft, Förderung und ein offenes Gehör für ihre Musik. Es gab sogar ein eigenes Orchester im Palast. Der etwas leichtlebige Mozart brauchte, so meinte wohl der Graf, ab und an eine klare Ansage als erzieherische Fördermethode. Lange hatte Mozart dem Grafen versprochen, ihm ein paar Tänze zu komponieren und zu schenken, wenn er mal wieder in Prag sei. 1787, beim nächsten Besuch, kam Mozart – irgendwie erwartungsgemäß – mit leeren Händen zu seinem Gönner. Der ließ Mozart gleich von Bediensteten zusammen mit Tinte, Feder und einigen leeren Notenblättern in einem kleinen Raum im Palais einsprerren, mit der Ansage, er dürfe erst wieder raus, wenn er das Gewünschte fertig komponiert habe. Dieser heute nicht mehr übliche pädagogische Ansatz verfehlte seine Wirkung nicht. Der recht kurzen Einsperrung verdanken wir immerhin die wundervollen Sechs Deutschen Tänze! Mozart traf bei dem Besuch übrigens erstmals den Frauenhelden, Schriftsteller und Abenteurer Giacomo Casanova, mit dem er sich wohl gut verstand.

Ein Musikzentrum blieb der Palais auch nach dem Tod von Graf Johann Josef Philipp. Im 19. Jahrhundert fand selbst Richard Wagner hier Unterkunft. Inzwischen dachte man an eine Erweiterung des Gebäudes. Einer der Nachkommen des Grafen ließ 1836 ein völlig neues Gebäude im klassizistischen Stil anbauen, wofür er den Architekten Johann Maximilian Heger gewann. Heraus kam ein wesentlich stattlicher dimensionierter Palais (in der Karoliny Světlé 208/34) mit drei Stockwerken, der jetzt die vorherige Palastseite zur Moldau hin abschloss. Wer hier nächtigte, konnte vor allem in den oberen Etagen eine tolle Aussicht mit Burgblick genießen. Allerdings wurde auch hier auf jeden dekorativen Pomp und jede Ornamentik verzichtet, so dass auch hier eine zwar größere, aber immer noch optisch bescheidene Außengestaltung dominierte.

Wie es im späten 19. Jahrhundert üblich war, als der alte Adel einen gewissen wirtschaftlichen Niedergang erfuhr, wurde das Neue Palaisgebäude nicht nur als Adelssitz verwendet, sondern teilweise zur Einkommensaufbesserung vermietet. Also wurden hier Wohnungen eingerichtet. Im Erdgeschoss gab es sogar ein Café, die Slovanská kavárna (Slawisches Kaffeehaus), in dem sich oft tschechische Patrioten und Reformer trafen, um zu diskutieren. Insgesamt lief das Geschäft und das neue Gebäude war gut in Schuss. In den 1920er Jahren zog in einer der Wohnungen der damals überaus prominente Neurochirurg Arnold Jirásek ein (der ein entfernter Verwandter des ungleich berühmteren Schriftstellers Alois Jirásek war, über den wir u.a. bereits hier berichteten). Deshalb nannte man den Palais auch eine zeitlang im Volksmund Jiráskův dům (Jirásek Haus). Auch der berühmte Jugenstilmaler Alfons Mucha lebte hier einmal immerhin für ein halbes Jahr.

Obwohl ja eigentlich baulich mit dem alten Palais integriert verbunden und nur nominell zwei Paläste, erging es in dieser Zeit dem alten Palastteil nicht so gut wie dem florienden neuen teil. Anfang des 20. Jahrhudnerts verfiel er langsam so sehr durch Vernachlässigung, dass man sogar über einen Abriss nachdachte. Das konnte nur Dank des zähen Engagements des 1900 gegründeten Klub Za starou Prahu (Verein für das Alte Prag), dem ersten Denkmalschutzverein der Stadt, verhindert werden, der sich um eine sorgfältige Renovierung kümmerte. Nach dem Kommunismus, unter dem die Vernachlässiguing ebenfalls dem Gebäude zusetzte, wurden beide Palastteile privatisiert und an einen Investor verkauft, der 1993 bis 1995 weitreichende und gründliche Renovierungen durchführte und große Teile (insbesonderes des neuen Palais) in Wohnungen und Büros umwandelte. In den Jahren 2003/4 rückten abermals die Bauarbeiter an. Der ganze Komplex wurde nun für den französischen Hotelier Jean-François Ott nach Plänen der 2002 gegründeten Architektengruppe TaK Architects zu einen gehobenen Hotel umgebaut. Das geschah in Zusammenarbeit mit den Denkmalschutzbehörden so gut, dass das Resultat zum 2005 zum Gebäude des Jahres in ganz Tschechien gekürt wurde.

Das Hotel wurde zunächst unter dem etwas kuriosen, weil vielleicht mit etwas zuviel Lingualoverkill versehenen Namen Mamaison Suite Hotel Pachtův Palace eröffnet. Das änderte man bald und benannte es nach dem Komponisten Bedřich Smetana in Smetana Hotel, nur um herauszufinden, dass der einer der sehr wenigen großen Musikkomponisten war, der keinerlei biographischen Bezug zum Palais hatte. 2021 erinnerte man sich schließlich daran, dass der bekannteste Gast und am besten geeignete Werbeträger für dies Gebäude doch eindeutig Mozart war, der hier sogar mal eingesperrt war. Folglich hat man es heute sehr einprägsam mit dem The Mozart Hotel Prague zu tun, das mit über 70 Zimmern und Suiten im oberen Qualitäts- und Preissegment der Beherbergung von Gästen dient. Das wunderschöne Innere (vor allem auch die Höfe) werden gerne für Kulturveranstaltungen genutzt. Das wäre ganz im Sinne Tradition der alten Grafenfamilie Pachta von Rayhofen, deren Wappen – ein Adler, der auf dem Brustschild einen Löwen zeigt, der eine Säule trägt – man über dem Eingangstor des alten Palais bewundern kann. (DD)

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