Neorenaissance mit Biergarten und Geschichtsbewusstsein

Vielseitigkeitsprüfung bestanden! Man merkt bei diesem Haus nicht, dass es vom selben Architekten zum selben Zeitpunkt im Jahre 1903 entworfen wurde wie die benachbarte Vila Helenka, über die wir im vorigen Beitrag berichtet hatten. Während die ein Musterbeispiel für den damals hoch innovativen und modern Jugendstil ist, zeigt sich die Vila Václavka (Wenzelsvilla) in der Na Václavce 1079/32 im Stadtteil Smíchov als ein gerade traditionalistisches Werk der Neorenaissance, die zu dieser Zeit eigentlich bereits ein wenig aus der Mode fiel.

Der Architekt Alois Korda hatte das Talent, seine Pläne den Wünschen der Auftraggeber anzupassen, ohne dabei deren Originalität zu opfern. Während der die Vila Helenka für sich selbst als Wohnhaus und Büro entwarf, kam er bei der Vila Václavka den Vorstellungen des Geschäftsmanns und Gastronomen Jan Běloušek entgegen. 1898 hatte der Mäzen und Gutsbesitzer Eduard Franz Wenzel Ritter von Daubek jr. (wir erwähnten ihn bereits hier) beschlossen, einen großen Teil der vom Vater ererbten Ländereien in Smíchov zu verkaufen und Běloušek kaufte sich daraus ein Grundstück, um hier eine Villa für sich samt einem Gasthaus mit Namen U Schmidtů erbauen zu lassen, für die eben Architekt Korda die Pläne entwarf. Běloušeks Vorstellungen war etwas altmodischer und weniger avantgardistisch als die von Korda, aber letzterer nahm das erfolgreich als Herausforderung an und entwarf ein durchaus kreativ gestaltetes Gebäude.

Das Gebäude, zu dem damals ein sehr großes Grundstück gehörte, wurde 1905 um eine Aussichtsterrasse mit Panoramablick auf Prag ergänzt, der heute leider zugebaut ist. Auf dem Areal wurden auch Schießwettbewerbe veranstaltet, weshalb es nicht verwundert, dass hier in September 1907 der Böhmische Schützenvereinigung (Český střelecký svaz) gegründet wurde. „Wir halten die Zeit, in der sich die tschechische Nation an die traurigen Erinnerungen an die Schlacht am Weißen Berg erinnert, für den geeignetsten Zeitpunkt, alle tschechischen Schützenverbände in der Tschechischen Schützenvereinigung zusammenzufassen“, verkündete die Vereinigung voll patriotische Inbrunst. Nicht nur Schützen kehrten hier zur sportlichen Betätigung ein. Es gab sogar eine eigene Fußballmannschaft. Obwohl das Ganze eine Erfolg war, erwiesen sich doch die Hypothekenlasten für das Riesengrundstück als zu hoch, so dass man sich irgendwann gesundschrumpfte, um sich erfolgreich statt Sportmöglichkeiten zu bieten auf das Gasthaus-Kerngeschäft zurückzuziehen.

Das passte natürlich zu dem äußerst patriotischen Grundton, den man für die Fassadengestaltung des Hauses auch recht dick auftrug. Es fängt auf der westlichen Seitenwand mit der großen steinernen, aber leider kaum noch lesbaren Tafel (Bild links) an, die dem Gedenken an den großen Herzog Břetislav I. gewidmet ist, einem der böhmischen Herrscher, der Anfang des 11. Jahrhunderts das Land vor der Eroberung durch das von der Dynastie der der Piasten regierten polnische Reich bewahrte, und sich kämpferisch für eine größere Selbständigkeit für das zu dieser Zeit schwächelnde Land einsetzte. Über der Tafel sieht man ein Fresko mit einem imaginierten Bildnis des für national Gesonnene leitbildhaften Herrschers aus dem Herrscherhaus der Přemysliden, das über viele Jahrhunderte die Geschicke Böhmens lenkte.

Der Hang zur patriotisch eingefärbten Historie und großem Geschichtsbewusstsein setzt sich auf der Fassade zur Straßenseite fort. Hier kann man auf Höhe des ersten Stocks zwei große Fresken erkennen. Es handelt sich um Illustrationen zur alten Sage von Fürstin Libuše, die die frauenfeindlichen Urböhmen (trotz hoher Qualifikation) ob ihres Geschlechts nicht herrschen ließen, die aber durch ihre Heirat mit Přemysl (der Pflüger), der als Mann regieren durfte, den neuen Herzog bestimmen durfte. Sie ließ das durch ihr Pferd entscheiden (Pferde können ja gut denken, da sie große Köpfe haben), das freigelassen schnurstracks auf einen bäuerlichen Mann auf einem Felde zugaloppierte. Auf diese Weise, so heißt es, habe Libuše die in Böhmen über Jahrhunderte regierende Herrscherdynastie der Přemysliden gegründet (wir berichteten u.a. hier). Ihn, den Pflüger, sieht man hier mit seinem Markenzeichen, dem Pflug – ganz der Mann des Volkes, der selbiges gut regieren sollte.

Libuše sieht man hingegen mit erhobenen Armen in Seherinnenpose, denn die alte Chronica Boemorum (Chronik der Böhmen) aus dem frühen 12. Jahrhundert, die die Sage erstmals überlieferte, berichtet auch, das sie eine Prophetin war, die voraussah, dass Prag dereinst eine glänzende Metropole werden würde. Recht hatte sie, wenngleich die Prager Türme, die man im Hintergrund sieht, zu der Zeit, in der die Legende spielt (ca. 8. Jahrhundert), hier noch nicht standen. Die Fresken eifern stilistisch den volkstümlichen historistischen Malereien eines Mikoláš Aleš (wir berichteten über ihn bereits u.a. hierhierhierhier und hier) oder Adolf Liebscher (hier und hier), die sich damals ungeheuerer Popularität erfreuten. Wer die beiden Sagengestalten aber tatsächlich gemalt hat, lässt sich nicht mehr eruieren.

Umgeben sind die historischen Fresken noich von unzähligen floralen Muster oder Abbildungen des tschechischen Landleben, wie etwa die rechts abgebildeten beiden jungen Bauernmägde, die man in den Lünetten über dem Erdgeschoss bewundern kann. Auf jeden Fall waren die volkstümlichen Darstellungen das, was man für die Gestaltung eines erfolgreichen und gemütlichen Wirtshauses benötigte. Und erfolgreich war es wohl.

 

Dazu trug auch die Tatsache bei, dass man zu der Zeit als die Villa gebaut wurde, das sehr nahe gelegene Landgut Santoška (usedlost Santoška), über das wir bereits hier berichteten, an das Straßenbahnnetz angeschlossen wurde, was den Besuchern aus der Innenstadt die Anreise erleichterte. Die Straßenbahn ist heute längst verschwunden und durch eine Buslinie ersetzt worden, die aber immer noch Besucher vor die Haustür bringt. Nun ja, im Kommunismus sorgte die Staatswirtschaft dafür, dass es an nötiger Instandsetzung fehlte und das Gebäude leicht verfiel. Aber, weil der Garten hinter dem Haus und unterhalb des Straßenniveaus liegt und auch noch noch alten Bäumen geschützt ist, die ihn den Blicken der Öffentlichkeit entzogen, wurde das Ganze zum Treffpunkt für diejenigen, die unzufrieden mit dem Regime waren. Sie konnten hier recht frei diskutieren oder Lieder zur Gitarre trällern.

Die so gewonnenen Stammgäste halfen auf jeden Fall, dass die Gaststätte irgendwie am Leben blieb. Der Kommunismus ging 1989 und 1994 wurde unter einem neuen Besitzer die Privatisierung vollzogen. Es folgten eingehende Renovierungsarbeiten, die es erlaubten, dass das Restaurant 1996 mit großem Erfolg in neuem Glanz erstrahlte. Auch ein wenig Filmruhm fiel auf die Villa ab. 1994 wurden hier wesentliche Szenen des bekannten Films Příliš hlučná samota (Allzu laute Einsamkeit) gedreht, eine tschechisch-französische Gemeinschaftsproduktion nach dem gleichnamigen Buch des berühmten tschechischen Schriftstellers Bohumil Hrabal (u.a. hier). Es tummelten sich hier damals Schauspielergrößen wie Philippe NoiretJiří Menzel oder Květa Fialová, die sicher im Biergarten auch das eine oder andere Bier genossen haben.

Insbesondere im Sommer gehört die Gaststätte Na Václavce32 (die 32 bezieht sich auf die Hausnummer) zu den idealen Orten, wenn man die Saison in einem Biergarten verbringen möchte. Die Küche ist ordentlich und man kann abseits der Touristenströme ein Insiderlokal kennenlernen, das zudem ein architektonisches Meisterwerk ist. An der Straßenseite wirkt die Regelmäßigkeit der Vila Václavka wie ein Kontrast zur wild unregelmäßigen Vila Helenka nebenan. Die Rückseite hin zum schattigen Biergarten ist jedoch verwinkelt und abwechslungsreich, wozu nicht zuletzt die hübsche Außentreppe beiträgt. Ein besonderes Haus in einem besonderen Ensemble hat sich der Architekt ausgedacht. (DD)
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