Palais mit Musik

Heute sind es besonders die Musikliebhaber, die das Palais Liechtenstein (Lichtenštejnský palác) zu schätzen wissen. Er schließt mit seiner enormen Größe fast die ganze westliche Seite des Kleinseitner Rings (Malostranské náměstí 258/13) ab. Heute ist das Gebäude der Sitz der Fakultät für Musik und Tanz der Akademie der Darstellenden Künste. Es gibt den dazugehörigen Konzertsaal und ein Musiktheater. Ein Musikladen im Erdgeschoss rundet das Ganze ab.

Aber natürlich ging es ursprünglich nicht um Musik, als der Palast erbaut wurde. An der Stelle des heutigen Palais standen seit dem 15. Jahrhundert fünf kleinere Häuser, die ab 1620 baulich zu einem großen Palastgebäude im barocken Stil zusammengefasst wurden. Dafür zeichnete sich Karl I. von Liechtenstein verantwortlich. Der hatte sich beim Ständeaufstand von 1618 (den man mit dem Zweiten Prager Fenstersturz verbindet) klar auf die Seite der Habsburger gestellt. Für sie organisierte er anschließend 1621 die blutige Hinrichtung von 27 Anführern der protestantischen Seite auf dem Altstädter Ring (früherer Beitrag hier).

Das hat ihm bei den Tschechen, deren Freiheit er damit für lange Zeit beendete, einen nachhaltig schlechten Ruf eingetragen. Noch 1993 stellte man vor dem Palais 27 Poller als Parkplatzbegrenzung auf, die die stilisierten Gesichter der Hingerichteten tragen – ein Werk des Bildhauers Karel Nepraš, über das wir hier berichteten. Und wo einst am Giebel das Wappen der Liechtensteiner prangte, ist heute eine Leerstelle, wie man im kleinen Bild rechts sieht. Die Tschechen sind hier sehr nachtragend, wenn es um ihn geht.

Für ihn selbst war die Sache allerdings äußerst einträglich, nicht zuletzt, weil er sich an dem konfiszierten Eigentum der Besiegten gütlich tun konnte. Deshalb konnte er sich den neuen Palais, der 1638 fertiggestellt wurde, spielend leisten. Karls Nachfahren verpachteten den Palais von 1742 bis 1790 an die Post und lange Zeit war es dadurch Prags einziges – und eigentlich recht überdimensioniertes – Postamt.

1791 ließen die Liechtensteiner das Gebäude von dem Architekten Matthias Hummel grundlegend umgestalten. Die einheitliche klassizistische Fasade, die wir heute sehen, ist sein Werk. Bis 1848 nutzte es die Familie oft zur Förderung der Künste, etwa durch große Ausstellungen. Danach übernahm es das Militär. Bis 1918 diente das Palais als Hauptquartier der k.u.k.-Armee in Böhmen und auch die Tschechoslowakische Armee nutzte es nach der Unabhängigkeit entsprechend. Während der Nazi-Besetzung nahm es die Wehrmacht in Beschlag.

Erst nach dem zweiten Weltkrieg gelangte es – inzwischen enteignet und verstaatlicht (weil man die Liechtensteiner- möglichereise als späte Rache für Karls Taten – etwas dreist einfach unter „Deutsche“ subsummierte) , was immer noch zu Disputen mit der Fürstenfamilie Liechtenstein führt – in zivile Hände. Ab 1960 diente der Palais etwa als Ausbildungsstätte der Kommunistischen Partei. Nach dem Fall des Kommunismus renovierte man das etwas abgenutzte Gebäude und übergab es 1991 der Akademie der darstellenden Künste, die es immer noch erfolgreich nutzt. Heute bietet das inzwischen renovierte Gebäude eine Plattform, auf der sich die darstellenden Künstler auch tatsächlich darstellen können.

Heute befinden sich in dem Gebäude nicht nur Unterrichtsräume, ein Tonstudio, kleine Musikräume oder Musiklabore, oder auch ein kleines Theater für avantgardistische Aufführungen (das Inspirationstheater – Divadlo Inspirace) sondern vor allem der Bohuslav-Martinů-Saal (sál Bohuslava Martinů), der zu den renommiertesten Konzerthallen der Stadt gehört (siehe großes Bild oben). Der war schon zu Liechtensteiner Zeiten – wenngleich noch nicht nach dem modernen Komponisten Bohuslav Martinů benannt – ein Prachtsaal im klassizistischen Stil. Im Treppenhaus davor hat man eine Büste des unter den Kommunisten eher verpönten Komponisten aufgestellt. Mit der Gründung der Akademie der Darstellenden Künste wurde er dann zum Konzertsaal umfunktioniert. Das klappte auch, weil die Akkustik erstaunlich gut ist. Mitte der 1990er Jahre renovierte man das Ganze noch einmal aufs Neue. Dabei wurde eine neue Orgel der 1845 gegründeten, aber leider 2015 insolvent gewordenen böhmischen Traditionsfirma Rieger Kloss eingebaut.

Seit einigen Jahren gibt es auf noch Open-Air-Vorführungen, denn man hat die Potentiale des Innenhofes des Gebäudes entdeckt. An lauschigen Sommerabenden kann man oft Musik genießen, die man sonst nicht zu hören bekommt. Das Bild zeigt eine Inszenierung aus dem Jahr 2019, nämlich die lange verloren geglaubte und wieder rekonstruierte Barockoper Libussa e Primislao durch das Ensemble Music Florea, das aus der Akademie hervorgegangen ist. Ein Erlebnis – und nicht das einzige, dass hier schon geboten wurde.

Ach ja, hinter dem Trakt mit dem Konzertsaal liegt noch ein kleiner Garten, der normalerweise nicht öffentlich zugänglich ist, den man aber von oben aus dem Fenster des Saales schön betrachten kann. Da kann man in einer Ecke eine Statue von Franz Schubert beäugen, die bei ihrer Aufstellung 2009 ein wenig Furore machte. Sie ist ein Werk der Bildhauerin Anna Chromy, die bei ihren Werken immer ein wenig zwischen Kitsch und augenzwinkernder Ironie schwankt. Das können etablierte akademische Künstler meist nicht leiden. Dass das Publikum so etwas liebt, macht es noch schlimmer für sie. Jedesmal, wenn eines von Chromys Werken aufgestellt wird, gibt es Protest (wir berichteten hier). Eigentlich finde ich den Schubert, der während der Covid-Panik eine Maske aufgesetzt bekam, gar nicht so kitschig. Aber er wurde trotzdem inzwischen in den Hintergarten verbannt… So ist es, wenn sich Kunstakademien und Künstler zu ernst nehmen… (DD)

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