Patriotische Krippe

Die Geburt Christi in der Krippe zu Bethlehem: Sie ist zugleich universelles christliches Symbol, aber oft auch Gegenstand regionaler Folklore, die manchmal sogar einen leicht national-patriotischen Anstrich annehmen kann. So wie es bei der Slawischen Krippe der Fall ist, die in der Weihnachtszeit in der Kirche des Heiligen Antonius von Padua in Holešovice (über die wir hier schon berichteten) aufgestellt wird.

Ja, es handelt sich auch nicht um ein Stück „Volkskunst“ im eigentlichen Sinne. Denn die Schnitzereien stammen von dem akademischen Bildhauer und Schnitzer Václav Jan Nepomucký Cvekl, der an der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design (Vysoká škola umělecko-průmyslová) bei dem bekannten Bildhauer Jan Kastner gelernt hatte und später als preisgekrönter Möbeldesigner bekannt wurde. Und die Krippe, die Cvekl im Jahre 1904 gestaltete, wurde auch zunächst nicht in der neo-gotischen St. Antonius-Kirche ausgestellt, sondern an verschiedenen Orten öffentlich gezeigt, darunter etliche Male im Ausland, etwa in den Vereinigten Staaten, wo sie besonders populär war.

Cvekls Ansinnen war es, eine geradezu lokalpatriotische Krippe zu gestalten, die den Geist örtlicher Volksfrömmingkeit atmen sollte. Die Figuren der Menschen, die zur Anbetung des Jesuskindes kommen, tragen typische und teils historische Volkstrachten aus der Gegend der westböhmischen Stadt Domažlice (damaliger deutscher Name: Taus). Das wird auch durch das Hintergrundgemälde unterstrichen. Ursprünglich war hier eine Landschaft mit der Stadt Bethlehem vorgesehen, aber am Ende fertigte der bekannte Maler und Bühnenbildner Karel Štapfer dann doch eine Landschaft mit einer mittelalterlichen Ansicht der Stadt Domažlice an.

Nach und nach wurden aber auch Trachten aus anderen Gegenden Böhmens und Mährens hinzugefügt. Und so sieht man hier unter anderem auch Bauern und Bäuerinnen mit Trachten aus Písek (Südböhmen), aus der Region Haná (Mähren) oder aus dem nahen Pilsen. In den Zeiten national Rückbesinnung unter den Tschechen war das Labsal für die patriotische Seele. In der Zeitschrift Český lid (Tschechisches Volk), dem bekanntesten Journal für tschechische Traditionspflege und Volkskunde, schrieb der Herausgeber und renommierte Volkskundler Čeněk Zíbrt 1911 voll Überschwang von der „hervorragenden Eigentümlichkeit und dem tschechischen Geist“ der Krippe, die sich anscheinend recht großer Popularität erfreute.

Dazu trug natürlich auch bei, dass die Krippe handwerklich eben auch sehr perfekt und detailreich gestaltet wurde. Sie war ein echtes Stück Kunst und trug zudem unterschwellig eine politische Botschaft, die damals ankam. Zudem gab es witzige Details, die dem ganzen den allzu dick aufgetragenen Pathos nahmen, etwa die Gemsen, die sich auf den imaginären Felsklippen tummeln, die der Künstler in die Umgebung von Domažlice schmuggelte.

Möglicherweise nur dem heutigen Betrachter lustig vorkommend, während der damalige tschechische Patriot zu Tränen gerührt gewesen sein dürfte, ist der Einzug der Heiligen Drei Könige auf der linken Seite der Krippe. Die werden nämlich eindeutig von der Figur des Heiligen Wenzel angeführt. Der böhmische Nationalheilige (historisch gesehen eigentlich kein König, sondern „nur“ Herzog Böhmens) schreitet mit silbrig scheinender Rüstung an einer kleinen Bauernhütte in die Szenerie ein – gefolgt von seinen Mitkönigen.

Man kann sich ziemlich lange vor der recht großen Slawischen Krippe aufhalten, um immer mehr neue Details zu entdecken. Dazu gehört etwa der Jäger mit seinem geschulterten Gewehr und seinem treuen Hund, der aus der Gegend des mittelböhmischen Rýzmburk kommen soll. Der nachdenklich wirkende Jäger ist offenkundig ein Zeitgenosse des Künstlers, aber er ist von Figuren umgeben, die verschiedene Trachten aus dem 18. und 19. Jahrhundert tragen. Überhaupt ist um die Krippe herum so viel los, dass man dabei oft die zentrale Szene – nämlich die Geburt des Jesuskindes im Stall – ganz leicht aus den Augen verlieren kann.

Bleibt noch die Frage: Warum gerade Domažlice und Umgebung? Das hat nichts mit der Herkunft des Künstlers zu tun, der aus der Gegend von Nižbor in Mittelböhmen kam. Vielmehr war die Region um die Stadt als Choden-Land bekannt und Teil tschechisch-nationalistischer Geschichtsmythologie. Dort lebten die Choden. Auf dem Bild links sieht man einen solchen Choden in frühneuzeitlicher Tracht, das heißt mit typischem weitkrempigen Hut und hellem Mantel.

Die Choden waren freie Bauern ohne Leibuntertänigkeit, die ab dem 14. Jahrhundert die Aufgabe des Grenzschutzes für Böhmen übertragen bekommen hatten. Im 17. Jahrhundert geriet Domažlice unter die Herrschaft des bayerischen Adelsgeschlecht Laminger und die Freiheit verschwand. Frondienste waren angesagt. 1695 wurde ein Aufstand der Choden brutal niedergechlagen und der Anführer Jan Sladký Kozina endete auf dem Schafott. Das ließ die Choden als die Freiheitskämpfer der Tschechen schlechthin erscheinen und Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts – etwa Alois Jirásek (über den wir hier berichteten) steigerten dieses Bild zum Großmythos. Für eine richtig patriotische Krippe war also Domažlice der richtige Hintergrund.

Das ist übrigens der Grund, weshalb die Krippe anfänglich wohl Choden-Krippe (Chodský betlem) und nicht Slawische Krippe, was ja auch angesichts der Tatsache, dass nur böhmisch-mährische Slawen (und in der Hauptsache welche auch dem Choden-Land) hier gezeigt werden, als etwas überzogener Anspruch daherkommt. Aber auf jeden Fall sprach sie die Tschechen sehr an. Für sie war die Krippe schon bald mehr als nur eine Krippe.

Schon früh, als die Krippe noch „auf Tour“ ausgestellt wurde, gab es im Ausland eine Interesse an einem Erwerb, was schon damals Patrioten wie Zíbrt mit Empörung erfüllte, Ausländer könnten mit „unserer tschechischen Krippe prahlen“. Der Erste Weltkrieg setzte aber erst einmal Exportbestrebungen dieser Art ein Ende. Als man danach (die Tschechoslowakische Republik war gegründet) wieder Gerüchte vernahm, die Krippe werden in die Fremde und an Fremde verkauft. Eine schreckliche Idee für manch einen… Da ergriff der Pfarrer der Antonius Kirche in Holešovice, Silvestr Hrnčíř, die Initiative. 1923 erwarb er die Krippe für seine Kirche, um sie so für das Vaterland zu retten.

Und seine Kirche hat er um eine Attraktion reicher gemacht, die man ab Heiligabned bis in die erste Januarwoche besichtigen kann. (DD)

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