Pedal Planet: Ein Museum, das der Seele gut tut

Das ist das Traummuseum für Kinder und alle Erwachsene, denen es gelungen ist, dass innere Kind in sich zu bewahren. Erst seit dem Juni 2021 gibt es das Tretautomuseum Pedal Planet (Pedal Planet – muzeum šlapacích autíček Praha) in der Cihelná 235/2a auf der Kleinseite direkt neben dem (irgendwie weniger lustigen) Kafka Museum.

Das ist natürlich eine Superlage – direkt neben der Karlsbrücke. Weil das kleine einstöckige Haus etwas in einem Winkel eines Hofes versteckt liegt, ist der Andrang nicht ganz so groß, wie man es hier erwarten könnte, weshalb man sich das Ganze schön in Ruhe ansehen kann. Und das ist ein Heidenspaß. Riesig ist es nicht, aber es enthält alles, was es enthalten muss, um sich über die Geschichte von Tretautos für Kinder in der ganzen Welt informieren zu können. Schon im Jahr 2018 wurde im slowakischen Nová Polianka in der Hohen Tatra ein Pedal Planet Museum mit rund 120 Ausstellungsstücken eröffnet. Der erfolg war so groß, dass man 2020 den Plan fasste, ein Museum in Prag mit heute rund 110 Tretautos zu gründen. Wegen der von der Regierung verhängten Covid-Restriktionen verschob sich die Eröffnung etwas.

Wie man sich denken kann, begann die große Zeit der Tretautos ungefähr zu jener Zeit, als die „richtigen“ Autos für erwachsene Fahrer sich Dank der Erfindung der Fließbandproduktion (beginnend mit Fords Model T 1908) als Massenvehikel auf den Straßen verbreiteten, was in Europa vor allem in den wirtschaftlichen Boomzeiten der 1920 in Schwung kam. Aber das Prager Pedal Planet kann sich rühmen, noch älteres aufzufahren. Das älteste Exponat ist nämlich eine in Belgien erbaute Kutsche Chariot für Kinder, der man damals Pedale als Antrieb eingebaut hatte, und die eigentlich schon wie ein hölzernes Automodell aussah.

Die große Zeit der Tretautos kam in den 1930er Jahren. Nicht nur zahlreiche Spielzeug- und Fahrradproduzenten führten sie jetzt in ihrem Angebot ein, sondern auch Heimwerker ließen es sich nehmen, ihren Kindern eine Freude mit Selbstgebasteltem zu machen. Das Prunkstück in dieser Hinsicht steht gleich als erstes sichtbar im Eingangsbereich – der noch mit Originallack und allem Drum und Dran erhaltene Nachbau eines Rennwagen vom Typ Praga Baby (das große Original wurde in der Tschechoslowakei zwischen 1934 und 1938 gebaut).

Und so geht es weiter mit der Tretautoproduktion der Tschechoslowakei, etwa mit dem im Bild rechts im Vordergrund abgebildeten Modell eines Aero Sodomka, das im in den1930ern von der Flugzeug- und Automobilfirma Aero (bzw. dessen auf Karosseriebau spezialisierte Subfirma Sodomka) für Werbezwecke gebaut wurde. Eine richtig schicke Stromlinienform bestimmt das Design – wie man überhaupt viel über Stilkunde und Designentwicklung beim Automobilbau, auch bei den „großen“, lernen kann.

Das Museum ist übrigens kein staatlich betriebenes, sondern besteht aus der Privatsammlung des Slowaken Maxim Stošek, der beruflich nicht etwa Tretautorennfahrer ist, sondern mit seinem Einkommen als erfolgreicher Zahnarzt die weltgrößte Tretautosammlung finanziert. Und man merkt es dem Museum an, dass es nicht von Beamten verwaltet, sondern von einem wahren Liebhaber gehegt und gepflegt und ständig ergänzt wird. In der Regel darf man auch nicht in die Exponate hineinsetzen und damit rumfahren (letzteres darf allenfalls Stošeks Tochter, heißt es), aber so ganz will man den Spieltrieb der Besucher nicht einen Riegel vorschieben, denn einige Modelle (deren Pedale allerdings blockiert wurden) dürfen explizit für „fotoshootings“ benutzen, sodass man sich hineinsetzen darf – eine Gelegenheit, die, wie man sieht, von mir begeistert genutzt wurde, und zwar ein einem für Verkehrskindergärten entwickelten Nachbau eines Porsche 356 der deutschen Firma Gunske aus den 1950er Jahren.

Eine der Vorlieben Stošek sollen Nachbildungen von Boliden der 1960er und 1970er Jahre sein, ein Sujet, bei dem vor allem damals italienische Produzenten wie Pines brillierten. Eines von vielen Beispielen, die man im Pedal Planet ausgiebig beäugen kann, ist dieser gelbe Pines Carrera (Bild rechts). Zweifellos ein schickes Teil mit viel Chrom und ausgesprochen proper restauriert. Und so gibt es überhaupt eine riesige Schau großer bekannter westlicher Marken, die meist Modelle bekannter Marken wie Porsche oder Ferrari produzierten. Aber die sind ja nicht immer die seltensten und originellsten Stücke auf dem Markt, und so findet man hier gottlob auch Dinge, von denen man nicht einmal geahnt hat, dass es sie überhaupt geben könne.

Es fängt an mit einem der wenigen Motorräder in der Sammlung, einer Nachempfindung des Modells G-20 der US-Firma Indian Scout, das in den 1920er Jahren produziert wurde. Die sehr elaborierte Tret-Version stammt aus den 1950er Jahren und ist von unbekannter Hand gestaltet. Unter allen Modellen des Museums hat dieses US-amerikanische Motorradmodell von der anderen Seite des Großen Teichs die längste Reise hinter sich gebracht, um dann endlich hier in Prag anzukommen.

Eine besondere Vorliebe zeigt Stošek längst vergessene Marken aus dem alten Ostblock, und dort insbesondere aus der alten UdSSR, die zum Teil überraschend hochwertig erscheinen, und wirkliche Raritäten geworden sind. Da teure Leichtmetalle in der Sowjet-Ökonomie meist nicht so leicht zu beschaffen waren, wogen russische Tretautos manchmal das doppelte von bauähnliche italientsichen oder deutschen Modellen. Ein kleiner Nachteil war das, machte sie aber recht robust. Viele Modelle stammten von der eigentlich „echte“ Autos produzierenden Firma Moskwitsch, die Tretautos als Nebenerwerb bastelte. Rechts sieht man das Modell I der Tretautoproduktion.

Ach ja, Tretautos können zwar einfache selbstgebaute Seifenkisten sein, aber manche sind auch technisch recht komplex. Obwohl nicht so sehr alt und immerhin in der limitierten Auflage von 999 Stück gebaut, gehört das von Audi in Deutschland gebaute Tretmobil Auto Union Type C (das Original brach in den 1930er Jahren Rekorde) aus dem Jahr 2007 zu den stolz präsentierten Schmuckstücken des Museums. Das im Maßstab 1:2 gebaute Modell mit der Seriennummer 100 wurde aus 900 Teilen zusammengesetzt. Wie beim Original, das eine Spitzengeschwindigkeit von fast 400 km/h erreichte, ist zum Beispiel das Lenkrad einfach abmontierbar, um dem Fahrer das Einsteigen zu erleichtern. Das Tretmodell wird als so wertvoll erachtet, dass es als eines der wenigen Exponate des Museums in einer sicheren Glasvitrine sein Dasein fristet.

Was ist mein Lieblingsteil? Ach, sie sind alle schön. In die engere Kandidatenwahl käme vor allem eines: Wie jeder Babyboomer liebte ich imm der US-Fernseh-Trickfilmserie Familie Feuerstein (Original: The Flintstones), eine in eine fiktive Steinzeit verlegte Persiflage auf das moderne Familienleben, die von 1960 bis 1966 produziert wurde. Deren steinzeitlich anmutenden Automobile erfreuten sich immer großer Beliebtheit. Und so baute die US-Tretautofirma A.M.F. im Jahre 1962 ein solches Vehikel als Tretauto nach. Hätte man es damals gekannt, wäre ein Kindheitstraum wahr geworden. Jetzt durfte man davor stehen und es bewundern.

Und als ich dann noch ein Tretautomodell meines ersten echten, d.h.motorisierten Autos, einem Renault R4, entdeckte, floss das Herz über vor Rührung. Das Modell (als Tretauto natürlich ohne Bedachung) wurde in den 1950er Jahren von der französischen Firma Devillaine erbaut. Schlicht und schön! Nochmals: Ein Museum für Kinder und ein Museum für Menschen, die schöne Kindheitserinnerungen wiederbeleben möchten. Das tut der Seele gut! Hier war ich sicher nicht das letzte Mal, (DD)

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