Perfide Mordtat

Heute vor 55 Jahren: Es war eine der perfidesten Mordtaten sowjetischer Truppen beim Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968. Am westlichen Teil des Klarov Parks (Park na Klárově) nahe der Metro-Station Malostranská findet sich eine kleine marmorne Gedenkplatte, die daran erinnert.

Am 20. August 1968 waren Truppen des Warschauer Paktes unter Führung der Roten Armee in die Tschechoslowakei eingefallen, um die Demokratisierungstendenzen des Prager Frühlings zu beenden und das Land in eine Schreckensdiktatur zurück zu verwandeln. Sechs Tage später, am Mittag des 26. August, wollte die 25jährige Studentin Marie Charousková hier an dieser Stelle in eine andere Straßenbahn umsteigen. In der Nähe standen einige sowjetische Soldaten, anscheinend eine Art Wachposten. Die begabte Studentin, die kurz vor ihrem Ingenieursabschluss an der Tschechischen Technischen Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze) stand und eine begeisterte Hobbyfliegerin war, hatte vier Jahre zuvor geheiratet und war gerade erst Mutter eines Sohnes geworden.

Plötzlich, ohne Warnung und ohne Grund, wurden aus der Gruppe der Soldaten Schüsse mit einem Maschinengewehr auf die junge Frau gefeuert. Die Kugeln durchsiebten ein Bein, Bauch und Oberschenkelschlagader. Ein vorbeikommender Polizist namens Miloslav Rogner leistete erste Hilfe und rief einen Krankenwagen. Aber jede Hilfe kam zu spät. Schon kurz nach Ankunft in einem Kleinseitner Krankenhaus war sie tot. Der empörte Rogner erstattete sogleich Anzeige. Kurz darauf tauchte bei ihm die Staatssicherheit (StB) auf. Sie drangsalierte Rogner, er solle zu Protokoll geben, die junge Frau habe die Sowjetsoldaten gefährlich angegriffen. Das wies er zurück, denn offensichtlich hatten die Soldaten willkürlich und ohne Anlass auf eine zufällig vorbeikommende Person gefeuert – und danach die Szenerie belustigt schwatzend, und Knabbereien zu sich nehmend, beobachtet. Rogner wurde kurz nach seiner Weigerung, die Unwahrheit zu sagen, aus dem Dienst entlassen.

Auch bei Charouskovás Mann Vladimir tauchte der StB auf. Dem jungen Vater wurde klar gemacht, dass er seinen Arbeitsplatz verliere, wenn er mit Dritten über den Vorfall spräche. Doch noch gab es Gegenwehr. Die Universität beschloss umgehend, ihr postum den Ingenieurstitel zu verleihen. An ihrer Beerdigung nahm eine riesige trauernde Menschenmenge teil. Und noch waren nicht aller Reformer von den Besatzern abgesetzt. Selbst Präsident Ludvík Svoboda schickte einen Kranz. Und in aller Eile stellte ihr Mann mit Freunden schon kurz nach der Mordtat die Gedenktafel her am Klarov Platz auf. Die neuen Regenten, die inzwischen alle Anhänger des Prager Frühlings von ihren Ämtern entfernt hatten, beschlossen 1969, die Tafel zu entfernen. 1990 fand man sie wieder, wenngleich leicht restaurierungsbedürftig, und stellte sie wieder auf. Immerhin, 1993 besuchte der damalige Präsident der Russischen Föderation, Boris Jelzin, zusammen mit dem tschechischen Präsidenten Václav Havel die Tafel und legte zur Entschuldigung für das geschehene schreiende Unrecht Blumen nieder. Auch wenn ein prominenterer Ort und eine Tafel, die mehr als die Lebensdaten Charouskovás enthält, wünschenswert wären, um die Erinnerung an die kommunistischen Verbrechen aufrechtzuerhalten, zieht auch diese kleine und unscheinbare Tafel immer noch öfters Bürger an, die vor ihr Blumen niederlegen. (DD)

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