Arbeiterromantik in der Bahnhofshalle


Heute ist der 1. Mai. Der Tag der Arbeit. Zu keiner Epoche wurde die Arbeiterschaft künstlerisch so bejubelt, wie in den Zeiten der kommunistischen Herrschaft. Spuren davon findet man davon in Prag, wenn man nur ein wenig sucht. Das riesige Wandgemälde in der Halle des Bahnhofs von Smíchov (Prag 5) gehört zum Feinsten vom Feinen und Pompösesten vom Pompösen, auf das man dabei stoßen kann.


Wir verdanken dieses etwas über 40 Meter lange Bild dem Maler Richard Wiesner. Der war ein akademisch ausgebildeter Künstler und hatte in der Zwischenkriegszeit unter anderem bei keinem geringeren als František Kupka studiert. Der war zunächst dem Impressionismus verpflichtet, wurde dann aber zum Begründer der abstrakten Kunst im Lande. Die war später, nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 nicht mehr so recht gewünscht, aber Kupka lebte da schon in Paris, wo er 1957 starb. Sein Schüler Wiesner entwickelte hingegen schon früh einen Faible für den Sozialistischen Realismus. 1971 kürte man ihn sogar zum Nationalkünstler der ČSSR. Auch war er zum Beispiel Gründungsmitglied der 1958 von seinem Künstlerkollegen Josef Brož (Nationalkünstler 1968) ins Leben gerufene Skupina 58 (Gruppe 58), eine Künstlervereinigung, die sich für ein Kunstverständnis im Sinne des sozialistischen Aufbaus einsetzte.

Und das sehen wir hier in seiner perfekten Ausformung. In einer sehr konservativ anmutenden Sgrafitto-Technik (auch Kratzputztechnik genannt, weil dabei verschiedenfarbige Putzschichten je nach Bedarf freigekratzt werden) hat Wiesner den Vorgaben des Sozialistischen Realität von Genüge getan und dem damals verfemten Formalismus (d.h. der abstrakten Kunst) keine Chance gegeben. Handwerklich gibt es hier an der naturalistischen Ausführung wenig zu kritisieren. Eigentlich sieht es irgendwie sogar putzig und fast schon karikaturenhaft aus. Die Linientreue zeigt sich natürlich auch und vor allem auf der inhaltlichen Ebene. Nun gut: Der Arbeiter im großen Bild schiebt etwas mürrisch seine Schubkarre vor sich hin. Vielleicht, weil er auch heute weder den Russen Stachanow, noch den „DDR“-Deutschen Hennecke bei der Plansoll-Verzehnfachung überbieten hatte können, ja nicht einmal den landeseigenen tschechoslowakischen Václav Svobodá. Dann heißt das aber nur, dass sein Wunsch, dem Sozialismus aufopfernd zu dienen, nur noch gestärkt wurde. Morgen klappt es ja vielleicht. Denn, wie man dazu so schön singt: „In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Partei’n. Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein.“ Und ansonsten sieht man nur Leute, die hochmotiviert sind oder es sich sogar richtig gut gehen lassen, so wie das wild tanzende Paar im Bild links oberhalb.

Auch befindet sich die Arbeiterklasse im festen und unauflöslichen Bündnis mit den Intellektuellen, die im realen Sozialismus stets bemüht sind, bei der der Herausbildung des richtigen revolutionären Klassenbewusstseins die eigentliche Speerspitze des Proletariats zu sein. Unentwegt schmieden Sie Pläne zum Aufbau der neuen Gesellschaft, wie man es hier oberhalb rechts sieht. Sie scheinen vergessen zu haben, dass man sie zwecks Umerziehung dereinst simple Frondienste machen ließ (etwa beim Brückenbau worüber wir hier berichteten). Ein klarer Fall von revolutionärer Bewusstseinsveränderung. Nicht zu vergessen, dass die Arbeiterklasse sich hier auch im natürlichen Einklang mit der Bauernschaft befindet, die sich noch begeistert erinnert, wie sie vor einigen Jahren in der sogenannten „Aktion Kulak“ zu ihrem eigenen Glück (zu dem man ja selbstredend ab und an gezwungen werden muss) zwangskollektiviert wurde (wir berichteten hier). Aber jetzt, im Jahre 1956, hat die Kollektivierung mental gewirkt und die landwirtschaftlichen Arbeiter und Arbeiterinnen schwingen fröhlich ihre Harken.


Überhaupt bediente sicher der Künstler einer künstlerischen Sprache, die eher der eines klassisch antikisierenden pastoralen Idylls entspricht – auch, wenn die Arbeit dargestllt werden. Das war damals nicht unüblich, ist aber merkwürdig, wenn man bedenkt, dass im ideologischen Mittelpunkt ja das Industrieproletariat und die Industrialisierung steht und nicht der „Idiotismus des Landlebens“ (wie Marx es ausdrückte). Aber es gibt da wohl noch mehr Widerspüche.

Was dachte wohl der tschechoslawische Arbeiter darüber, dass er mit so viel Arbeiterromantik gefeiert wurde? Das ist schwer zu sagen. Allerdings war es hier beim Bahnhof Smíchov nie schwer, die Diskrepanz zwischen der hier präsentierten Idylle und der Realität des Realsozialismus zu bemerken. Die Umgebung am Rande des alten Arbeiterviertels Smíchov ist ein wenig heruntergekommen. Drumherum befindet sich nur graue und monotone sozialistische Einheitsarchitektur, die sich doch arg von der pastoralen Idylle der künstlerischen Imagination unterscheidet (wobei die nachkommunistischen Gebäude auch nicht beeindrucken). Das gilt auch von außen gesehen für das Bahnhofsgebäude selbst. Gebaut wurde der heutige Bahnhof in den Jahren 1953 bis 1956 aber immerhin von zwei recht bedeutenden Architekten des Funktionalismus, nämlich Jan Zázvorka, der immerhin in der Zeit der Republik das Nationaldenkmal auf dem Vítkovberg entworfen hatte, worüber wir hier berichteten) und Ladislav Žák, der in den 1930ern an der Mustersiedlung Baba mitgewirkt hatte. Das war immerhin ein Fortschritt, denn in dieser Zeit endete die Phase des Stalinismus im Lande, der kunstpolitisch ausgesprochen anti-modern war und in der Architektur den Zuckerbäckerstil bevorzugte.

Das heutige Bahnhofsgebäude, das 1985 an die mit eigener Station an die Metro angeschlossen wurde, ist nicht das ursprüngliche Gebäude. Denn ursprünglich stand hier für die k.k. privilegierte Böhmische Westbahn (Česká západní dráha) ein historistisch gestalteter Bahnhof aus dem Jahr 1862. Der verband Prag mit Bayern – zunächst nur als Güterbahnhof, ab 1888 auch für den Personenverkehr. obwohl Smíchov erst 1992 zu Prag eingemeindet wurde, nannte man ihn von 1909 bis 1920 Prager Westbahnhof (Západní nádraží). Der zu den zentralen (und nicht mehr nach Bayern führenden) Verkehrsknotenpunkten des Westufers der Stadt gehörende Bahnhof, war zu Beginn der 1950er Jahre weder in Sachen Kapazität noch bei der Technik hinreichend – deshalb auch der Neubau in den 1950er Jahren. Immerhin knüpften die Architekten beim Inneren der Bahnhofshalle doch noch an die feinere Ästhetik des Funktionalismus der 1930er Jahre an, was sich an der schönen Kasstettendecke und der geschickten Beleuchtung des Wiesnerschen Bildes durch die gegenüberliegenden Fenster zeigt.


Ach ja: Eigentlich hätte man hier noch zeigen können, wie am linken Bildrand kommunistische Sicherheitskräfte stehen, die bewaffnet das dargestellte Arbeiteridyll bewachen. Als ich das gerade photographieren wollte, machten mich heutige Sicherheitskräfte darauf aufmerksam, dass ich hier drinnen überhaupt nicht photographieren dürfe. Ein ältere Dame, die gerade vorbei ging, kommentierte das die Szene mit einem kräftigen „Nesmysl!“ (Unsinn!). Die Szene muss sie wohl an die Zeiten erinnert haben, die oben auf dem Bild doch etwas verzerrt dargestellt wurden (DD)

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