Archäologischer Fund: Fundamente eines Arbeitslagers aus stalinistischer Zeit auf Prager Letná


Durch den Letná-Park in Prag sind in den vergangenen 70 Jahren zweifelsohne mehrere Hunderttausend Menschen spaziert. Auch heute wissen alle, dass in den 1950er Jahren auf der Anhöhe ein monströses Stalin-Denkmal stand. Dass für die Bauarbeiten am Monument auch Angehörige der sogenannten Hilfsbataillons PTP und weitere dem stalinistischen Regime unbequeme Personen eingesetzt wurden, wussten zumindest die Historiker. Erst in den vergangenen Wochen ist jedoch eine neue Tatsache bekannt geworden. So fanden Archäologen in der Nähe der Villa Kramář die Fundamente eines Arbeitslagers. Dort waren die Zwangsarbeiter untergebracht. Direkt unterhalb der Ausgrabungen entstand folgendes Gespräch mit dem Archäologen Jan Hasil von der Akademie der Wissenschaften. Er leitet die Forschungen vor Ort.

Herr Hasil, wir stehen jetzt vor der Villa Kramář, jedoch in einer Grube. Was befand sich an diesem Ort?

„Konkret befinden wir uns zwischen der Villa und dem sogenannten Hanauer Pavillon und westlich vom Fundament des Stalin-Denkmals. An diesem Ort soll eigentlich ein Teich angelegt werden. In der Grube wurden jedoch Überreste eines Arbeitslagers gefunden, das zur Baustelle des Stalin-Denkmals gehörte. Wir bewegen uns da in der Zeitspanne zwischen 1950 und 1954.“

Wusste man von der Existenz des Lagers, oder war das völlig unbekannt?

„Für uns war das keine Überraschung, als wir mit den archäologischen Forschungen begannen. Denn wir haben umfangreiche Archivrecherchen unternommen. Bei diesen haben wir historische Luftbilder studiert und dann auch die Baudokumentation zum Stalin-Denkmal. Mit diesem sogenannten Monstrum haben sich bereits viele Historiker beschäftigt, aber die praktischen Umstände des Baus waren bisher kein Forschungsthema. Wir haben auf den Luftbildern eine Struktur erkannt, ein Konvolut von elf Häusern mit einer Art Appellplatz. Schon aus dem Luftbild war mir klar, dass es ein Lager gewesen sein muss. Denn das ist mein Forschungsthema, ich habe viele andere Zwangsarbeits- oder Konzentrationslager studiert. Für diese ist typisch, dass sie an strategische Objekte des Regimes geknüpft waren – an eine Rüstungsfabrik oder einen wichtigen Bau. In diesem Fall war es das Stalin-Denkmal, das 1955 enthüllt wurde.“

Herrschte zuvor die Meinung vor, dass die Zwangsarbeiter oder die Mitglieder der PTP-Hilfsbataillons zur Baustelle jeden Tag aus anderen Lagern, die außerhalb von Prag lagen, gebracht wurden?

„Die Frage nach der Herkunft der Menschen, die hier als Zwangsarbeiter eingesetzt waren, ist für uns derzeit ein wichtiges Forschungsthema. Wir Archäologen beschäftigen uns dabei vor allem mit der materiellen Seite. Uns interessiert beispielsweise, aus welchem Geschirr sie gegessen haben, welche Knöpfe sie an der Bekleidung hatten und so weiter. Bei den Grabungen haben wie viele Daten gesammelt. Diese werden ausgewertet, dann folgt eine endgültige Interpretation. Im Moment wissen wir, dass hier verschiedene Gemeinschaften gearbeitet und auch Frauen eingesetzt waren.“

Waren es politische Gefangene?

„Ja. Wir haben die Erinnerungen einiger Menschen, die hier gearbeitet haben. Zu ihnen gehörte zum Beispiel ein Jurist, der nach der kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948 versuchte, in den Westen zu fliehen. Er saß eine bestimmte Zeit lang in U-Haft, danach durfte er nicht mehr in seinen Beruf zurückkehren und musste am Bau des Stalin-Denkmals arbeiten.“

Für einen Laien ist hier nur eine große Grube zu sehen, an der eigentlich nichts auffällig erscheint. Was sehen Sie als Archäologe hier?


„Es ist tatsächlich eine große Grube, weil wir hier schon seit Wochen graben. Zwei relativ gut erhaltene Gebäude lassen sich erkennen – gut erhalten natürlich in den Augen eines Archäologen. Wir gehen jetzt zu einer Gemeinschaftsbaracke mit einer Fläche von 180 Quadratmetern. Diese war für 38 Menschen bestimmt. Auf einer Fläche von etwa zwei Wohnungen lebten nahezu 40 Personen. Der Lebensstandard war sehr niedrig. In den Bauten gab es im Badezimmer und in der Toilette keine Heizung, sondern nur in den Zimmern.“

Waren die Baracken mit Wasser versorgt oder mit Strom?

„Fließendes Wasser gab es hier, auch eine Kanalisation und ebenso Strom. Wir befinden uns jetzt inmitten einer der Baracken. Dort ist der Eingang, hier der Flur. Dort hinten sind die Fragmente von Fundamenten zu erkennen, es handelt sich um Backsteine ohne Mörtel. Darüber bestand eine Holzkonstruktion. Lustig ist das spätere Schicksal dieser Holzkonstruktionen: Sie wurden dem Prager Zoo geschenkt. Und dieser nutzte sie für den ersten Giraffenstall in der Tschechoslowakei.“

Wäre es möglich gewesen, die Fragmente des Lagers ohne Luftbilder zu entdecken?

„Natürlich, wir nutzen auch weitere Methoden für unsere Forschungen. Hier waren es beispielsweise unterschiedliche geophysikalische. Aber der wichtigste Impuls war ein Luftbild von 1953.“

Haben Sie während der Arbeit auch Gegenstände oder Fragmente von Gegenständen gefunden?

„Ja, wir haben 18 Bananenkisten mit Funden zum Institutsgebäude transportiert, um sie weiter zu analysieren. Was schön ist, sind die gefundenen Knöpfe, das Tischporzellan und das Verpackungsglas. Sehr interessant sind zudem die Tierknochen. Sie geben uns nähere Auskunft über die Ernährung der Menschen, die hier untergebracht waren.“


Was haben die Zwangsarbeiter beispielsweise gegessen?

„Wir haben hier etwa Spuren eines ,Massenmords‘ an Enten gefunden. Der Bau des Denkmals war etwas Symbolisches, und viele Betriebe wollten oder mussten dazu irgendwie beitragen. Es sieht so aus, als ob eine Entenfarm etwa 30 oder 40 lebende Enten ins Lager geschickt hat. Die Enten wurden hier durch Enthauptung geschlachtet. Direkt unter dem Küchenfenster haben wir die Überreste der Entenköpfe gefunden. Sie waren nur unter Teerpapier versteckt. Dies zeugt auch von den Verhältnissen, die hier herrschten. Einerseits konnten die Menschen vielleicht nur ein einziges Mal etwas Gutes essen. Andererseits war alles schmutzig, die Abfälle lagen einfach so im Hof herum.“

Das Stalin-Denkmal wurde 1962 gesprengt. Gab es damals noch Spuren des Arbeitslagers?

„Nein, das Lager wurde schon früher aufgelöst und 1954 zugeschüttet.“

Sollte das Lager also vergessen werden?

„Ja. Das ist interessant, denn wir haben mit einigen Zeitzeugen gesprochen, die seit ihrer Kindheit hier im Stadtteil Letná leben. Sie erinnerten sich daran, dass es einen Eingang zur Baustelle gab, wussten aber nichts von dem Lager. Wahrscheinlich war es von der Baustelle getrennt und nicht so einfach zugänglich wie der Rest der Baustelle.“

War das Lager auch überwacht?

„Wahrscheinlich ja. Dazu können wir aber nichts Näheres sagen.“

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