Avantgardistische Sportarchitektur



Nein, zu den schönsten Bauwerken Prags würde ich es vielleicht nicht zählen: Das Sokol-Gebäude (Sokolovna) in Vinohrady (Prag 2). Aber Architekturhistoriker zählen es zu Recht zu den bedeutenderen Großbauten des tschechoslowakischen Funktionalismus der Ersten Republik. Und es sagt etwas über die Bedeutung des Auftraggebers aus.



Das Gebäude an der Polská 2400/1a, direkt am Rande des Rieger-Parks (Riegrovy sady), gehörte bzw. gehört heute (nach Unterbrechung in den Zeiten von Nationalsozialismus und Kommunismus) immer noch dem Turnerbund Sokol (Falke). Die 1862 von Miroslav Tyrš gegründete Massenorganisation hatte zur Zeit ihrer Entstehung nicht nur die allgemeine Leibesertüchtigung zum Ziel. Vielmehr war es die mitgliederstärkste Organisation der tschechischen Nationalbewegung, die sich u.a. mit spektakulären Massenveranstaltungen im 19. Jahrhundert für die Rechte und die Selbstbestimmung der Tschechen im österreichischen Habsburgerreich einsetzte. Fast alle Väter der tschechoslowakischen Unabhängigkeit – Tomáš Garrigue Masaryk, Edvard Beneš, Alois Rašín, Karel Kramář u.v.v.a. – waren Mitglieder gewesen. In der Ersten Republik war der Sokol daher eine der tragenden Säulen des Gemeinwesens.


Das galt für alle Ebenen des Staates, so auch für die kommunale. Und unter den Kommunen war das erst ab 1922 zu Prag gehörende Vinohrady eine der aufstrebendsten und reichsten. Folglich war der örtliche Sokol auch besonders finanzstark. Deshalb ist das dortige Sokol-Gebäude eines der größten unter den in der Republikzeit gebauten.

1936 beschloss man eine Ausschreibung mit Wettbewerb um den besten Entwurf für ein multidisziplinäres Sportzentrum. Den Wettbewerb gwannen die Architekten František Marek und Václav Vejrych (beide Schüler des kubistischen Architekten Josef Gočár) sowie Zbyněk Jirsák für ihren gemeinsamen Entwurf. Der setzte Maßstäbe in der modernen Sportarchitektur, ja, war geradezu avantgardistisch und passte somit zu dem progressiven Image des Sokol. 1938 begann man mit der Umsetzung durch den Bauunternehmer Karel Skorkovský, der ein Pionier der Stahlbeton-Technik war. Doch die Umsetzung stand aus politischen Gründen unter einem unglücklichen Stern .


Im selben Jahr begann mit dem Münchner Abkommen die Demontage der Tschechoslowakei und Anfang 1939 marschierten die Nazis in Prag ein. Für den liberal und demokratisch ausgerichteten Sokol begannen schwere Zeiten. Ursprünglich hätte der Bau noch größer werden sollen, aber das Geld wurde knapper, so dass man auf ein Stockwerk verzichtete. Als das Gebäude fertig war, beschlagnahmten es die Deutschen (die u.a. den großen Treppenaufgang im typischen Nazi-Brutalklassizismus anfügten) und 1941 wurde es in ein Lazarett für SS-Leute umgewandelt. Im Juni 1946 konnte der örtliche Sokol endlich für sich die Einweihung des Gebäudes für sich feiern. Doch auch dieses Glück währte nur kurz. 1948 übernahmen die Kommunisten im Lande die Macht, die ebenfalls wenig von der liberaldemokratischen Ausrichtung des Vereins hielten, und im Jahr darauf wurde der Komplex Sportabteilungen der Maschinenbaufabrik ČKD übertragen. Erst 1991, zwei Jahre nach dem Fall des Kommunismus, bekam der Sokol sein Eigentum zurückerstattet.


Ansonsten gilt immer noch das Motto: Think big! Das im Stil der damaligen Zeit von außen von Keramikkacheln überzogene Gebäude verfügt mehrere Turnhallen, zwei Hallenfußballfelder, ein großes Schwimmbad, einen Parkettsaal (für den Tanzsport), Saunen, sowie Sitzungs- und Konferenzräume Davor ist noch ein recht großer Sportplatz für alle, die Sport am liebsten an der frischen Luft treiben. Auch nach heutigen Maßstäben ist das ein allen Standards genügendes, modernes Großzentrum des Sports.


Und eines mit Geschichte! Die feiert man drinnen wie draußen. Drinnen befindet sich in der Eingangshalle eine Statue von Miroslav Tyrš, und zwar die Kopie der 1926 von dem berühmten Bildhauer Ladislav Šaloun geschaffene Bronzefigur, die im Original vor dem nationalen Sokol-Hauptquartier, dem Tyršův dům (Tyrš-Haus) auf der Kleinseite steht. Drumherum gibt es eine kleine Ausstellung über die Geschichte, die den Beitrag des Sokol zur Unabhängigkeit der Tschechoslowakei, zur Stützung der Ersten Republik und zum Widerstand gegen Nazis und Kommunisten zum Thema hat.



Und draußen vor dem Eingang steht seit 2012 ein Denkmal zum 150. Jahrestag der Gründung des Sokol im Jahre 1862. Gestaltet wurde es von der Bildhauern Karel Holub und Petr Holub (Vater und Sohn). Drei Betonstufen, die den Weg des Sokol durch die Geschichte symbolisieren sollen, führen zu einer Metallplatte, aus der die Silhouette eines kurz-behosten Sokol-Turners in Grundpositiongeschnitten ist, Der Betonsockel wird hinter der Statue noch ein wenig weitergeführt, so wie der Fortschrittsweg des Sokol weitergeführt werden wird. Der nationale Pathos, der den Sokol umgibt, hat hier einen modernen Ausdruck gefunden.


Bevor man es vergisst: Es gibt auch eine kleine Gastronomie, die sich modisch-keck SoKool Bar & Restaurant nennt, und deren Außenbereich mit ihrem irgndwie sehr traditionell wirkenden Blumenschmuck einen lustigen Kontrast zu dem kalten Funktionalismus des Gebäudes bildet. Das ist natürlich wichtig, denn ohne ein frisch gezapftes Bier danach ist ja die sportliche Betätigung kaum zu bewältigen. (DD)

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