Baba-Haus näher betrachtet


Es sollte die Mustersiedlung der Moderne werden, was in den Jahren 1928 bis 1932 von einer Gruppe avantgardistischer Architekten unter der Führung von Pavel Janák (wir erwähnten ihn u.a. hier, hier und hier) sorgfältg geplant wurde: die Werkbundsiedlung Baba (Výstavní kolonie na Babě, Osada Baba) im Nordosten des Stadtteils Dejvice (Prag 6). Und in der Tat strahlt das, was dann in den Jahren 1932 bis Anfang 1940 hier erbaut wurde, noch heute eine Aura von Modernität aus, die ihresgleichen sucht.


Die innovative Architektur wird natürlich in vollem Umfang erst sichtbar, wenn man die Häuser von innen betrachten kann. was angesichts der Tatsache, dass sie in Privatbesitz sind, natürlich normalerweise unmöglich ist. Bei der Vila Matějská in der Matějská 1985/19 hat sich die Möglichkeit für uns ergeben, weil wir die die Bewohner, Lucie Fejklová (Besitzerin) und Lebensgefährte Hans Weber, gut kennen und schätzen.


Die Villa gehört zu den letzten, die hier im Rahmen des Projekts der Werkbundsiedlung überhaupt gebaut wurden. Und sie repräsentiert in ihrer Art den Prager Spät-Funktionalismus in seiner reinsten und kompromisslosesten Ausprägung.


Worum ging es überhaupt bei dem Siedlungsprojekt Baba (über das wir übrigens schon hier berichteten)? Dessen treibende Kraft war der 1914 gegründete böhmische (bzw. ab 1918 tschechoslowakische) Werkbund (Svaz československého díla). Das war eine Vereinigung, die vom 1907 ins Leben gerufenen Deutschen Werkbund inspiriert war. Es handelte sich um eine „wirtschaftskulturelle“ Vereinigung von Architekten, Künstlern und Unternehmern, die sich der Förderung fortschrittlicher und sozialer Ideen im Bereich von Architektur und Kunsthandwerk widmete. Praktischer und den Kriterien avantgardistischer Ästhetik genügender Komfort und Lebensqualität für alle Menschen war das Programm. Und die Siedlung Baba sollte zeigen, wie man effizient, preisgünstig und kunsthandwerklich wertvoll geradezu luxuriösen Wohnraum für jedermann schaffen konnte. Die Initiative zur Gründung des Werkbundes stammte von dem berühmten Architekten Jan Kotěra (über den wir u.a. schon hier und hier berichteten). Kotěra wiederum gilt als der eigentliche Vater der modernen Architektur im Lande.


Pavel Janák, der die Rahmenplanung für die Baba-Siedlung übernahm, war Mitbegründer des Werkbundes und ein Schüler Kotěras. Er hatte vor dem Ersten Weltkrieg mit kubistischer Architektur begonnen (der damals die höchste Avangarde darstellte), hatte sich aber in späten 1920er Jahren in Richtung Funktionalismus entwickelt.


Als Gelände suchte er sich das Baba genannte Gebiet aus, das hoch über der Moldau liegt und sich auf der anderen Seite neben dem schönen Naturschutzgebiet der Wilden Šarka (Divoká Šarka) befindet. Die einzelnen Häuser hatten jedoch eigene Bauherren und vor allem autonom arbeitende Architekten.


Die Gruppe von Architekten, Künstlern, Stadtplanern, Bauunternehmern und Designern, die sich hier unter dem Dach des Werkbunds zusammenfand, war sich jedoch über die wesentlichen Grundsätze völlig einig. Das (und natürlich die Leitung durch Janák) garantierte in Sachen Ästhetik und Zielsetzungen eine deutliche Einheitlichkeit, die trotzdem vielfältig ist. Immer wieder setzten sie sich – auch nach Baubeginn – zusammen, um die Gesamtkonzeption zu modifizieren und anzupassen. Und das Resultat konnte sich am Ende definitiv sehen lassen.


Zu den Architekten und Designern, die hier mitwirkten, gehörten einige der großen Namen der tschechoslowakischen Architektur. Dazu gehörte unter anderem Josef Gočár, der – wie Janák – zuvor zu den Pionieren des Kubismus gehört hatte (wir berichteten u.a. hier und hier), aber sich nun ebenfalls dem Funktionalismus zugewandt hatte. Andere Architekten der Werkbundgruppe, die die Baba-Siedlung gestalteten, waren etwa František Kavalír, Josef Fuchs, František Zelenka und viele andere, Insbesondere Hana Kučerová-Záveská, die zugleich Architektin und Designerin war, entwickelte viele Ideen für maßgerechte und raumsparende Einbaumöbel. Gerade bei der Gestaltung von Küchen leisteten die Erbauer der Baba-Siedlung Bahnbrechendes.


Und dann war da noch der Architekt František Kerhart, der sich bereits früh einen Namen als führender Architekt des Funktionalismus einen Namen erworben hatte, etwa durch seine Entwürfe für das Gebäude der Sparkasse in Poděbrady im Jahr 1926. Kerhart hatte in der Baba Siedlung bereits zwischen1932 und 1936 fünf Häuser entworfen, und er war auch für die Planung des hier vorgestellten Hauses in der Matějská 1985/19 verantwortlich. Es handelte sich um eine Art „Nachzügler“. Die ersten 20 Häuser der Siedlung wurden schon 1932 fertiggestellt. Acht weitere folgten 1933/34 und zwei 1935/36. Es sollten danach eigentlich neben den Villen noch vier Reihenhäuser erstellt werden, die dann aber im Zuge einer der vielen Neuplanungen durch sechs Einzelvillen ersetzt wurden. Und zu diesen gehört die 1939 gebaute Vila Matějská.


Der im Mai 1939 fertiggestellte Plan des Hauses, das von Außen noch weitgehend im Urzustand erhalten ist, folgt funktionalistischen Grundideen. Man kann das an den Plänen (Bild rechts) studieren, die Kerhart für den Auftraggeber und Besitzer der Villa, einem gewissen Bohuslav Dušek, entworfen hat, denn sie blieben gottlob über die nachfolgenden Eigentümerwechsel hinweg erhalten und befinden sich im Besitz der gegenwärtigen Eigner.


Das Haus ist in klassisch-funktionalistischer Manier aus Quadern zusammengesetzt, die sich auf verschiedenen Ebenen befinden. Das wird durch die assymetrisch angeordneten Fenster unterstrichen, von denen das vertikale Fenster aus Glasziegel über dem Eingang optisch besonders herausragt (siehe Bild oberhalb links). Das Ganze ist freistehend von einem geräumigen Garten umrahmt.


Ja, und dann ist dann noch das Innere. Das ist wohl nur noch bei vier Häusern der Siedlung – darunter die von Gočár 1932 fertiggestellte Vila Maule – absolut vollständig im Original enthalten. Die Vila Matějská gehört leider nicht dazu. Deshalb wurden im Laufe der Zeit vereinzelt Veränderungen vorgenommen, die etwas verfremdend wirken – etwa die braunem Fußbodenkacheln im Flur, die ganz nach dem Geschmack der frühen 1980er Jahren aussehen. Aber das hält sich alles in allem in Grenzen. In den meisten Räumen ist das alte Originale Parkett im Fischgrätenmuster (das in den 1930er Jahren Mode wurde) in hervorragendem Zustand erhalten. Der Parkettboden wurde damals von vielen modernen Funktionalisten als eine Art wohnliches Gegengewicht zu der ansonsten eher „industriellen“ Ästhetik ihrer Architektur gesehen.


Ähnliche Wirkung sollten auch die dunkelbraunen Kacheln entfalten, die Treppenstufen (Bild oberhalb rechts) und Fensterbretter säumen. Erfreulich ist aber vor allem, dass die maßgefertigte Einbauküche noch weitgehend erhalten ist. Dazu gehören die praktischen kleinen gläsernen Schubladen in Greifhöhe, die heute fast nostalgisch wirken, aber damals das Modernste vom Modernsten waren. Funktionalismus hat schließlich etwas mit praktischem „Funktionieren“ zu tun. Ähnliches gilt natürlich auch für die kleine Durchreiche, die das effiziente Servieren von der Küche direkt in das Esszimmer ermöglicht. So etwas gab es auch früher (etwa in Klöstern mit Zellen), aber der Funktionalismus erkannte sie als praktisches Element zur Raumersparnis und -nutzung. Kein Geringerer Le Corbusiers hat diese Idee 1927 bei den Wohnhäusern der Berliner Weißenhofsiedlung (ein Projekt des DeutschenWerkbundes) weiterentwickelt.


Und so findet man viele Dinge im Haus, die den Geist des Funktionalismus atmen. Auch die Geländerkonstruktion im Treppenhaus ist raumsparend und leicht aus Stahl und gewelltem Draht zusammengesetzt.


Diese zukunftsweisende Architektur verlangte natürlich nach kompetenter Umsetzung. Die besorgte die Prager Baufirma Freiwald und Böhm. Die Firma (mit Architekturbüro) wurde 1921 von Jindřich Freiwald zusammen mit seinem Kompagnon Jaroslav Böhm gegründet. Freiwald war als Architekt selbst für einige bahnbrechende funktionalistische Entwürfe für Gebäude verantwortlich, etwa das Jirasek Theater (Jiráskovo divadlo) in Hronov von 1931, das Stadttheater von Kolín (Městské divadlo v Kolíně) von 1939 oder die Hussitische Kirche in Nové Město nad Metují (1936)


Er sollte den Bau der Vila Matějská leider nur wenige Jahre überleben. Als Freiwilliger nahm er im Mai 1945 am Prager Aufstand (siehe auch hier und hier) im Offizierrang eines Hauptmanns der Tschechoslowakischen Armee teil. Deutsche Truppen nahmen ihn auf ihrem Rückzug gefangen und erschossen ihn kurzerhand standrechtlich. Eine schreckliche Tragödie. Es war der 8. Mai – der letzte Tag des Krieges.


Und die Grundidee der Siedlung Baba? Die war ja gewesen, funktionalen, raumsparenden und preisgünstig zu erstellenden Wohnraum zu erschaffen. Trotzdem hatten wir es schon von Anfang an nicht mit einem Stück „sozialen Wohnungsbaus“ zu tun. Janák selbst, der gewiss kein Sozialfall war, zog in eines der von ihm geplanten Häuser ein. Man muss nur kurz von der kleinen Grünanlage vor der Vila Matějská die grandiose Aussicht auf die Burg genießen, um zu erahnen, dass hier de facto ein eher großbürgerliches Publikum bedacht wurde. Von Terrasse auf dem Dach des Hauses kann man das auch tun. Überhaupt wurde für fast jedes Haus eine schöne Aussicht garantiert. Moderner Wohnraum in schöner Lage. Auch heute ist das keine billige Wohnlage. In kommunistischer Zeit galt das, was hier zuvor als avantgardistisch angesehen war, unter regimetreuen Kunstkritikern als zu „bürgerlich“.


Aber trotzdem entsprach die Grundidee, des funktionalen Wohnungsbau doch einigen ihrer eigenen Ideen. Gewiss, in der Siedlung Baba war alles individuell maßgefertigt, aber die raumsparenden Einrichtungsideen und die zu Grunde liegende Stahlbautechnik ließen sich im Grunde sehr gut in die spätere Plattenbauarchitektur übersetzen. Auch wenn man die Baba-Siedlung schön und Plattensiedlungen (zu Recht) meist scheußlich findet, ist es nicht völlig falsch, das eine als die Fortführung des anderen zu sehen. Und tatsächlich beriefen sich die kommunistischen Stadtplaner in Prag später auf das „bürgerliche“ Vorbild. In den 1970er Jahren wurden in dem im Süden Prags (und damit am anderen Ende der Stadt) gelegenen Stadtteil Modřany zwei neue Plattensiedlungen erbaut, die Baba II und Baba III genannt wurden und so sind, wie man sich sozialistische Plattenarchitektur eben vorstellt. Der Wohnraum dort ist erschwinglicher als der der Originalsiedlung, dafür aber auch nicht ganz so schön. (DD)

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