Beeindruckender Hauseingang, beeindruckender Jugendstil


Es mag in Prag noch beeindruckendere Hauseingänge geben, aber man muss schon sehr suchen. Und es mag auch beeindruckenderen Jugendstil geben, aber auch hier muss man den erst einmal finden.


Die Rede ist vom Mottl Haus (Mottlův dům), benannt nach dem Architekten Karel Mottl und dem Besitzer (und Bruder des Architekten), dem Textilunternehmer Vendelín Mottl. Es ist zentral in der Neustadt am Jungmann Platz (genauer: Jungmannovo náměstí 761/1) gelegen und bildet den optischen Abschluss der großen Nationallee (Národní Třída) – und verbindet sie mit dem Zugang zum Wenzelsplatz. Dieser optische Abschluss musste natürlich spektakulär ausfallen. Und Architekt Mottl hat die Chance genutzt, hier einen sogenannten „Hingucker“ zu schaffen.




In einer Umgebung, in dem 1905/06, als das Haus erbaut wurde, noch ein konservativer Historismus vorherrschte, war Mottls Entwurf so etwas wie eine sanfte Revolution, die heute nicht mehr so auffällt wie damals, weil es inzwischen zahlreiche deutlich modernere avantgardistische Bauten dort gibt – etwa der benachbarte Palác ARA (ARA Palast), ein Kaufhaus im Art Déco-Stil, das wir bereits hier besprachen. Aber damals war der Jugendstil revolutionär und repräsentierte die Moderne schlechthin. Mottl passte ihn aber harmonisch durch etliche neobarock anmutende Elemente in in das bisherige architektonische Umfeld ein.

In die strukturell barock anmutende Fassade des fünststöckigen Mietshauses, in dessen Erdgeschoss sich Läden befinden, hat der Architekt immer wieder typische Jugendstil-Motive eingebaut – etwa den Lebensbaum, ein von Jugendstilkünstlern gerne verwendetes Thema, das die enge Symbiose mit dem Symbolismus verdeutlichte. Diese Pflanzenthematik kehrt auch bei der Eingangspforte (großes Bild oben) immer wieder auf.

Dieser Eingang (großes Bild oben) fasst wiederum das Programm des Hauses geschickt zusammen, in dem die vertikalen Achsen ganz konventionell durch korinthische Säulen herbeigeführt werden, während die extrem ungewöhnliche, längliche Ovalform der Umrahmung eine seltsame horizontalere Dimension gibt und den konventionellen Charakter der Barocksäulen relativiert. Daneben gibt es noch Skurrilitäten, die klassische Motive zu parodieren scheinen. Auf der Fassade kriechen unter dem Flügelhelm des Hermes zwei putzige Schlangen hervor, die sich irgendwie von ihrem Hermesstab entfernt zu haben scheinen.

Karel Mottl war sich als Architekt wohl sehr bewusst, was für einen Prachtbau in bester Umgebung er da hingelegt hatten. Jedenfalls verewigte er sich selbst recht stolz dabei. Über dem Giebel der Gaube hin zum Jungmann Platz hat er seine Initialen MK zusammen mit dem Baudatum 1906 in einer Kartusche in Stuck platziert – ebenfalls von üppigen Lebensbäumen Karel flankiert.


Karel Mottl, der sich dann noch einmal auf einer Plakette neben dem schönen Plakette in abermalige Erinnerung brachte, leitete wohl 1908 und 1913 noch einige Umbauten durch, die aber vor allem wohl die Innenräume (z.B. die Einfügung von Wendeltreppen) betrafen. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 befand sich das einst so prachtvolle Haus in einem recht heruntergekommenen Zustand, aber vor einigen Jahren fand eine umfassende Renovierung statt. Es sieht nun so blitzblank aus wie zu jener Zeit als die beiden Mottls es einweihten. (DD)

Source

10 views0 comments

Recent Posts

See All