Bonner Komparatist: Die Bohemistik ist ein Opfer deutscher Wissenschaftspolitik


Der Komparatist Neil Stewart ist Professor für Slawische Literaturwissenschaft an der Universität in Bonn. Für die Druckfassung seiner Habilitationsschrift „Bohemiens im böhmischen Blätterwald: Die Zeitschrift ‚Moderní revue‘ und die Prager Moderne“ (Heidelberg: Winter 2019) wurde ihm der Otokar-Fischer-Preis für 2020 zuerkannt. Dieser nach dem bedeutenden tschechischen Bohemisten und Germanisten Otokar Fischer benannte Preis wird alle zwei Jahre vom tschechischen „Institut für das Studium der Literatur“ und dem Münchner Adalbert-Stifter-Verein für eine „herausragende“ deutschsprachige Publikation im Bereich der bohemistischen oder germanobohemistischen Forschung vergeben. Radio Prag International hat den Forscher am Rande der Preisverleihung im Prager Goethe-Institut Ende Juni vors Mikrophon gebeten.


Herr Stewart, Sie wurden mit dem Otokar-Fischer-Preis geehrt, und zwar für Ihr Buch „Bohemiens im böhmischen Blätterwald. Die Zeitschrift ‚Moderní revue‘ und die Prager Moderne“. Das ist ein sehr komplizierter Titel. Können Sie diesen erklären?


„In dem Titel kommen verschiedene wichtige Begriffe vor. Der mit den Bohemiens im böhmischen Blätterwald ist vor allem sprachspielerisch. Es handelt sich um eine Zeitschrift, die mit der Dekadenz, dem Ästhetizismus und dem Dandytum des späten 19. Jahrhunderts zusammenhängt, und da schien das ganz passend. Die Prager Moderne ist ein Forschungsgebiet, das riesig und auch schon relativ traditionell ist. In diesem Zusammenhang sich mit dieser Zeitschrift zu beschäftigen, ist das Entscheidende, denn sie ist der mediale Zugang zu dem Thema. Man analysiert dann nicht das Schaffen eines Autors oder einer Gruppe beziehungsweise einzelne Texte, sondern man nimmt die Zeitschrift, als wäre sie ein einheitlicher Text. Das ist die Idee hinter dem ganzen Projekt gewesen.“


„Die ‚Moderní revue‘ ist wahrscheinlich die wichtigste tschechische Kulturzeitschrift in der Moderne um 1900. Sie hat versucht, den tschechischen Literaturbetrieb zu internationalisieren.“


In einer Rezension Ihres Buches stand, Sie hätten eine Biographie dieser Zeitschrift geschrieben. Wie entwickelte sich die Biographie der ‚Moderní revue‘? Um was für eine Zeitschrift hat es sich gehandelt?

„Die ‚Moderní revue‘ ist wahrscheinlich die wichtigste tschechische Kulturzeitschrift in der Moderne um 1900. Sie wurde 1894 von Arnošt Procházka, einem Bankangestellten, gegründet, unter der Mithilfe des Postbeamten und Dichters Jiří Karásek. Entscheidend für diese Zeitschrift war, dass sie versucht hat, den tschechischen Literaturbetrieb zu internationalisieren. Man konzentrierte sich also anders als die nationale Wiedergeburt des 19. Jahrhunderts nicht so sehr auf die eigene Volkstümelei, sondern übersetzte die großen internationalen Autoren wie Verlaine, Wilde und Huysmans, um auf diese Weise die tschechische Kultur ein bisschen aufzumischen. Die ‚Moderní revue‘ ist diesem ganz internationalistischen Credo nicht immer treu geblieben. Sie wurde dann auch konservativer und nahm leider am Ende ihrer Lebensspanne in den 1920er Jahren eine ziemlich traurige Entwicklung: Sie wurde ein rechtsnationales, antisemitisches und antideutsches Organ. Für meine Biographie ist es auch nicht unwichtig gewesen zu analysieren, warum und wie das passieren konnte.“


Und was stand hinter dieser Verwandlung?


„Verschiedenes. Natürlich der Erste Weltkrieg und alles, was in der Welt politisch passiert war. Und dann natürlich die Tatsache, dass viele von den Charakteristika, die später problematisch wurden, zum Beispiel die antisemitische Haltung, früher vermutlich zum Teil auch da waren, aber keine solche Rolle gespielt haben. Der dekadente Ästhetizismus, die Vorstellung, dass die Kunst eigentlich das Entscheidende auf der Welt sei, sah sich ab Ende des 19. Jahrhunderts als eine sehr progressive und vorwärtsweisende internationale Haltung. Aber wenn man daran festhält und seine Ansichten nie ändert, dann sieht man irgendwann reaktionär aus. Ich habe in dem Buch behauptet, dass sich die Moderní-revue-Autoren gar nicht so verändert haben, wie alle immer sagen, sondern dass sich die Welt um sie herum verändert hat, und dann andere Dinge zum Vorschein kamen. Procházka war eigentlich legendär konsequent in seinen Ansichten. Was aber 20 Jahre vorher progressiv und modern gewesen war, war 30 Jahre später, wenn man nichts geändert hat, reaktionär."


Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit der Literatur um die Jahrhundertwende, mit der Moderne, der Avantgarde. Was gab Ihnen den Anstoß, sich gerade auf die tschechische Moderne und diese Zeitschrift zu konzentrieren?


„Als Slawist in Deutschland habe ich 1990 wie fast alle deutschen Slawisten mit russischer Literatur und russischer Sprache angefangen. Das ging gar nicht anders. Auch meine Dissertation habe ich über ein russisches Thema geschrieben. Für die Habilitationsschrift muss man sich ein bisschen verändern, etwas anderes nehmen. Da habe ich beschlossen, dass es eine andere Epoche und am liebsten die tschechische Literatur sein solle. Und zwar weil das meine zweite Sprache war, weil ich eine sehr schöne Zeit in der Sommerschule 1996 hatte, wo ich mit Tschechisch angefangen habe. Ich habe auch tschechische Verwandte, also lag das nahe. Und die Jahrhundertwende um 1900 ist eine Epoche, die ich immer schon sehr spannend fand. Sie war international, es gab neue technische Errungenschaften. Sie war einfach eine grundlegende Zeit für alles, was im 20. Jahrhundert kam. Das wird aber häufig vergessen, deshalb fand ich das spannend.“



„Die Jahrhundertwende um 1900 war eine grundlegende Zeit für alles, was im 20. Jahrhundert kam.“


Sie sind heute als Forscher im Bereich der Slawistik tätig. Warum haben Sie sich Ende der 1980er Jahre für das Studium der Slawistik entschieden? Hing es damit zusammen, dass es die Zeit der Wende und der Öffnung der Grenzen war?


„Unbedingt. Ich habe immer schon Osteuropa sehr interessant gefunden. Auch als Schüler schon, und wir waren einmal auf einer Schulfahrt nach Prag. Aber natürlich habe ich auch Dostojewski und Tolstoi gelesen, was man als Teenager manchmal tut. Ich habe zu der Zeit auch relativ intensiv Schach gespielt. Das ist immer ein schöner Grund dafür, nach Osteuropa zu fahren. Und natürlich war es auch die Öffnung Europas und Gorbatschow, damals hatte die Slawistik eine Konjunktur wie seitdem nie wieder. Ich habe ebenfalls zu jenen gehört, die davon angezogen wurden.“


Sie haben die Sommerschule in Prag erwähnt, das ist ein Sprachkurs für Ausländer, der einen Monat lang dauert. Haben Sie dann vielleicht auch längere Zeit in Tschechien verbracht?


„Immer wieder. Ich bin während der vergangenen Jahre, während ich das Buch geschrieben habe, immer wieder in den Semesterferien in Prag gewesen. Aber nie jahrelang, immer so ein oder zwei Monate. Das war nicht einfach, weil man an viele Materialien aus Deutschland nicht so gut herankommt. Das tschechische Urheberrecht ist sehr streng, und man kann im Internet auf vieles nicht zugreifen. Das heißt, man musste schon nach Prag kommen und die Moderní revue, die 30 Jahrgangsbände umfasst, lesen. Das hat sehr lange gedauert. Entsprechend lang dauerten auch die Arbeiten an meinem Buch, nämlich fast zehn Jahre. Ich war immer mal wieder in Prag. Zudem habe ich in der Nähe von Karlsbad auch Verwandte sowie Bekannte anderswo in Tschechien. Hier herzukommen, lag eigentlich immer relativ nah.“


„Es bestehen relativ wenige Möglichkeiten, bohemistisch zu forschen oder jedenfalls zu unterrichten.“


Wie ist heute die Stellung der Slawistik, und insbesondere der Bohemistik, in Deutschland? Gibt es viele Forschungszentren, an denen man die tschechische Sprache und Literatur studieren kann?


„Die Stellung ist leider nicht stark. Die Slawistik insgesamt hat eigentlich seit Jahrzehnten Probleme und wird – wie die Geisteswissenschaften allgemein – stark reduziert. Die Slawistik trifft es dabei noch stärker als andere Geisteswissenschaften. Das ist nicht zu verstehen, aber die deutsche Wissenschaftspolitik ist da unbelehrbar. Innerhalb der Slawistik ist die Bohemistik natürlich eine relativ kleine Disziplin. Es gibt ein paar Kollegen, die in diesem Bereich sehr wichtige und gute Forschung machen. Im Grunde genommen bildet die Bohemistik keinen richtig großen Schwerpunkt außer in Regensburg, anderswo hat sie leider relativ weniger Studenten. Es bestehen relativ wenige Möglichkeiten, bohemistisch zu forschen oder jedenfalls zu unterrichten. Das ist viel schwieriger geworden, als zu meiner Studienzeit. Wir haben natürlich eine sehr starke Konzentration auf Russisch, ab und zu auch auf Polnisch – aber dahinter kommt lange nichts. Leider ist auch die Bohemistik ein Opfer dieser Politik geworden.“


Hoffentlich trägt auch der Otokar-Fischer-Preis ein bisschen dazu bei, dass sich die Lage verbessert, und die Bohemistik wieder eine bessere Position gewinnt. Herr Stewart, ich danke Ihnen für das Gespräch und gratuliere noch einmal herzlich zur Auszeichnung.

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