Brutalismus mit Scheinkacheln


Der in geradezu surreale Form gegossene rohe Beton und die farblich dem Zeitgeschmack entsprechende blaue „Verkachelung“ erfreuen das Herz eines jeden Freundes brutalistischer Architektur.


Wir stehen vor dem Teplotechna-Gebäude in der Ječná 243/39a in der Prager Neustadt, das nicht jedem Vorübergehendem sofort als Besonderheit auffällt. Man schaue genau hin: Der rohe Beton ist echt, die Keramikkacheln sind es nicht. Die sehen nur so aus. In Wirklichkeit sind es eigens für das immerhin sechsstöckige Gebäude hergestellte Leichtmetallplatten, die mit einer damals neu entwickelten Emailletechnik beschichtet wurden. Die Täuschung ist gelungen! Diese Technik war ein Markenzeichen der darauf spezialisierten Firma Teplotechna, die auf feuerfeste Bautechnologien spezialisiert war. Auch im Kommunismus legten damals Firmen anscheinend auf ein wenig Eigenwerbung wert.

Hier in diesem Büro hatte die Firma nämlich auch ihr Prager Büro. Zusätzlich war (bzw. ist noch) im Erdgeschoss ein Restaurant und in den Obergeschossen ein Hostel untergebracht. Erbaut wurde das Ganze von 1974 bis 1984 von der Architektin Věra Machoninová, die zu den Star-Architektinnen des tschechoslowakischen Brutalismus gehörte, wie wir hier bereits berichteten. Die oben gezeigten feinen Betonstreben und zwei riesige Erker strukturieren dabei die Fassade.

Wirklich ungewöhnlich wird das Gebäude aber durch die scheinbare Verkachelung, deren Wirkung noch durch die surreal wirkenden Betonmuster (großes Bild oben) unterstrichen wird. Dazu hatte die Architektin den renommierten Bildhauer Miloslav Chlupáč herangezogen. Der Beton und die Kacheln geben dem Haus in Form und Farbe das richtige und authentische Feeling der 1970er Jahre – und zwar irgendwie systemübergreifend, denn so etwas wäre in dieser Zeit auch im Westen als avantgardistisch durchgegangen. Und ein wenig in die 1980er weist das Ganze ja auch. Denn wie es bei den Sonnenbrillen der Fall war, die in dieser Zeit Mode wurden, hat man die Glasfenster der oberen Stockwerke silbrig beschichtet. So kann man dann das historistische Gebäude der gegenüberliegenden Straßenseite sich in der Fassade spiegeln sehen. Der Kontrast könnte größer nicht sein. (DD)

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