Das Dreiländereck Entdeckte Seinen Marco Polo

Der Asienreisende Marco Polo ist jedem bekannt. Wer weiß aber, dass in Deutsch Gabel (Jablonné v Podještědí) im 16. Jahrhundert ein ähnlicher Abenteurer lebte?

Rund drei Jahrhunderte nach Marco Polo machte sich der Sohn eines lutherischen Pastors aus Deutsch Gabel, Georg Tektander (1581–1614), auf den Weg von Prag zum persischen Hof. Seine fast vergessene Geschichte wird nun neu ans Licht gebracht. Ondřej Linhart, Doktorand der Wirtschaftsfakultät der Technischen Universität Reichenberg (Liberec), möchte auf den zu Unrecht vergessenen Diplomaten und Reiseschriftsteller aufmerksam machen. Er nahm sich vor, die erste Übersetzung Tektanders Reiseberichts aus dem deutschen Original auszuarbeiten und herauszugeben. „Die Finanzierung sollte ein Crowdfunding ermöglichen“, plant Linhart. „Das in Schwabach gedruckte Buch wurde zu seiner Zeit ein Bestseller“, bemerkt er.

Zwei Jahre unterwegs

Der blutjunge Diplomat Tektander war Mitglied einer Gesandtschaft von Rudolf II. (1552–1612). Dieser war Herzog von Österreich, König von Böhmen und Ungarn sowie Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Ebenjene Gesandtschaft sollte Schah Abbas I. (1571–1629) eine wichtige Depesche überbringen. Darin bat der Habsburger den persischen Herrscher um ein Bündnis gegen die Expansion des osmanischen Reiches. Bei der überaus beschwerlichen und zwei Jahre andauernden Reise kamen all seine Reisegenossen ums Leben, sodass Tektander als einziger zum Schah gelangte und anschließend gesund heimkehrte. „Ich stieß auf eine kurze Notiz über Tektanders Orientreise in einem bei einem Geschichtswettbewerb gewonnenen Wälzer“, erzählt Linhart.

Der Weg führte damals über Moskau, wo der ausländische Gast vom Zaren Boris Godunov empfangen wurde. Der Zar stellte Tektander unter Hausarrest, da dieser die Zustände außerhalb der Stadtmauern nicht wahrnehmen sollte. Man zeigte ihm nur den Prunk des Zarenhofes, nicht aber die triste Realität des wahren Russlands. Aus Tektanders Schilderungen geht allerdings hervor, dass er keineswegs ein objektiver Beobachter war, dem russisch-orthodoxen Glauben stand er ohnehin ablehnend gegenüber.

Letzte zwei Exemplare

Seine Erlebnisse fasste Tektander 1605 in einem packenden Reisebericht zusammen, unter dem sperrigen Titel „Kurtze und wahrhaftige Beschreibung der Reiss von Prag aus, durch Schlesien, Polen, Moscaw, Tartareyen, bis an den Königlichen Hoff in Persien“. Von der Erstausgabe, einer wahren Rarität, blieben lediglich zwei Exemplare erhalten. Eines befindet sich in der ehemaligen Wiener Hofbibliothek, der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek, das zweite beherbergt die Bibliothek des Nationalmuseums in Prag.

Das ursprüngliche Werk mit Zeichnungen von Städten und Bauten zählte 120 Seiten. Die zweite Fassung wurde auf 80 Seiten gekürzt und erschien 1978 in deutscher Sprache unter dem Titel „Eine Abenteuerliche Reise durch Russland nach Persien 1602–1604“. Neben einer Diplomarbeit einer Studentin der Südböhmischen Universität in Budweis (České Budějovice) fand Linhart lediglich einige Leseproben in tschechischer Sprache und eine Übersetzung aus dem Russischen, die 2014 von Pavel Boček mit kritischen Anmerkungen versehen und herausgegeben wurde. „Eine Übersetzung des deutschen Originals gibt es bisher nicht“, bemerkt der Student. Für die tschechische Version sollen seine Freunde – Archivaren und Übersetzer – sorgen.

Von Reisen zum Tee

Linhart selbst war begeistert, wie Tektander über süße Obstsäfte berichtete, die er in Persien trank. Er verband diese Geschichte mit der eigenen kleinen Familienfirma, die gebackene Tees (eine altböhmische Spezialität, Anm. d. Red.) produziert. Hinter der Erzeugung steht vor allem Linharts Mutter Alena, die die Fruchtgetränke aus feinsten nordböhmischen Obstsorten mit Zitronen und Gewürzen zunächst bloß für den Freundeskreis, jetzt auch für Kunden zubereitet. Das kleine Familienunternehmen baut jetzt einen E-Shop auf und packt zu seinen schmackhaften Teesorten in kleinen Gläschen auch ein Heftchen mit Tektanders Erzählung. Der wunderbare Duft der Tees mit poetischen Namen weckt eine Sehnsucht nach dem Orient.

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