Der Abgewiesene


Leoš Janáček (1854-1928) ist bis heute der am meisten aufgeführte tschechische Opernkomponist. Insbesondere seine Oper Das schlaue Füchslein (1924) fehlt in keinem renommierten Opernhaus im Repertoire.


Trotzdem findet man nur wenige Erinnerungen an den großen Komponisten in Prag. Denn der im mährischen Ort Hukvaldy (das, wie der Kundige am Namen erraten wird, im Mittelalter zu den Besitztümern des bedeutenden Geschlechts der Grafen von Hückeswagen gehörte) Geborenene lebte auch die meiste Zeit in Mähren. Mit Prag verband ihn ein eher gespanntes Verhältnis. Mähren ist für den Prager sowieso eher „Provinz“. Das Musikestablishment der Stadt war zudem konservativ und glaubte, dass mit dem großen Nationalkomponisten Bedřich Smetana der endgültige Standard für Musikschaffen erreicht worden sei, und dass ein musikalischer Neuerer und Modernist wie Janáček eher Verwirrung stifte. Es dauerte lange, bis überhaupt Werke des Komponisten in Prag im Nationaltheater aufgeführt wurden.


Das ist heute vergessen und Janáčeks Werke werden hier mit Begeisterung aufgeführt. Dennoch musste der Komponist bis 1984 warten, bis im hier eine Gedenktafel gewidmet wurde. Sie befindet sich über dem Haupteingang des Mietshauses am Karlovo náměstí (Karlsplatz) 319/3 und ist das Werk des Bildhauers Zdeněk Krybus. Der damals durch seine Musiksendungen im Fernsehen bekannte Pianist und Komponist Václav Holzknecht hielt bei der Einweihung eine feierliche Lobrede auf Janáček. Warum hängt die Plakette mit der Portraitbüste ausgerechnet an diesem Haus? Nun, hier verbrachte der junge Komponist seinen einzigen längeren Lebensabschnitt in Prag. 1874 bis 1876 studierte er zunächst zwei Jahre an der Prager Orgelschule und war dann für kurze Zeit Chorleiter des Philharmonischen Vereins Umělecká beseda. Dank dieser Tatsache kann nun heute ein wenig von Janáčeks Ruhm auch auf jenes Prag abfallen, das ihn einst stets abgewiesen hatte. (DD)

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