Die Hinrichtung der Protestantenführer 1621 in Prag


Vor genau 400 Jahren, am 21. Juni 1621, wurden auf dem Altstädter Ring die Anführer eines Aufstandes der böhmischen protestantischen Stände gegen die Habsburger hingerichtet. Bis heute erinnern 27 in das Pflaster eingelassene Kreuze vor dem Altstädter Rathausturm an diese Männer. Mehr über das sogenannte „Prager Blutgericht“ im Interview mit dem Historiker Jan Kilián von der Westböhmischen Universität in Plzeň / Pilsen.


Am 21. Juni 1621 fand auf dem Altstädter Ring ein grausames Spektakel statt: 27 Männer wurden dort öffentlich hingerichtet. Herr Kilián, wer waren diese Herren? Wer hat sie so blutig bestrafen lassen und wofür?


„Im Voraus eine Anmerkung: Ich spreche nicht gerne von einer Hinrichtung. Eine bessere Bezeichnung dafür ist Exekution, denn es handelte sich nicht immer um Gerechtigkeit im juristischen Sinne des Wortes. Die Männer waren zehn böhmische Adelige und siebzehn Bürger. Einige von ihnen waren wirklich Rebellen, einige eher Beamte, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befunden hatten. Kaiser Ferdinand II. ließ sie für den Aufstand gegen seine Regierung bestrafen. Häufig taucht aber auch der Gedanke auf, es habe sich um Rache handelte. Denn die Auseinandersetzungen waren sehr teuer und verletzten Stolz und Ehre, was damals sehr wichtig war.“


„Kaiser Ferdinand II. ließ sie für den Aufstand gegen seine Regierung bestrafen.“


Sie sprechen vom Aufstand der böhmischen Stände. Dieser begann 1618 mit dem bekannten zweiten Prager Fenstersturz. In der Schlacht am Weißen Berg im November 1620 wurden die Stände endgültig geschlagen. Was folgte danach im Land? Begann die Verfolgung der Anführer und Unterstützer des Aufstandes sofort? Wurde unmittelbar ein Gerichtsverfahren gegen sie eingeleitet?


„Zuerst kam die habsburgische Restitution beziehungsweise bayerische Verwaltung des Landes. Es folgte die Flucht der Aufständischen ins Exil. Friedrich von der Pfalz (von 1619 bis 1620 als ‚Winterkönig‘ der Herrscher von Böhmen, Anm. d. Red.) reiste dann nach Schlesien, und ihm folgten auch sein Hof, Landesoffiziere und Befehlshaber wie zum Beispiel Heinrich Matthias von Thurn. Das Gerichtsverfahren begann also nicht sofort. Vier Monate war Ruhe. Es war die Ruhe vor dem Sturm, kann man sagen. Erst im Februar 1621 kam es zu den ersten Verhaftungen, und ab dem Frühling 1621 lief das Gerichtsverfahren, das Fürst Karl von Liechtenstein führte.“


Wann wurden die Urteile gesprochen? Wie lange wussten die Angeklagten, dass der Tod sie erwartet?


„Ich glaube, wie wussten das erst im Juni 1621, nur wenige Tage vor der Exekution. Einige, zum Beispiel die Juristen, erfuhren das nur zwei Tage vorher, also am 19. Juni. Und die Angeklagten hofften oft bis zum letzten Moment auf Gnade. Sie haben keinesfalls mit dem Tod gerechnet.“


Welche weiteren Strafen wurden verhängt? Einigen gelang ja auch rechtzeitig die Flucht ins Ausland. Wie hoch war die Zahl der Bestraften und Betroffenen?


„Das lässt sich nur schwer sagen. 1622 erschien ein sogenannter Generalpardon. Damit war Schluss mit den Todesurteilen. Aber mehrere Tausend Menschen mussten mit ihrem Besitz büßen. Das war die größte Konfiszierungswelle in der böhmischen Geschichte. Einige Menschen wurden zudem des Landes verwiesen, auch sie waren betroffen.“


Was spielte sich konkret in den Morgenstunden des 21. Juni auf dem Altstädter Ring ab?


„Die Exekution war ein wirkliches ‚Theater des Schreckens‘, wie ein bekanntes Buch von Richard van Dülmen heißt. Diese Bezeichnung gilt ganz genau für die Prager Exekution mit ihren vielen Zuschauern. Man kann nicht genau sagen, wie lange alles dauerte, aber es waren mehrere Stunden, wahrscheinlich der ganze Vormittag, von fünf Uhr in der Früh bis zum Mittag. Die Angeklagten wurden einer nach dem anderen auf ein spezielles Podium geführt, 24 von ihnen wurden enthauptet und drei gehängt. Interessant ist auch, dass einige noch etwas sagen wollten. Aber die Trommeln waren absichtlich so laut, dass niemand die Worte verstehen konnte.“


Gegen die Aufständischen wurden Todesurteile verhängt, die Art der Hinrichtung war unterschiedlich. Hatte dies eine Bedeutung?


„Die Exekution war ein wirkliches ‚Theater des Schreckens‘.“


„Das hängt mit der Ehre zusammen. Der Tod mit dem Schwert galt als ehrenwert, gehängt zu werden hingegen nicht so sehr.“


Von den Männern, die vor dem Altstädter Rathaus in Prag hingerichtet wurden, kamen drei aus dem Herrenstand, sieben waren Ritter und 17 Vertreter des Bürgertums. Was wissen wir heute über sie? Waren sie wirklich die wichtigsten Personen des Aufstands?


„Im Herbst erscheint mein Buch über ihre Schicksale. Deswegen kann ich sagen, dass wir die Hingerichteten heute gut kennen – oder zumindest ich. Früher war dem nicht so, sie waren unbekannte Personen. Diese Männer waren keinesfalls die Rädelsführer des Aufstands. Die wichtigsten waren schon tot, zum Beispiel Leonhard Graf Colonna von Fels (Der Feldmarschall wurde in einem Reitergefecht am 13. April 1620 tödlich verletzt, Anm. d. Red.), oder im Exil wie Heinrich Matthias von Thurn. Manche wurden auch begnadigt, weil sie Konnexionen hatten. Die meisten der hingerichteten Männer kannten sich gegenseitig, sie waren zusammen im sogenannten ständischen Direktorium gesessen. Häufig kannten sie sich auch schon von früher, einige waren sogar verwandt.“


Im 17. Jahrhundert gehörten öffentliche Hinrichtungen zum Leben in der damaligen Gesellschaft. Wie außerordentlich war in diesem Kontext die Exekution in Prag?


„Die Exekution in Prag war außerordentlich, aber nur in der Anzahl der Opfer. So viele Menschen waren bis dahin noch nie auf einmal hierzulande hingerichtet worden. 27 Personen, darunter zehn Adelige, zur selben Zeit an einem Ort, das war etwas Spezielles.“


Lässt sich schätzen, wie viele Zuschauer kamen? Welche Motivation hatten die Menschen, sich solch ein blutiges Schauspiel anzusehen?


„Die Augenzeugen behaupten, und auch die ikonographischen Quellen bestätigen, dass der Altstädter Ring voll war. Und die Motivation? Die ist immer die gleiche: vor allem Neugier. Vielleicht gehörte in dem Fall auch die Einzigartigkeit hinzu, denn wer hatte zuvor so etwas schon einmal gesehen?“


Mit der Hinrichtung ging die Schau aber noch nicht zu Ende. Die Köpfe von zwölf Verurteilten wurden zur Abschreckung und Mahnung für zehn Jahre am Altstädter Brückenturm auf lange Stangen gesteckt. Konnten die sterblichen Überreste der Hingerichteten danach bestattet werden?


„Nur im Fall von Joachim Andreas von Schlick. Die anderen Köpfe wurden von böhmischen Exilanten bestattet, und zwar während des sächsischen Einfalls nach Böhmen und Prag 1632. Und die Bestattung war so gründlich und heimlich, dass die Köpfe bis heute nicht gefunden wurden.“


War die Hinrichtung nur ein Vollzug der Urteile oder auch ein Symbol, das etwas zeigen und demonstrieren sollte?


„Solch eine Exekution ist immer auch ein Symbol. Zum Beispiel der Macht der siegreichen Habsburger oder der Intoleranz, des Ungehorsams. Darum auch so viele Zuschauer. Und deswegen war unter den Opfern auch ein Katholik. Seine Schuld war nur gering. Aber seine Exekution war wichtig, damit der Akt nicht als Rache an den Protestanten verstanden wurde.“


„Sie waren keine Märtyrer, sondern nur Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren.“


Wie hat sich diese öffentliche Exekution von 21 Herren im nationalen Bewusstsein verankert? Kann man von einem Mythos oder einer Legende sprechen?


„Schon für die Augenzeugen aus dem protestantischen Lager, für die Menschen des 17. Jahrhunderts handelte es sich um Märtyrer. Dasselbe galt auch zu Ende 19. Jahrhundert für die tschechischen Nationalisten. Die 27 Herren tauchen in der Literatur und in der Malerei auf, es entstanden Legenden. Einige Leute sahen in der Exekution ein Symbol der Unterdrückung durch die Habsburger. Auf jeden Fall dominieren solche Gedanken heute nicht mehr.“


Und wie lautet die heutige Interpretation?


„Das ist verschieden. Meiner Meinung nach waren es keine Märtyrer, sondern nur Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren.“



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