Die Holzkirche von Habrovka



Auf den ersten Blick erinnert das Holzgebäude an eine Bergbaude. Aus irgendeinem mystischen Grund steht es aber im Prager Stadtteil Krč nahe der Metro-Haltestelle Budějovická. Die Rede ist von der St. Franziskus-Kirche, die auch als Kirche von Habrovka bekannt ist. Ihren Namen hat sie von einem einstigen Landhaus, das sich auf dem Grundstück befand. Der ungewöhnliche Sakralbau wurde vor fast genau 80 Jahren errichtet.


Von der Metro-Haltestelle Budějovická der C-Linie sind es zu Fuß nur einige Minuten. Am Stadtamt vorbei geht es durch die Straße Antala Staška, an der zweiten Ecke biegt man nach links in die Straße U Habrovky. Dort steht, fast versteckt in einem Villenviertel, die Holzkirche, die dem Heiligen Franziskus von Assisi geweiht ist. Der Sakralbau ist von Grün umgeben im Stadtteil Dolní Krč. Stanislav Verhaut stammt von dort und kennt sich nicht nur in der Geschichte der beachtenswerten Kirche, sondern auch dieses Prager Stadtteils gut aus. Er hat bereits einige Bücher zu dem Thema geschrieben. Die Ortschaft Krč sei von den Kanonikern vom Vyšehrad im zwölften Jahrhundert gegründet worden, sagt er. Seit fast 100 Jahren gehört Krč aber bereits zu Prag.


„Am 1. Januar 1922 wurde Krč von Groß-Prag eingemeindet – als Teil des 14. Stadtbezirks. Damals hatte Krč etwa 3700 Einwohner. Wegen der guten wirtschaftlichen Lage stieg die Zahl der Bewohner schnell an, die am Stadtrand von Prag lebten. Dies galt auch für Krč. Ich habe einige alte Fotografien, die zeigen, wie es hier in den 1920er Jahren ausgesehen hat. Bevor 1926 mit dem Bau der Masaryk-Sozialanstalt begonnen wurde (heute Thomayer-Uni-Klinik, Anm. d. Red.), standen an dem Ort nur einige Villen und ein paar zweistöckige Mietshäuser.


Hier vor der Kirche, wo wir jetzt stehen, gab es damals einige Straßen. Sie hießen U krčské vodárny (Am Wasserturm von Krtsch, Anm. d. Red.) 1 bis 4. Etwa 300 Meter von hier befand sich nämlich ein Wasserturm. Es war der erste Wasserturm aus Eisenbeton in Mitteleuropa. Er wurde jedoch nur kurze Zeit lang genutzt, denn schon bald wurde ein neuer Wasserturm im Stadtteil Michle in Betrieb genommen. Dieser ist nach einem Entwurf des namhaften Architekten Jan Kotěra erbaut.“


Keine Kirche für die Einwohner von Krč


Doch zurück zur Geschichte der Kirche. Bis ins 17. Jahrhundert hatten die Bewohner von Krč die Möglichkeit, die romanische Kirche im naheliegenden Michle zu besuchen. 1701 brannte diese jedoch vollständig ab. In Krč gab es ansonsten nur die St.-Anna-Kapelle, die aber sehr klein war. Eine weitere Kapelle befand sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zudem im damaligen Heim für taubstumme Frauen. Das Heim wurde vom katholischen Frauenorden der Schwestern von Notre Dame verwaltet. Bei der Entstehung der neuen Kirche in Krč habe der Jesuitenpater František Krus eine wichtige Rolle gespielt, erzählt Stanislav Verhaut:


„Er war Professor an der Universität in Innsbruck. Krus hielt Vorträge über Theologie, Philosophie und auch Soziologie. Nach der Entstehung der Tschechoslowakischen Republik kehrte er nach Böhmen zurück. Der Pater hatte eine besondere Empathie für sozial Benachteiligte. Deshalb wurde er am Stadtrand von Prag mit der Hilfe für sozial Schwache beauftragt. Zudem organisierte er auch die Seelsorge für diese Menschen. Damals entstand der Gedanke, eine Kirche für die Bewohner von Krč zu bauen. Krus initiierte die Entstehung eines Vereins für den Kirchenbau. Zunächst mussten die Vereinsmitglieder eine Finanzierungsmöglichkeit für den Sakralbau und ein entsprechendes Grundstück finden.“


Dies war in den 1930er Jahren. Ein Teil des Grundstücks, auf dem die Kirche heute steht, wurde von einem der Vereinsmitglieder geschenkt. Vier Architekten unterbreiteten ihre Entwürfe für den Bau einer Kirche, die bis zu 1500 Menschen fassen konnte. Von den Entwürfen ist ein einziger im Archiv erhalten, erzählt Stanislav Verhaut:


„Diese Kirche sollte 66 Meter lang und mehr als 26 Meter breit sein. Die Türme wären 47 Meter hoch geworden. Es handelte sich also nicht gerade um einen kleinen Bau. Das Projekt war zudem sehr teuer. Aus verschiedenen Gründen wurde der Beginn der Bauarbeiten immer wieder hinausgeschoben. Anfang 1941 trat eine Verordnung in Kraft, mit der der Bau neuer Gebäude auf dem ganzen Gebiet des ,Protektorats Böhmen und Mähren‘ verboten wurde. Das hieß auch, dass keine neue Kirche entstehen konnte.“



Nazis verboten Neubauten


Der Plan für den Kirchenbau in Krč wurde jedoch nicht aufgegeben. Dies sei das Verdienst des renommierten tschechischen Architekten und Stadtplaners Emanuel Hruška gewesen, erzählt Stanislav Verhaut.


„Hruška war Professor an einigen Hochschulen. Nach der Schließung der tschechischen Hochschulen durch die Nationalsozialisten begann er, in der Planungskommission des Prager Magistrats zu arbeiten. Dadurch stand er mit dem Verein für den Bau der Kirche in Krč in Kontakt. Da Hruška wusste, dass ein Neubau nicht genehmigt werden konnte, arbeitete er einen speziellen Entwurf für einen Holzgebäude aus. Das Vorhaben wurde als ,Umsetzung einer abmontierten Bergbaude auf eine Baustelle in Krč‘ bezeichnet.“


Im Oktober 1941 standen dem Experten zufolge binnen zwei Wochen die Fundamente und die Sakristei. Der Verein vereinbarte mit dem „Orden der Kreuzherren mit dem Roten Stern“, dass dieser den Bau unterstützt. Der Orden besaß damals noch einige Wälder und Sägewerke und lieferte die Holzbalken für die künftige Kirche.


„Am 8. Dezember 1941 wurde hier vor Ort mit dem Bau begonnen. Handwerker wie Zimmerer, Klempner sowie Installateure arbeiteten intensiv daran. Am 24. Dezember um 16 Uhr wurde der Kirchenraum geweiht. Einige Stunden später, nämlich um Mitternacht, wurde hier der erste Gottesdienst gefeiert. Dabei erklang Rybas Hirtenmesse. In diesem Jahr begeht die Kirche ihren 80. Geburtstag.“



„Provisorische Kirche“ feiert 80 Jahre


Der Verein, der den Kirchenbau initiierte, traf nach Kriegsende noch einige Mal zusammen. Dann wurde er vom kommunistischen Regime aufgelöst. Die Vereinsmitglieder betonten immer, dass die Franziskus-Kirche nur ein provisorischer Bau sei. Mittlerweile steht sie aber unter Denkmalschutz.


Stanislav Verhaut hat eine enge Beziehung zur Kirche in Krč:


„Ich bin in dem Stadtteil aufgewachsen. Als Kind war ich hier Ministrant. Und meine Eltern haben sich am Bau der Kirche beteiligt. Darum ist sie für mich eine Herzensangelegenheit.“


Am Interieur der Kirche hat sich in den vergangenen 80 Jahren nicht viel geändert. Die einzige Ausnahme ist der Altar: Dieser stammte ursprünglich aus einer Kapelle der Ignatius-Kirche in Prag.


„Der Altar war schon vor der Errichtung der Holzkirche in einem der Nachbarhäuser eingelagert. Auch das Harmonium wurde bereits früher gekauft. Interessant ist, dass der Verein in den 1930er Jahren erklärte, er habe die notwendigen finanziellen Mittel für den Kirchenbau gesichert. Das Einzige, womit er nicht rechnen konnte, war ein Verbot von Neubauten. Die Bewohner von Krč haben sich mittlerweile aber an ihre Holzkirche gewöhnt. Heute reicht ihre Kapazität eigentlich auch aus.“


Auf dem Grundstück steht außer der Kirche noch ein Saal, den der Verein einst errichten ließ.



„Dort fanden Sitzungen, Film- und Theatervorstellungen sowie Diskussionen statt. Auf diese Weise versuchte der Verein, finanzielle Mittel zusammenzutragen. Viele der Menschen, die sich im Verein engagierten, habe ich noch persönlich gekannt. Während der kommunistischen Zeit wurde der Saal in ein Lager für medizinisches Material umgewandelt. Die Pfarrgemeinde bekam den Raum aber 1990 zurück.“


Im Garten bei der Franziskus-Kirche wird auch in diesem Sommer das Festival Habrovka veranstaltet. Dabei wird den Veranstaltern zufolge Kultur präsentiert, die nicht zum Mainstream gehört.


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