„Die Rückkehr war wirklich bewegend“ – Prager Opernchef Hansen über die Öffnung nach der Pandemie


Wegen der Corona-Pandemie waren alle Theater in Tschechien für mehrere Monate geschlossen. Erst vor kurzem wurden sie allmählich wieder geöffnet. Dies gilt auch für die Prager Opernbühnen. Per Boye Hansen ist künstlerischer Leiter der Opernensembles des Prager Nationaltheaters und der Staatsoper. Martina Schneibergová hat mit ihm über die Wiedereröffnung sowie die Pläne für die nächste Spielzeit gesprochen.


Herr Boye Hansen, die Opernfans haben endlich wieder die Möglichkeit, Vorstellungen im Theater zu besuchen. Was alles steht in den nächsten Tagen hier in Prag auf dem Programm?


„Es ist kaum zu glauben, dass wir jetzt im Juni wieder spielen dürfen. Wir haben mit ‚Tosca‘, der ‚Verkauften Braut‘ und ‚Rusalka‘ angefangen. Jetzt stehen noch zwei Vorstellungen von ‚La traviata‘ und erneut der ‚Verkauften Braut‘ auf dem Programm. Wir haben auch einige Konzerte vorbereitet. Am Sonntag, 20. Juni, veranstalten wir ein solches im Rahmen der Reihe ‚Musica non grata‘. Dann gehen wir auf ein Dampfboot auf der Moldau und werden an unterschiedlichen Orten Konzerte geben. Diese finden am 19. und am 26. Juni statt. Ein paar Dinge stehen also noch aus, aber natürlich bereiten wir uns schon intensiv auf die neue Spielzeit vor, denn da kommt eine Premiere nach der anderen.“


Noch eine Frage zu den Konzerten mit dem Titel „Národní na vodě“ (Das Nationaltheater auf dem Fluss): Wo überall können die Zuschauer sie hören?


„Es gibt jeweils drei Haltestellen. Anfangen werden wir um 20 Uhr an der Schützeninsel (Střelecký ostrov, Anm. d. Red.), dann geht es Richtung Rašinovo nábřeží, und die dritte Haltestelle ist das Hořejší nábřeží. Wir werden ein sehr populäres Programm mit einigen Kostproben der nächsten Spielzeit anbieten. Diese wird mit ‚Rigoletto‘ und ‚Don Giovanni‘ eröffnet. und es folgt ‚Der Barbier von Sevilla‘.“


In der nächsten Spielzeit rechnen Sie sogar mit elf Premieren. Wurden diese Neuinszenierungen teilweise schon während der Corona-Pandemie einstudiert?


„Ja. Wir werden elf Neuinszenierungen anbieten, dies ist, meine ich, eine Rekordzahl. Das hängt mit der Corona-Zeit zusammen. Denn wir haben in der laufenden Spielzeit fünf Vorstellungen vorbereitet, und das teilweise bis zur Generalprobe. Zwei davon – ‚Don Giovanni‘ und ‚Rigoletto‘ – wurden vom Tschechischen Fernsehen ausgestrahlt. Dazu kommen noch weitere Stücke. Mit ‚Don Giovanni‘ eröffnen wir einen Da-Ponte-Zyklus. Diesen setzen wird im Januar 2022 mit ‚Così fan tutte‘ fort, dann folgt in der Spielzeit drauf ‚Figaros Hochzeit‘. Im Rahmen der Reihe ,Musica non grata‘ werden drei Opern aufgeführt. Es sind Werke jüdischer Komponisten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Wir fangen an mit einem Abend mit Kurt Weills ,Sieben Todsünden‘ und Arnold Schönbergs ,Erwartung‘. Im März 2022 wird Franz Schrekers Oper ,Der ferne Klang‘ aufgeführt, die wir schon in dieser Spielzeit einzustudieren begannen. Am Ende der Spielzeit bieten wir etwas ganz Besonderes an. Das ist eine Oper von Erwin Schulhoff, die ;Flammen‘ und auf Tschechisch ,Plameny‘ heißt. Sie wurde auf Tschechisch in den 1930er Jahren in Brünn uraufgeführt. Seitdem ist die Oper nie wieder hierzulande gespielt und auch nicht auf Tschechisch aufgeführt worden. Sie wurde später von Max Brod ins Deutsche übersetzt und einmal oder zweimal so auch gespielt. Bei uns handelt es sich also fast um eine Uraufführung. Die Oper ist wunderbar, mit einer sehr reichen Partitur, eine moderne Don-Giovanni-Adaption. Zudem werden Neuproduktionen von populären Opern wie Rossinis ‚Barbier von Sevilla‘ und Bizets ‚Carmen‘ folgen. Diese wurde auch während der Corona-Zeit einstudiert. Und nach langer Zeit spielen wir wieder ein Werk von Richard Wagner – im Januar 2022 planen wir den ‚Fliegenden Holländer‘. In der Woche drauf folgt eine der schönsten tschechischen Opern: ‚Katja Kabanowa‘. Zudem werden wir eine ganze neue und etwas freche Version der ‚Verkauften Braut‘ aufführen. Regie hat die Filmregisseurin Alice Nellis.“


Mit welchen Regisseurinnen und Regisseuren arbeiten Sie ansonsten zusammen?


„Ich glaube, wir haben interessante Persönlichkeiten angesprochen. Barbora Horáková, die aus Prag stammt und hier studiert hat, aber dann eine internationale Karriere gemacht hat, kommt zurück. Sie hat die Regie von ‚Rigoletto‘ und anschließend beim Abend mit Kurt Weill und Arnold Schönberg. Calixto Bieito war schon hier und hat die ‚Katja Kabanowa‘ eingeprobt. Er wird auch für die Neuproduktion von ,Plameny‘ zuständig sein. Eine junge deutsche Regisseurin, mit der ich früher schon zusammengearbeitet habe und die ich sehr schätze, Tatjana Gürbaca, hat die Regie bei ‚Così fan tutte‘. Und für den ,Barbier von Sevilla‘ haben wir eine gebürtige Tschechin als Regisseurin engagiert: Magdalena Švecová.“



Können sich die Opernfans auf neue Ensemblemitglieder freuen, oder dürfen Sie das noch nicht verraten?


„Ich bin sehr stolz darauf, dass der junge tschechische Tenor Petr Nekoranec Mitglied des Opernensembles wird. Auch gab es schon einige Solistinnen und Solisten, die in der laufenden Spielzeit engagiert wurden, aber die kaum die Gelegenheit hatten, sich vorzustellen. Dazu gehören der junge tschechische Bariton Lukáš Bařák und der slowakische Bariton Pavol Kubáň, der den ‚Don Giovanni‘ singt. Die isländische Mezzosopranistin Arnheiður Eiríksdóttir ist ebenfalls Ensemblemitglied geworden. Petr Nekoranec war zuvor in Stuttgart, er wird weiterhin seine internationale Karriere entwickeln. Bei uns hat er zwei große Premieren: Er singt Almaviva im ‚Barbier von Sevilla‘ und Ferrando in ‚Così fan tutte‘.“


Wer wird im „Fliegenden Holländer“ singen?


„Da kommt ein deutscher Gast nach Prag. Den Name darf ich hier aber noch nicht verraten. Das Stück spielt in Norwegen. Wir haben als Regisseur den Norweger Ole Anders Tandberg engagiert, der in vielen Opernhäusern Europas bekannt ist.“


Melden sich die Opernfans nach einer so langen Pause wieder? Ist zu spüren, dass sie sozusagen lange „fasten“ mussten?


„Die Stimmung an den Abenden ist immer fantastisch. Man merkt sofort, dass die Leute sich wahnsinnig freuen, wieder im Haus zu sein. Nach den Vorstellungen gibt es Standing Ovations, Jubel. Ich glaube, das ist wie eine Liebe, die neu aufblüht. Als ich zum ersten Mal nach der Pause wieder im Theater sein konnte, war das wirklich bewegend, sehr emotional.“

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