Eisenbahnparadies und noch mehr


Hier erwacht das Kind im Manne! Das Königreich der Eisenbahn (Království Železnic) verspricht schon im Namen, ein Paradies für die Freunde des Eisenbahnmodellbaus zu sein. Und das ist die riesige Dauerausstellung in der Stroupežnického 3181/23 im Stadtteil Smíchov (Prag 5) auch – und noch mehr.

Mit 1008 Quadratmetern handelt es sich um die größte Ausstellung ihrer Art in ganz Mitteleuropa. Das ist auch die Folge von einigen Erweiterungen, denn als das Ganze im Juli 2009 durch den Betreiber und Besitzer Rudolf Pospíšil eröffnet wurde, waren es „nur“ 115 Quadratmeter. Heute umfasst schon alleine die größte der Landschaftsanlagen mit ihren Eisenbahnmodellen (im Maßstab 1:87) ganze 459 Quadratmeter. In den Modelllandschaften befinden sich mehr als 30.000 menschliche Figuren. Man möchte mit den statistischen Superlativen gar nicht mehr aufhören. Und die Räumlichkeiten verfügen noch über viel Platz zum weiteren Ausbau, so dass in nicht allzu langer Zeit mit noch mehr Attraktionen zu rechnen ist.

Die Landschaften werden im 20-Minuten-Takt von Tag auf Nacht und zurück geschaltet. Die Beleuchtungseffekte in der künstlichen Nacht sind durchaus spektakulär. Zudem sind die einzelnen Anlagen landschaftlich verschiedenen tschechischen Regionen nachemfunden. Hier sieht man die Prager Burg bei Nacht über den Gleisen. Aber auch abgelegenere Regionen Tschechiens kommen zum Zuge, sodass man en passant auch noch ein wenig Länderkunde verpasst bekommt.

Fast alle Züge kann man per Knopfdruck in Gang setzen, und nicht nur sie. Es gibt unzählige „Nebenszenen“. Man kann grasende Tiere in Gang setzen oder Seilbahnen in die Höhe und wieder hinunter schicken, man kann Tanzparties am Strand beginnen lassen und Lichter in Gebäuden entfachen. Erhöhte Podeste mit TReppen ermöglichen den Besuchern den Überblick.

Also: Bitte viel Zeit nehmen, denn man kann in dieser Riesenausstellung stundenlang immer mehr liebevoll gemachte Details entdecken. Die Erstellung einer solchen Anlage mit Gleisen, Landschaft und sonstiger Ausstattung soll zwischen 9 und 12 Monaten dauern, heißt es. Rechts sieht man eine dramatische Randszene mit einem Eisenbahnunglück, bei dem wohl ein umfallender Kran den Zug zum Entgleisen brachte. Nun schwirrt ein gelber Rettungshubschrauber über dem Unfallort, während Autofahrer mit der Weiterfahrt zu warten haben





Aber es gibt noch mehr. Große Infotafeln – leider meist in Tschechisch – informieren über die Geschichte der (historisch-realen) Eisenbahn und ihre Entwicklung in Böhmen und Tschechien. Man erfährt ebenso recht viel über die Modellbautechnik. Einzelne Modelle sind auch in Vitrinen ausgestellt, damit man sie ganz aus der Nähe beäugen kann.


Neben dem Fokus auf Modelleisenbahnen beinhaltet die Ausstellung auf eine gigantische Sammlung verwandter Modelle und Spielwaren. So gab es in den Zeiten des Kommunismus so etwas wie eine tschechoslowakische Version der im Westen bekannten Carrera Autorennbahn. Die Firma Faro, die aus einer alten (1905 gegründeten) Traditionsfirma entstanden war und später verstaatlicht wurde, lancierte 1968 (fünf Jahre nach Carrera) ein ähnliches System, das anscheinden qualitativ gar nicht schlecht war. Jedenfalls hat die nunmehr wieder private Firma locker den Untergang des Kommunismus verkraftet und erfreut sich weiterhin im Lande großer Beliebtheit. Aber auch andere Modellbaufirmen werden ausführlich vorgestellt.

In den Nebenräumen des zweistöckigen Areals der Ausstellung verwandelt sich das Ganze streckenweise zu einem den Modellbau-Sektor transzendierenden und veritablen Spielzeugmuseum. Es gibt alles von Holzspielzeug, Papierschnitten oder die links gezeigten Puppen, Puppenstuben und Puppenwägen, die teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammen. Obwohl das nur ein Nebenaspekt der Königreiches der Eisenbahnen ist, wäre manches normale Spielzeugmuseum froh, solch eine große Sammlung dieser Art zu besitzen.




Ein kleiner Shop, der eisenbahnbezogene Spielwaren und Modelle verkauft, rundet das Angebot des Museums ab, das – wie gesagt – dem Besucher viel Zeit abverlangt, weil es so viel bietet. Das erfährt man noch einmal, wenn man die eigentliche Ausstellung verlässt und dabei die damit verbundene Ausstellung eines riesigen interaktiven Modell der Stadt Prag, wie sie sich in den 1980er Jahren präsentierte. Mit rund 116 Quadratmeter (im Maßstand 1:1000) handelt es sich wiederum um ein Stück der Superlative. Ursprünglich wurde es für die Stadt Prag entwickelt, die es für realistisch angelegte Planungszwecke verwenden wollte. Der Stadt gehört es immer noch, aber hier bei den Modelllandschaft des Königreiches hat es den richtigen Standort für die Öffetlichkeit gefunden.

Erschöpft, aber gebildeter und gut unterhalten, verlässt man am Schluss das Gebäude. Man wird wohl irgendwann noch einmal hingehen müssen, um wirklich alles geistig verarbeiten zu können, was man da so gesehen hat. (DD)

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