Eklektik mit Hubertus


Heute ist der 30. Mai und damit der Tag des Heiligen Hubertus. Hier in der Na Švihance 1476/1 im Stadtteil Vinohrady kniet er reumütig vor dem Hirschen mit dem Kreuz im Geweih, den Gott ihm geschickt hat, damit er endlich seiner mordgierigen Jagdfreude abschwöre und zum frommen Menschen werde. Dem Rat folgte Hubertus bekanntlich, was ihm immerhin am Ende sogar den Bischofstitel von Lüttich einbrachte. Reue und Einkehr lohnen sich also.


Das dreistöckige Haus an dessen Fassade sich der Hubertus in Stuck auf Höhe des ersten Stockes unter einem kleinen Baldachin befindet, ist ein Meisterwerk des Historismus in seiner eklektischen Ausprägung. In anderen Worten: Es wurden in phantasiereicher Mischung verschiedene historische Stile miteinander kombiniert. Erbaut hat das Gebäude direkt neben dem Rieger Park (Riegrovy sady) in den Jahren 1907/08 der Architekt Alois Zima, dessen bekanntestes Gebäude in Prag wohl die ebenfalls historistische Hussitenkirche aus dem Jahr 1927 in Dejvice ist. Die Aussicht über den Park dürfte von den oberen Stockwerken aus umwerfend sein.


Müsste man es typisieren, wäre Zimas Haus hier ein Beispiel für Neogotik-Neorenaissance-Neobarock. Aber das wäre natürlich viel zu akademisch gedacht, denn es ging wohl nicht um die Reinheit des Stils, sondern um einen besonders einmaligen und überwältigenden optischen Gesamteindruck, um eine romantsiche Imagination von Vergangenheit. Und das ist Zima sicherlich gelungen.


Der knieende Hubertus mit dem Hirschen ist eindeutig im Barockstil gehalten und er kommt dem Prag-Kenner auch irgendwie doch schon recht bekannt vor. In etwas abgewandelter Form (z.B. spiegelverkehrt) scheint er nämlich dem wohl berühmtesten Hubertus-Abbild in Prag nachempfunden zu sein, der vom Bildhauer Ferdinand Maximilian Brokoff um 1723 geschaffenen Skulptur am Haus zum goldenen Hirschen (dum u zlatého jelena) auf der Kleinseite, die wir bereits in diesem früheren Beitrag hier vorgestellt haben.





Aber Barock ist eben nicht das Einzige, was Zima in die Gestaltung des Hauses gepackt hat. Die Turmaufbauten und die über dem Hubertus befindliches Sonnenuhr lehnen sich an an spätmittelalterliche Architektur an, sind also auf sehr romantische Art neogotisch gehalten. Der Giebel zur Na Švihance hin sowie zahlreiche Ornamente rund um die Erker zitieren wiederum die böhmische Renaissance.


Und überall kreuchen und fleuchen auf der Fassade ganz im Stil gotischer Kirchenausstattung seltsam groteske Tiere und Ungeheuer herum. Dazu zählt der Drache, den man oberhalb rechts sieht, aber auch eine Reihe putziger Krähen oder Raben, die sich überall verteilen. Kurz: Das ist mal wieder eines jener schönen Häuser in Prag, vor denen man lange verweilen kann, um immer wieder etwas Neues zu entdecken. (DD)


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