French Open: Krejčíková holt zwei Titel und verblüfft mit intelligentem Spiel


Das tschechische Damentennis hat schon viele hervorragende Spielerinnen hervorgebracht. Doch wohl noch nie ging der Stern einer Tennisspielerin aus dem Herzland Europas so schnell auf wie in den vergangenen zwei Wochen. Denn da hat die 25-jährige Barbora Krejčíková die French Open gerockt wie lange keine zweite Akteurin vor ihr: Sie gewann die Titel im Einzel und Doppel der Frauen.

Im Klubheim der Tennisanlage im mährischen Ivančice kannte der Jubel am Samstagnachmittag keine Grenzen, als der letzte Ball im Pariser Finale des Damen-Einzel gespielt war. Denn es war der Matchball von Barbora Krejčíková, den sie erfolgreich zum Drei-Satz-Sieg über die Russin Anastasia Pawlyuchenkova verwandelte. In der rund 10.000 Einwohner zählenden Kleinstadt nahe Brno / Brünn ist Krejčíková aufgewachsen, und dort hat sie auch das Tennisspiel erlernt. Doch während zirka 20 ihrer Fans aus Ivančice vor dem Fernsehgerät im Klubheim bei jedem Ballwechsel mitfieberten, verkrümelte sich Barboras erster Trainer lieber auf den Hauptplatz der Tennisanlage. Gegenüber dem Tschechischen Rundfunk gestand der 78-jährige Antonín Ondra:


„Ich habe einfach nicht mehr die Nerven dafür. Ich verfolge den Spielverlauf online auf meinem Handy, aber auch das halte ich nicht lange durch, weil meine Hände zittern. Ich kenne Barbora aus ihrer Kindheit und fühle mich wie ihr Großvater. Doch zu Hause vor dem Bildschirm bin ich ebenso unruhig, wenn sie spielt. Mein Gott, was macht sie gerade...“


Krejčíková-Fan František: „Von Anfang an haben wir hier daran geglaubt, dass sie Großes schaffen kann. Barbora war immer eine gute Tennisspielerin, und deswegen hat sie jetzt auch dieses Grand-Slam-Turnier gewonnen.“


Bei seinem letzten Satz schaute Ondra wieder auf sein Handy – es war wohl zum Zeitpunkt des zweiten Satzes, den Krejčíková mit 2:6 verlor. Doch die Brünnerin hatte den ersten Satz mit 6:1 gewonnen, und auch im dritten Satz behielt sie mit 6:4 das bessere Ende für sich. Nach knapp zwei Stunden riss auch Ex-Trainer Antonín Ondra jubelnd die Arme nach oben, während im Klubheim die Siegesfeier begann. Fan František hatte keinen Zweifel am Triumph von Krejčíková:


„Von Anfang an haben wir hier daran geglaubt, dass sie Großes schaffen kann. Barbora war immer eine gute Tennisspielerin, und deswegen hat sie jetzt auch dieses Grand-Slam-Turnier gewonnen.“

Doch bis es soweit war, mussten sich auch Krejčíkovás Fans lange in Geduld üben. Und als im Februar dieses Jahres die Australian Open zu Ende gingen, war einmal mehr deutlich geworden: Barbora Krejčíková ist in erster Linie eine hervorragende Doppel-Spielerin. Zusammen mit ihrer kongenialen Partnerin Kateřína Siniaková stand sie zum dritten Mal im Endspiel des Damen-Doppels in einem Grand-Slam-Turnier, auch wenn sie zusammen mit ihrer Landsfrau diesmal die erste Finalniederlage einstecken musste. Dafür trumpfte Krejčíková im Mixed umso eindrucksvoller auf: An der Seite des US-Amerikaners Rajeev Ram, mit dem sie schon 2019 erfolgreich war, gewann sie diesen Wettbewerb in Melbourne zum dritten Mal in Serie. Ein solcher Hattrick war vor ihr nur der berühmten Australierin Margaret Court gelungen.


Im Einzel allerdings schienen die Trauben für Krejčíková einfach zu hoch zu hängen. Im März erreichte sie in Dubai zwar ihr zweites Finale bei einem WTA-Turnier, doch sie verlor es wie schon 2017 in Nürnberg. Bei der Generalprobe zu den French Open, dem Turnier in Straßburg, aber bewies sie ihre aufsteigende Form: Sie gewann ihren ersten Einzel-Titel auf der WTA-Tour, im Finale behauptete sie sich gegen die Rumänin Sorana Cirstea zweimal mit 6:3.


Dies war gewiss der Grundstein für Krejčíkovás jetzigen Triumph in Paris. Beim Sandplatz-Klassiker übersprang sie in souveräner Manier eine Hürde nach der anderen. Bei ihren sechs Siegen bis zum Finaleinzug gab sie nur zwei Sätze ab und glänzte mit einer spielerischen Lockerheit, wie man sie schon lange nicht mehr im Damentennis gesehen hat. Für ihren Durchmarsch hielt die 25-Jährige danach eine scheinbar logische Erklärung parat:


„Wissen Sie, was für mich in den letzten acht, neun Monaten das Wichtigste war, bevor ich hier in Paris an den Start ging? Ich habe gelernt, das Tennis zu genießen. Man darf sich nicht ständig den Kopf darüber zerbrechen, ob man gewinnt oder verliert, ob man gut oder schlecht spielt, sein Aufschlagspiel durchbringt oder es verliert. Man muss wirklich jeden Moment auf dem Platz auskosten.“


Trotzdem ist es wohl in besonderen Momenten nicht ganz leicht, seine Nerven wirklich im Zaum zu halten. Zum Beispiel in der Endphase des dramatischen Halbfinalduells mit der Griechin Maria Sakkari, als der Hauptschiedsrichter ihr beim Stand von 8:7 im dritten Satz die Bestätigung ihres erfolgreichen Matchballs verwehrte. Der Linienrichter hatte einen Ball von Sakkari „Aus“ gegeben, der Umpire diesen anschließend aber überstimmt. Und dies, obwohl die bei den French Open weiterhin nicht genutzte Technik des Hawk Eyes die Entscheidung des Linienrichters bestätigte. Krejčíková aber ließ sich auch davon nicht aus der Fassung bringen und verwandelte prompt ihren nächsten Matchball zum 2:1-Satz-Sieg. Danach erklärte sie:


„Ich habe das Glück, nach meinem Vater zu kommen. Er war ein in sich ruhender Mensch, ich habe seine Gene. Als früher Ivan Lendl Tennis gespielt hat, zeigte er immer eine versteinerte Miene. Aber er spielte gut und war erfolgreich. Ich bin froh, dass ich eine ähnliche Veranlagung habe. Meine Gegnerinnen dürfte das ziemlich stören.“


Ivan Lendl bei den Herren und Martina Navrátilová bei den Damen waren in der ehemaligen Tschechoslowakei zwei Fixsterne am Tennishimmel. Ihre größten Erfolge feierten sie jedoch erst, nachdem sie das Land verlassen hatten und in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren. Doch sie blieben große Vorbilder für die nachrückenden Generationen hierzulande. Dies ist Navrátilová auch für die neue Tennisqueen – und Krejčíková freute sich riesig, als sie ausgerechnet von ihrem Idol als erstes in Paris geehrt wurde:


Barbora Krejčíková: Ich habe gelernt, das Tennis zu genießen. Man darf sich nicht ständig den Kopf darüber zerbrechen, ob man gewinnt oder verliert, ob man gut oder schlecht spielt, sein Aufschlagspiel durchbringt oder es verliert. Man muss wirklich jeden Moment auf dem Platz auskosten.“


„Das war sehr angenehm, von ihr den Siegerpokal überreicht zu bekommen. Sie ist schließlich eine geborene Tschechin, wir kennen uns, und wir haben beim Zeremoniell auch ein paar Worte miteinander gewechselt. Sie war hocherfreut, dass mir dieser Triumph gelungen ist.“


In einem Exklusiv-Interview für den Tschechischen Rundfunk bestätigte es Navrátilová dann auch:


„Natürlich bin ich sehr stolz auf Barbora, vor allem darüber, wie sie sich die zwei letzten Wochen hier in Paris präsentiert hat. Sie wirkt sehr aufgeräumt, das ist wirklich speziell. Und auch ihre intelligente Interpretation des Tennis unterscheidet sich völlig von der Spielweise der meisten Gegnerinnen. Besonders erstaunlich aber ist, wie schnell sie den Gipfel erstürmt hat. Es war erst ihr fünftes Grand-Slam-Turnier im Einzel. Ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich denke, dass sich bei ihr die Unterstützung von Jana Novotná nun auszahlt. Und das sowohl bezogen auf ihr verbessertes Tennisspiel als auch auf ihre starke Mentalität.“


Mit Jana Novotná nannte Navrátilová nicht nur die frühere tschechische Top-Spielerin, die 1998 das Damen-Einzel von Wimbledon gewann, sondern auch eine von Krejčíkovás ehemaligen Trainerinnen. Leider endete die rund dreijährige Zusammenarbeit schon im Jahr 2017, als Novotná an Krebs starb. Barbora Krejčíková aber machte keinen Hehl daraus, dass auch ihre Ex-Trainerin einen großen Anteil an ihrem kometenhaften Aufstieg hat. Daher ging nach dem siegreichen Matchball im Finale ihr erster Blick zum Himmel.


Barbora Krejčíková ist die 55. Gewinnerin der French Open seit 1968, als das Grand-Slam-Turnier von Paris für die Profis freigegeben wurde. Dank ihres Sieges schob sie sich in der Einzel-Weltrangliste von Platz 33 auf Rang 15 vor, dies ist die beste Platzierung in ihrer bisherigen Karriere. Damit nimmt sie unter den Tschechinnen den dritten Rang ein hinter Karolína Plíšková und Petra Kvitová. Für ihren Titel kassierte sie ein Preisgeld von 1,4 Millionen Euro.


Martina Navrátilová: „Barbora wirkt sehr aufgeräumt, das ist wirklich speziell. Und auch ihre intelligente Interpretation des Tennis unterscheidet sich völlig von der Spielweise der meisten Gegnerinnen. Besonders erstaunlich aber ist, wie schnell sie den Gipfel erstürmt hat.“


Doch damit nicht genug. Denn in Stade Roland-Garros war Krejčíková auch im Damen-Doppel und im Mixed am Start und musste lediglich im gemischten Doppel ihre einzige Niederlage hinnehmen. Mit ihrer tschechischen Landsfrau Kateřína Siniaková aber eilte sie ebenso eindrucksvoll von Sieg zu Sieg. Beide Tschechinnen gewannen schließlich das Finale gegen das amerikanisch-polnische Duo Bethanie Mattek-Sands und Iga Swiatek mit 6:4 und 6:2. Damit wiederholten sie ihren Triumph von 2018. Und Krejčíková ist so auch nach der Französin Mary Pierce im Jahr 2000 die erste Spielerin, die das „Double“ beim Sandplatz-Klassiker in Paris gewonnen hat. Dadurch ist die Brünnerin im Doppel auch wieder an die Spitze der Weltrangliste zurückgekehrt.

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