Gesundheitsministerium beendet Zusammenarbeit mit Corona-Expertengruppe MeSES


Die epidemiologische Lage in Tschechien verbessert sich von Tag zu Tag. Das Gesundheitsministerium ist daher offenbar der Meinung, die schlimmsten Auswirkungen der Corona-Pandemie überstanden zu haben. Dennoch kommt die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit der interdisziplinären Beratergruppe zur epidemiologischen Lage (MeSES) für viele überraschend, vor allem für die Mitglieder der Gruppe selbst.


Die Beratergruppe MeSES war am 15. März zunächst als ein Zusammenschluss von Experten entstanden. Am 6. April verpflichtete der damalige Gesundheitsminister Jan Blatný (parteilos) das Gremium kurzentschlossen als Beraterteam in seinem Ressort – wohl wissend, dass sein Nachfolger im Amt jede Unterstützung gebrauchen kann. Bereits einen Tag später wurde Blatný abberufen und durch Petr Arenberger (parteilos) ersetzt.

Als Beratungsorgan des Ministeriums sollte die Gruppe MeSES unparteiisch und unabhängig sein und in erster Linie die Wirkung und Effektivität der Anti-Corona-Maßnahmen beurteilen. Dabei kam ihr eine wichtige Rolle bei der Begründung der gegenwärtigen Lockerungsschritte zu, mit denen eine möglichst sichere Rückkehr zur Normalität gewährleistet werden soll. Am Dienstagabend aber beschloss das Gesundheitsministerium, diese Zusammenarbeit nach nur sechs Wochen zu beenden. Ressortchef Petr Arenberger:


„Es handelt sich um keine Entscheidung gegen MeSES, sondern um eine strukturelle Änderung in der Zusammenarbeit mit Beratergruppen. Die Änderung wurde von Staatsministerin Vašáková vorgeschlagen.“


Martina Vašáková ist neu in ihrer Funktion und hat mit ihrem Vorschlag offenbar auch den Nerv im Ministerium getroffen:

„Der Beschluss soll zu einer höheren Effizienz unserer Arbeit führen. Denn das Gesundheitsministerium sollte natürlich kompetent genug sein, um selbst die epidemiologische Lage einschätzen zu können.“


Ihre Aussage untermauerte die Staatssekretärin damit, dass im Zuge der Reorganisation im Ministerium die bisherigen kleinen Beraterzirkel für klinische, labortechnische und epidemiologische Fragen nun zusammengefügt werden sollen. Das neue Gremium nennt sich dann Beratergruppe Covid-19. Dies dürfte auch die innerbetriebliche Kommunikation verbessern, die während der Zusammenarbeit mit MeSES wiederholt kritisiert worden sei, so Vašáková.


Die 15 Mitglieder der Gruppe MeSES hingegen sind von der plötzlichen Ausbootung überrascht und enttäuscht. Ruth Tachezy bestätigte im Tschechischen Fernsehen (ČT), von einem Staatssekretär von dieser Entscheidung in Kenntnis gesetzt worden zu sein. Am Ende des Telefonats habe es ein kleines Dankeschön gegeben – und tschüss, formulierte Tachezy.

Sichtlich verärgert über das abrupte Ende der Zusammenarbeit zeigte sich der Leiter von MeSES, der Epidemiologe Petr Smejkal. Im Tschechischen Fernsehen konstatierte er zunächst:


„Im Ministerium ist man offenbar zu der Ansicht gelangt, dass man die Epidemie nun im Griff habe und alle weiteren Schritte selbst festlegen könne. Das respektiere ich. Es kommt jetzt wohl zum Zusammenschluss der drei Gruppen, die es im Ministerium gab.“


Doch Smejkal setzte sofort nach:


„Auf der anderen Seite glaube ich, dass man jetzt, da die Wahlen näher rücken, nicht mehr darüber sprechen will, welche Dinge wir in der Bekämpfung der Pandemie schlecht gemacht haben.“


Die Enttäuschung der MeSES-Gruppe liegt wohl auch darin begründet, dass sie sich für ihre Dienste ein langfristiges Engagement ausgerechnet hat. Dies bestätigte der Redakteur für Wissenschaft im Tschechischen Fernsehen, Vladimír Piskala:

„Die Gruppe MeSES hatte die Ambition, auf der Grundlage ihrer beratenden Tätigkeit ein wissenschaftliches Institut aufbauen zu können analog dem Robert-Koch-Institut in Deutschland. Man wollte eine Einrichtung schaffen, die eine unabhängige Autorität darstellt und von der jeweiligen Regierung oder von anderen Verantwortungsträgern respektiert wird.“


Nichtsdestotrotz hat die Gruppe MeSES noch am Dienstagabend beschlossen, ihre Tätigkeit fortzusetzen. Man wolle nun außerhalb des Ressorts einen langfristigen Plan zum Kampf gegen das Coronavirus ausarbeiten, schrieb der Epidemiologe Rastislav Maďar über den Kurznachrichtendienst Twitter.

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