„Hoffentlich gefällt es auch Mozart dort oben“ – der „Don Giovanni“ im Prager Ständetheater


Am Samstagabend kehrt der „Don Giovanni“ an den Ort seiner Uraufführung zurück: ins Prager Ständetheater. Mozarts Oper wurde dort 1787 erstmals vor Publikum gezeigt. Nun feiert dort eine Neuinszenierung ihre Premiere. Einstudiert hat sie der deutsche Dirigent und Mozart-Spezialist Karsten Januschke zusammen mit dem Orchester des Prager Nationaltheaters. In der Titelrolle stellt sich der slowakische Bariton Pavol Kubáň vor. Regie hat der norwegisch-schwedische Schauspiel- und Opernregisseur Alexander Mørk-Eidem. Wegen der Corona-Pandemie findet die Premiere ohne Publikum statt. Sie wird jedoch vom öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen live übertragen. Aber auch Opernfans im Ausland können sich die Vorstellung anschauen. Vor der Generalprobe hat Martina Schneibergová mit dem Dirigenten und dem Regisseur gesprochen. Im folgenden Kultursalon hören Sie zuerst das Gespräch mit Dirigent Karsten Januschke und danach das Interview mit Regisseur Alexander Mørk-Eidem.

Herr Januschke, ist es ein besonderes Gefühl, den „Don Giovanni“ in jenem Theatergebäude zu dirigieren, in dem die Oper uraufgeführt wurde?


„Ja, definitiv. Ich hatte schon die Freude, das Konzert zu Mozarts Geburtstag (27. Januar 2021, Anm. d. Red.) hier zu dirigieren. Als ich vor zwei Jahren eine Produktion in Wien gemacht habe, war ich zwischendurch als Tourist in Prag. Als ich zum Ständetheater kam, habe ich gesagt: ‚Das ist unglaublich – hier möchte ich einmal dirigieren, denn hier hat Mozart selbst seine Werke aufgeführt und dirigiert.‘ Es war dann ein Zufall, dass ich eingeladen wurde. Wenn man das erste Mal das Theater betritt, ist es schon so, als würde es ein Parfüm, einen Geruch von Geschichte verströmen. Und das ist etwas ganz Besonderes. Aber in dem Moment, in dem ich das Werk selbst dirigiere, bin ich so konzentriert, dass ich nicht darüber nachdenke, dass Mozart hier auch gestanden hat. Ich hoffe nur, dass es ihm dort oben gefällt.“

Haben Sie das Theater nicht schon aus Miloš Formans Film „Amadeus“ gekannt?


„Doch. Ich habe den Film sogar oft gesehen, aber ich muss peinlicherweise gestehen, das es schon relativ lange her ist. Und mir war damals gar nicht bewusst, dass es dieses Theater ist. Aber ich kenne den Film sehr gut. Auch wenn er nicht sehr historisch ist, mag ich ihn sehr.“


Wie finden Sie die Zusammenarbeit mit den tschechischen Musikern und Solistinnen beziehungsweise Solisten?


„Die Zusammenarbeit ist sehr einfach. Ich glaube, dass ich versucht habe, ein bisschen vielleicht den Stil, der normalerweise praktiziert wird, zu ändern. Es gibt sehr viele verschiedene Möglichkeiten, Mozart aufzuführen. Ich versuche, nicht nur die Schönheit seines Werks zu zeigen, denn ich glaube, Mozart war viel mehr. Es ist sehr schön, zu merken, dass sowohl die Sänger, die sehr hochklassig sind, wie auch das Orchester bereit sind, sich anderen Ideen zu öffnen. Ich glaube, das zeichnet die große Qualität von Musikern aus: dass sie nicht nur immer das Gleiche machen möchten, sondern auch an neuen Ideen interessiert sind.“

Sie haben aber den „Don Giovanni“ schon öfter vorher dirigiert…


„Ja, ich habe sehr oft Mozart dirigiert, aber nicht am meisten ‚Don Giovanni‘. Da war eher, glaube ich, die ‚Zauberflöte‘. Aber ich habe lustigerweise den ‚Don Giovanni‘ in ganz vielen Produktionen begleitet. Bereits vor 15 Jahren habe ich erstmals assistiert, und mittlerweile habe ich auch vier Inszenierungen dirigiert – zuletzt 2019 am ‚New National Theater‘ in Tokio.“


„Don Giovanni“ wurde damals als ein „dramma giocoso“ bezeichnet. Bedeutet das, dass die Oper nicht so ernsthaft ist, wie man annehmen würde?


„Über diesen Begriff ,dramma giocoso“ streiten sich die Wissenschaftler. Es ist erstmals bewundernswert, was Mozart in diesem Werk schafft. Nämlich den Spagat, dass er eine Tragödie – eine Oper mit Vergewaltigung und Mord – mit einer Komödie vereinbart. Das ist eigentlich unmöglich, aber er schafft das ganz toll. Trotzdem meine ich, dass von den drei Da-Ponte-Opern (Librettist Lorenzo Da Ponte, Anm. d. Red.) ‚Le nozze di Figaro‘ die menschlichste ist, ‚Così fan tutte‘ vielleicht für mich die traurigste und ‚Don Giovanni‘ dann die dunkelste.“


Ist es für Sie als Dirigent ein großer Unterschied, eine Oper zu dirigieren, die ohne Publikum aufgeführt werden muss, gegenüber einer Vorstellung in einem vollen Theater?


„Das ist witzig, denn ich habe gerade gestern mit dem Regisseur über dieses Thema gesprochen. Für mich ist es fast am einfachsten, weil ich den Vorteil habe, dass ich mit dem Rücken zum Publikum stehe. Das heißt, ich merke die Menschen gar nicht so wirklich. Natürlich fehlt der Applaus. Und ohne Publikum ist es sehr viel emotionsloser. Es ist ein leerer Raum, den wir da bespielen. Dennoch bin ich im Moment der Aufführung so auf das Werk konzentriert, dass ich das ein bisschen ausblenden kann.“

Hoffentlich erleben wir in ein paar Monaten den „Don Giovanni“ in einem vollen Ständetheater…


„Das hoffen wir alle sehr. Den Plänen nach soll das Stück sehr oft gespielt werden - und dann hoffentlich im ausverkauften Theater.“



Haben Sie in „Don Giovanni“ eine besonders beliebte Person?


„Ja, den Masetto. Er ist mir sehr sympathisch. Alle Protagonisten bis auf Don Giovanni sind komplett zerrissen. Donna Anna, die um ihren Vater trauert und gleichzeitig zu Don Ottavio eine Liebe hat oder vielleicht sogar auch zu Don Giovanni, wir wissen es nicht. Leporello möchte gerne selbst Don Giovanni sein, aber auf der anderen Seite hasst er ihn. Masetto ist der einzige, der aufrichtig liebt – und zwar Zerlina. Auch sie ist, glaube ich, eine Person, die zwar Masetto liebt, aber wenn sie die Chance hätte, sozial aufzusteigen, würde sie diese sofort nutzen. Deswegen ist Masetto der Ehrlichste. Don Giovanni ist auch ein Charakter, der sich im Stück nicht verändert. Doch ist er, glaube ich, kein guter Charakter.“

Die Partie von Masetto singt in der neuen Produktion der junge Bariton Lukáš Bařák. Wie finden Sie ihn in dieser Rolle?


„Ich finde ihn sehr gut, sensationell. Meine Prognose ist, dass er eine große Karriere als Sänger machen wird. Er hat eine tolle Stimme, eine sehr besondere Ausstrahlung auf der Bühne und ist ein sehr phantasievoller Mensch. Das alles zusammen ergibt ein seltenes Paket. Lukáš Bařák ist ein Charakter, mit dem man sehr gerne zusammenarbeitet. Ich glaube, er hat gute Chancen, einen schönen Weg als Sänger zu gehen.“

Der norwegisch-schwedische Regisseur Alexander Mørk-Eidem war in den letzten Wochen voll beschäftigt mit der Arbeit an der neuen Prager Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“. Aber auch zuvor habe er während des Corona-Jahres nicht über Mangel an Arbeit klagen können, merkt er an:


„Ich hatte eigentlich Glück, dass ich während der vergangenen Monate ständig gearbeitet habe. Dabei habe ich drei Premieren vorbereitet. Allerdings ist es ein seltsames Gefühl, ein Stück zu inszenieren, das sich kein Publikum im Theater anschauen kann. Wir hoffen jedoch, dass sich das noch ändert. Denn ohne Publikum ist eine Vorstellung unvollständig.“

Für einen Regisseur sei es ein sehr großer Unterschied, ob eine Oper vor Theaterbesuchern aufgeführt oder aus einem leeren Raum nur vom Fernsehen übertragen beziehungsweise gestreamt werde, merkt Mørk-Eidem an.


„Eine Opernvorstellung steht eigentlich auf ,drei Beinen‘: dem Bühnenbild mit der Handlung, das heißt dem Visuellen, dann der Musik und schließlich dem Publikum. Uns fehlt aber dieses dritte Standbein. Ich bin davon überzeugt, dass man die Musik am eigenen Körper spüren muss, man muss die Vibrationen fühlen.“


Der Regisseur inszeniert erstmals im Ständetheater. Es sei ein besonderes Gefühl gewesen, als er zum ersten Mal den Raum betreten habe, erinnert er sich.


„Ich habe mir vorgestellt, wie hier der Mensch stand, der die Oper geschrieben hat. Mittlerweile haben wir, die wir an der Vorstellung arbeiten, das Gefühl, mit dem Komponisten verwandt zu sein. Damit meinen wir natürlich nicht, dass wir etwa genauso genial wären wie Mozart, sondern dass wir uns um das Gleiche bemühen wie er: Wir versuchen, eine gute Vorstellung vorzubereiten, die Menschen zu Emotionen zu bewegen. Wir empfinden das, was sich hier vor fast 250 Jahren abgespielt hat, als eine Art Erbe. Und das finde ich fantastisch.“

In Mørk-Eidems Inszenierung ahnt Don Giovanni, dass er bald sterben wird. Der Regisseur:


„Unsere Auffassung unterscheidet sich von anderen Inszenierungen darin, dass wir Don Giovanni an den Folgen der Verletzung sterben lassen, die er im Duell mit dem Komtur erlitten hat. Und er ahnt, dass der Tag, an dem die Handlung spielt, sein letzter auf dieser Welt sein wird.“


Der Prager „Don Giovanni“ ist für Alexander Mørk-Eidem erst die vierte Oper. Denn der 49-jährige Regisseur hat bisher vor allem Schauspiele inszeniert. In Theatern in Norwegen, Dänemark und Schweden führte er unter anderem Stücke von Ibsen, Strindberg, Tschechow, Dostojewski oder Brecht auf. Was hält er von der Opernregie?


Quelle: Nationaltheater in Prag Quelle: Nationaltheater in Prag

„Ich versuche, mehr über die Oper an sich zu lernen. Wir werden sehen, wie die Vorstellung funktioniert. Es ist hinreißend und schön.“


Mozarts Oper „Don Giovanni“ wird im Prager Ständetheater in Kooperation mit dem Nationaltheater Mannheim aufgeführt. Die Premiere beginnt am Samstag um 20 Uhr und wird vom Tschechischen Fernsehen live übertragen. Auf der Webseite des Fernsehens ist die Aufzeichnung der Vorstellung sieben Tage lang ohne Geoblocking weltweit abrufbar. In den anschließenden 23 Tagen wird sie nur für die Zuschauer auf dem Gebiet Tschechiens zugänglich sein. Einzelheiten zur Premiere erfahren Sie unter

www.narodni-divadlo.cz/en/show/don-giovanni-3266352.


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