In Corona-Zeiten steigt die Solidarität in Tschechien


Die Bereitschaft, Menschen in Not zu helfen, ist in Tschechien in der Corona-Zeit gestiegen. Nach Angaben einiger gemeinnütziger Organisationen gibt es auch mehr regelmäßige Spender. So konnte beispielsweise die Prager Diakonie der evangelischen Kirche bereits im April mehr als 1000 Personen zählen, die jeden Monat einen finanziellen Beitrag leisten.


Er habe mit eigenen Ohren Erzählungen von Menschen gehört, die ökonomische Probleme und keinen Job hätten, obwohl sie arbeiten wollten. Dies habe ihn bewogen, diesen Menschen zu helfen, sagt Ondřej aus Prag.


Er und seine Frau haben schon im Frühling letzten Jahres geholfen: Sie haben Masken genäht sowie Schutzschilder für Feuerwehrleute und Polizisten in einem 3D-Drucker hergestellt. Das Ehepaar beteiligte sich auch an einer Sammlung. Mitglieder einer Facebook-Gruppe haben jeweils 100 Kronen (knapp 4 Euro) täglich an eine bedürftige Person geschickt. Im Laufe von anderthalb Monaten wurden auf diesem Weg mehr als 100.000 Kronen (3930 Euro) zusammengebracht.


Zudem hat Ondřej zur Spendensammlung unter dem Titel „Schuhkarton“ beigetragen. Diese wird von der Prager Diakonie der evangelischen Kirche organisiert und hilft Kindern in Not. Der Spender:


„Was mich dabei überzeugt hat, war die Arbeit der Diakonie mit den Spendern. Man hat mich angerufen und ganz genau informiert, was mit den Geldern passiert. Mehrere Kinder konnten dadurch ins Ferienlager fahren.“


Die Prager Diakonie registrierte in den vergangenen Monaten eine größere Solidarität unter den Menschen, wie Zdeňka Sobotová bestätigt. Sie betreut die Spender in der Diakonie:


„Es beteiligten sich 45 Prozent mehr Spender als im Vorjahr. Mit der Zeit haben viele angefangen, regelmäßig zu spenden. Im letzten Jahr hat sich das Interesse an sozialen Themen und an der Situation von Menschen in Not wirklich verstärkt. Menschen und Unternehmen wenden sich an uns und bitten um Rat, wie sie am besten helfen können.“


Die Diakonie arbeitet dank der Gelder derzeit an drei langfristigen Bauprojekten: ein Seniorenheim, ein Heim für Demenzkranke und eine Spezialschule für Kinder mit Behinderung. Laut Zdeňka Sobotová handelt es sich bei den meisten Spendern um Einzelpersonen:


„Dies entspricht nicht der allgemeinen Vorstellung. Die Menschen denken meistens, dass der Großteil von Firmen gespendet wird. Aber 75 Prozent unserer Spendeneinkommen stammen von Einzelpersonen.“


Auch die Spendensammlung Konto Bariéry für Menschen mit Behinderung begegnet einem größeren Interesse von Menschen, die Bedürftigen finanziell helfen wollen. Laut der Direktorin Božena Jirků kommen momentan die Gelder wesentlich schneller zusammen als vor der Corona-Zeit:


„Die Pandemie hatte noch nicht einmal begonnen, und schon nach einem Monat kam die Anweisung von der Leitung eines unserer ältesten Fonds, dass wir 500.000 Kronen an Menschen verteilen sollen, die vom Coronavirus betroffen wurden. Wir haben einen neuen großen Sponsor gewinnen können. Er hat uns in zwei Wellen geholfen, die Krankenhäuser mit anspruchsvoller Technik auszustatten. Das war damals am dringendsten nötig.“


Die Tschechen spenden besonders gerne per SMS. Nach Angaben des Spenderforums hat die Anzahl der verschickten Kurznachrichten erheblich zugenommen. Im vergangenen Jahr wurden über 56 Millionen Kronen (2,2 Millionen Euro) auf diesem Weg gespendet, das waren 16 Millionen Kronen (630.000 Euro) mehr als 2019.


Trotz der steigenden Solidarität bleibt Tschechien aber in dieser Hinsicht noch immer hinter dem Rest Europas zurück. Laut der jährlichen Studie „Global Trends in Giving Report“ für 2020 spenden durchschnittlich 43 Prozent der Europäer regelmäßig. In Tschechien sind es allerdings nur 14 Prozent.

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